"Christians For Future" fordern von Kirchen mehr Klimaschutz

Klimagerechtigkeit nicht ohne soziale Gerechtigkeit zu denken

In einer Graswurzelbewegung haben sich seit 2019 an verschiedenen Orten in Deutschland die "Christians for Future" gebildet. Der ökumenische Zusammenschluss setzt sich für Klimaschutz auch auf kirchlicher Ebene ein.

Junge Menschen bei "Fridays for Future" / © David Klammer (KNA)
Junge Menschen bei "Fridays for Future" / © David Klammer ( KNA )

KNA: Frau Wittenbrink, es gibt bereits eine große internationale "Fridays For Future"-Bewegung. Warum braucht es aus Ihrer Sicht noch die "Christians For Future"?

Edith Wittenbrink (Theologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Mainz, engagiert sich bei "Christians for Future" auf Bundesebene): Ich weiß nicht, ob die Bewegung unbedingt uns als christliche Zusatzgruppe braucht, auch wenn die große Vielfalt an Stimmen eine der Stärken dieser Bewegung ist. Aber ich glaube, dass die im Klimaschutz engagierten Christ*innen das teilweise brauchen.
Wir identifizieren uns mit den Zielen der Bewegung, tun dies aber aus einem christlich motivierten Hintergrund. Zugleich wurde Schöpfungsbewahrung ja nicht 2019 erfunden - im kirchlichen Kontext gibt es solche Anliegen unterschiedlich stark schon seit Jahrzehnten, da können wir Vernetzung ermöglichen. Es gilt aber auch zu überlegen, wie die Ziele der Klimaschutzbewegungen in die Kirchen hineinwirken und sie zu einem radikaleren Handeln anregen können.

KNA: Was meinen Sie mit radikalerem Handeln?

Wittenbrink: Wir haben den Eindruck, dass das Thema der Nachhaltigkeit in den Kirchen überwiegend auf individueller Ebene betrachtet wird: Wir können alle weniger Auto fahren, weniger fliegen, uns anders ernähren. Das reicht aber nicht. Es sind politische Entscheidungen, die jetzt getroffen werden müssen. Die Kirchen müssen sich strukturell einbringen, ihre Stimme erheben und Druck ausüben - wie sie es in anderen Bereichen längst tun.

KNA: Welche Forderungen stellen Sie konkret an die Kirchen?

Wittenbrink: Wir haben gerade eine Kampagne gestartet und darin zwölf Forderungen erarbeitet, mit denen wir uns an die Kirchenleitungen auf Bistums- und Landeskirchenebene wenden. Das sind Punkte wie ambitionierte Klimaziele und stärkere politische Äußerungen. Wir fordern aber auch, die Schöpfungsverantwortung verstärkt spirituell zu verankern und geistliche Angebote zu schaffen, in denen das Thema aufgegriffen wird.

KNA: Wie sehen die Reaktionen darauf aus?

Wittenbrink: Wir werden unsere Forderungen am 16. September an die Kirchenleitungen übergeben. Aber es gab natürlich im Vorfeld schon Gespräche, und gerade einige Umweltbeauftragte freuen sich über unseren Rückenwind. Auf Ebene der Kirchenleitungen sind die Reaktionen sehr unterschiedlich, da sind einige offen, andere eher skeptisch. Ähnliches gilt für Gemeinden. Mich hat aber vor allem überrascht, dass aus der Klimabewegung selbst so viel positive Resonanz kommt. Dort sind viele froh, dass Christ*innen sich engagieren.

KNA: Sie sprachen eben von einem christlich motivierten Hintergrund. Was genau bedeutet das für Sie?

Wittenbrink: Aus dem christlichen Menschenbild heraus ist Klimagerechtigkeit nicht ohne soziale Gerechtigkeit zu denken. Das nimmt «Fridays For Future» auch in den Blick. Als christlich-ökumenische Bewegung haben wir zudem einen weltweiten Blick. Wir schauen immer auch auf die Menschen im Globalen Süden, die von den Folgen des Klimawandels zuerst und am härtesten getroffen werden. Theologisch gesprochen ist es die Option für die Armen, die uns antreibt.

KNA: Nun ist gerade Pandemie - welche Angebote machen Sie in Zeiten, in denen große öffentliche Kundgebungen kaum umsetzbar sind?

Wittenbrink: Die Sozialen Netzwerke spielen für uns eine wachsende Rolle. Wir sind - im Gegensatz vielleicht zu manchen anderen kirchlichen Akteuren - sehr aktiv auf Social Media. Darüber kommen viele Kontakte zustande. Wir bieten zum Beispiel Andachten im Internet an. Für viele sind das wertvolle Angebote, die es sonst wenig gibt für christliche Aktivist*innen.

KNA: Die Klimabewegung ist eine sehr diverse Bewegung mit den unterschiedlichsten Akteuren. Wie gelingt da die Zusammenarbeit?

Wittenbrink: Wir sind offiziell Teil des "For Future"-Bündnisses und tragen als solches die Grundforderungen mit. Aber wir schauen uns die unterschiedlichen Akteure natürlich sehr genau an. Prinzipiell gehen wir mit allen ins Gespräch - auf der Grundlage von Diskriminierungs- und Gewaltfreiheit. Ich denke, es geht viel um eine persönliche Vertrauensbasis. Bisher haben wir damit keine schlechten Erfahrungen gemacht.

KNA: Der internationalen "Fridays For Future"-Bewegung wurde in der Vergangenheit wegen eines Tweets zum Nahost-Konflikt eine antisemitische Haltung vorgeworfen. Wie gehen Sie als christliche Gruppe damit um?

Wittenbrink: Der deutsche Ableger der Bewegung hat sich in den Sozialen Netzwerken von dem Post distanziert. Dieser Distanzierung haben wir uns sofort angeschlossen. Aber generell zeigt dieser Vorfall die Probleme von solch großen internationalen und diversen Bewegungen. Wir achten deswegen sehr genau darauf, dass die Organisationen, mit denen wir vor Ort kooperieren, generell Positionen vertreten, die auch für uns in Ordnung sind - Holocaustleugnung und Antisemitismus gehören eindeutig nicht dazu. Wir fühlen uns zutiefst einer interreligiösen Verständigung verpflichtet.

Edith Wittenbrink / © Universität Mainz (privat)
Edith Wittenbrink / © Universität Mainz ( privat )
Autor/in:
Annika Schmitz
Quelle:
KNA