Rosch Haschana- Jüdisches Neujahrsfest im Zeichen von Corona

"Klein und süß"

Für Juden weltweit startet bald das Jahr 5781: An diesem Freitag beginnt das Neujahrsfest Rosch Haschana. In Zeiten von Corona fallen die Feierlichkeiten kleiner aus. Manch einer hat dafür ein charmantes Motto parat.

Das Buch "Kizzur Schulchan Aruch", eine Zusammenfassung religiöser Vorschriften des Judentums / © Harald Oppitz (KNA)
Das Buch "Kizzur Schulchan Aruch", eine Zusammenfassung religiöser Vorschriften des Judentums / © Harald Oppitz ( KNA )

Wenn Rabbiner Elischa Portnoy auf das vergangene Jahr zurückblickt, macht er eine Pause und sagt leise: "Ich möchte Gott ein riesiges Dankeschön sagen. Wir blicken zurück und sehen, was alles passiert ist, und dass wir es unbeschadet überstanden haben." Sein Respekt davor ist deutlich in seiner Stimme zu hören. Portnoy ist Rabbiner in Dessau und Halle.

Dort steht die Synagoge, die nach dem Anschlag vom 9. Oktober 2019 traurige Berühmtheit erlangt hat. Wie durch ein Wunder überlebten die in dem Gotteshaus versammelten Beter, weil der Attentäter es nicht schaffte, sich durch die ebenfalls berühmt gewordene stabile Tür der Synagoge zu schießen. Allerdings tötete er eine Passantin und einen Mann in einem Imbiss.

Der Anschlag in Halle

Das war an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, ausgerechnet dem Versöhnungstag, der nach den auf Rosch Haschana folgenden zehn Bußtagen gefeiert wird. "An Rosch Haschana wird nach dem jüdischen Glauben von Gott alles vorherbestimmt, was dem Menschen im nächsten Jahr passiert", erklärt Portnoy.

Juden treten dann in das Jahr 5781 ein - nach jüdischer Zählung handelt es sich um das Jahr 5781 nach Erschaffung der Welt. Rosch Haschana findet in diesem Jahr vom Abend des 18. bis zum 20. September statt. Anders als in der christlich geprägten Gesellschaft hierzulande knallen aber keine Sektkorken oder Feuerwerkskörper.

Rosch Haschana - Der "Kopf des Jahres"

Denn die Tage sind geprägt von Gebeten in der Synagoge, Mahlzeiten innerhalb der Familie sowie persönlicher Einkehr, Reue und Buße. Rosch Haschana bedeutet wörtlich "Kopf des Jahres" - und dieser Beginn dürfte in diesem Jahr möglicherweise noch stiller ausfallen.

Da ist nicht nur der Gedanke an den Jahrestag des Anschlags von Halle. Sondern auch noch Corona, die damit verbundenen Gefahren und Ungewissheiten. "Wir sind gesund und leben noch, das ist ein großes Geschenk", sagt Portnoy. Corona hat auch Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Rosch Haschana und die Tage im Umfeld begangen werden.

Gottesdienste nur mit Abstand

Die Feierlichkeiten beginnen in der Regel mit einem Gebet in der Synagoge, mit dem Dankbarkeit für die Schöpfung ausgedrückt wird: Rosch Haschana erinnert an die Erschaffung des Menschen durch Gott. In der Synagoge wird der Schofar, das Widderhorn, geblasen. Auf den heimischen Tisch kommen unter anderem Äpfel mit Honig und andere süße Dinge, mit denen positive Wünsche für das neue Jahr verbunden sind.

Wegen der Corona-Beschränkungen werden Gottesdienste schon lange mit Abstand zwischen den Besuchern gefeiert. Manch einer traut sich wegen fragiler Gesundheit vielleicht nicht, in die Synagoge zu gehen. Einige Gemeinde wollen Online-Alternativen anbieten.

Der Schofar

Auch wird vielerorts dazu geraten, den Schofar nicht in geschlossenen Räumen zu blasen und dies ins Freie zu verlegen. Unter dem Klang des Schofar erfolgte nach biblischer Geschichte etwa die Übergabe der Thora an Moses; auch erinnert es an die geplante Opferung Isaaks.

Viele junge Juden feiern Rosch Haschana zusammen mit ihrer Familie. Was nicht heißt, dass dazu nicht auch enge Freunde eingeladen werden können, wie Dalia Grinfeld sagt. Manche Juden feierten auch Neujahr; für Zuwanderer aus der Ex-Sowjetunion sei das russische Neujahr ebenfalls ein wichtiges Datum.

"Es gibt kein einheitliches Rezept"

Grinfeld, frühere Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), sagt, dass Familien eigene Traditionen hätten. Diese seien so vielfältig wie jüdisches Leben. "Es gibt kein einheitliches Rezept." Wenn man zusammensitzt, reflektiere man über das vergangene Jahr, blicke auf das anstehende und frage sich: Was ist zu tun im neuen Jahr? Wie und wo kann ich mich einbringen? Und wünscht sich ein süßes rundes Jahr.

Wegen Corona fallen Feste kleiner aus als sonst. Dennoch besteht die Möglichkeit, einzelne Menschen, deren Familie etwa im Ausland lebt, zu sich nach Hause einzuladen. Dabei hilft "Base Berlin": Ein von einem Ehepaar - beide Rabbiner - geführter Salon, in dem junge Juden zusammenkommen. "Base Berlin" biete Unterstützung für die Einladung eines fremden Menschen an Rosch Haschana, sagt Grinfeld, die bei der Aktion mitmacht. Das Motto in Corona-Zeiten: "Klein und süß".

 

Ein Mann bläst in die Schofar / © Harald Oppitz (KNA)
Ein Mann bläst in die Schofar / © Harald Oppitz ( KNA )
Autor/in:
Leticia Witte
Quelle:
KNA