Das Schweizer Bistum Chur kommt nicht zur Ruhe

Klage gegen Interimsleiter Bürcher - der keilt zurück

Immer neuer Streit im Schweizer Bistum Chur. Interims-Bischof Peter Bürcher wehrt sich nun in einem Offenen Brief gegen eine "kleine, lautstarke Gruppe", die politischen Druck auf ihn ausübe.

Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt (Bistum Chur) / © Roman Babakin (shutterstock)
Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt (Bistum Chur) / © Roman Babakin ( shutterstock )

Nun ist es Bischof Peter Bürcher zu viel geworden. Das Bistum Chur habe "hausgemachte" Probleme, schreibt der Interimsleiter der Diözese in einem am Dienstag veröffentlichten Brief an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. "Eine kleine, aber lautstarke Gruppe von Personen, die zum Teil in der Sendung des Bistums stehen", habe "versucht, Stimmung zu machen" - und dabei Methoden angewandt, "die nicht dem Dialog, sondern der politischen Druckausübung dienen".

Sie habe die Medien und die öffentliche Meinung mittels einer Petition instrumentalisiert. Das sei in der Kirche "etwas Ungehöriges, das spaltet und verletzt".

Dialog oder Druckausübung?

Die Gruppe, die das Gespräch mit ihm einfordert, ist laut Bücher "nicht eine Dialoggruppe, sondern eine 'Pressure Group'". Weshalb er das so sieht, beschreibt er ausführlich: "Wenn man mit jemandem sprechen will, treibt man ihn nicht mit einer Medienkampagne wochenlang vor sich her. Man bietet ihn auch nicht einfach zu einem nicht gemeinsam vereinbarten Termin auf, an dem er eine Petition entgegenzunehmen hat."

Gemeint ist die Petition "Solidarität mit Dr. Martin Kopp: Wir distanzieren uns vom Entscheid von Peter Bürcher", den ihm eine Gruppe Katholiken - verbunden mit einer Pilgerreise nach Chur - Mitte Juni übergeben wollte. Angenommen wurde das von rund 3.800 Personen signierte Schreiben am Ende von der Kanzlerin des Bistums und dem Kanzleisekretär.

Zu der Klage, die die Gruppe im Oktober beim Diözesangericht einreichte, schreibt Bürcher: "Man kündigt auch nicht medienwirksam an, man werde jemanden - unter Berufung auf einen willkürlich ausgelegten Paragrafen des Kirchenrechts - vor Gericht ziehen, mit dem man angeblich einen Dialog führen will." Mit dieser Klage will die Gruppe "Vielstimmig Kirche sein" ein Gespräch erzwingen - das der Bischof ihnen bislang nicht gewährt hat.

Bürcher: Telefonaktion ist Belästigung

Auch die aktuell laufende Telefonaktion der Protestierer missfällt dem Bischof: "Man belästigt schließlich auch nicht tagelang die Mitarbeiter dessen, den man ins Visier genommen hat, mit Telefonanrufen, die man auch noch im Internet protokolliert."

Das alles seien "Einschüchterungsmaßnahmen", so Bürchers Fazit, und: "Das Ergebnis solcher Aktionen ist Verletzung und Spaltung, aber nicht Stärkung der Einheit, um die es allen Gläubigen im Bistum im Hinblick auf die Wahl und Ernennung eines neuen Bischofs gehen muss."

Hintergrund: Entlassung des Generalvikars

Weshalb die Gruppe auf so vielen Wegen versucht, in Kontakt mit ihm zu treten, steht im Brief des Bischofs nicht: Sie reagiert damit auf sofortige die Entlassung des langjährigen Generalvikars Martin Kopp durch Bürcher im März. Kopp hatte sich in den Augen des Interimsleiters nicht weisungsgerecht verhalten und öffentlich über die zähe Findung eines neuen Bischofs als Nachfolger des konservativen Vitus Huonder (2007-2019) gesprochen.

Seither verlangt "Vielstimmig Kirche sein" erfolglos, Bürcher solle Kopps Rauswurf zurücknehmen oder zumindest besser begründen.

Berufung auf "Fratelli Tutti"

Auf diese Forderung geht der Brief nicht ein. Vielmehr beschwört er die Einheit der Kirche, die ihren Bezugspunkt in der Bibel und dem Kirchenrecht habe und in der Einheit der Sakramente, der Glaubenslehre und der kirchlichen Leitung verankert sei. Dabei beruft sich Bischof Bürcher auf den Geist der Geschwisterlichkeit im Sinne der Papst-Enzyklika "Fratelli tutti" und das "Gebet füreinander" auf dem "Weg der Erneuerung" im Bistum Chur.

Der wäre tatsächlich bitter nötig: Seit Jahren kommt das komplizierte Kirchengebilde, zu dem neben stark ländlichen Kantonen auch die finanzstarke Metropole Zürich gehört, nicht zur Ruhe. Konservative und Frustrierte über "disziplinierende Haltung, hartherzige Theologie und pessimistische Bischöfe, die den Gläubigen misstrauen", finden nicht mehr zueinander.

Die Zerwürfnisse sind tief. Sie gehen zurück in die Amtszeiten der sehr konservativen Bischöfe Wolfgang Haas (1988/90-1997) und Vitus Huonder. Und sie haben sich auch auf Interimsleiter Bürcher, den früheren Bischof von Reykjavik, übertragen, während die Diözese weiter gespannt auf die Ernennung ihres neuen Bischofs wartet - allzu gespannt.

Bischof Vitus Huonder / © Julia Steinbrecht (KNA)
Bischof Vitus Huonder / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Peter Bürcher / © Andrea Krogmann (KNA)
Peter Bürcher / © Andrea Krogmann ( KNA )
Autor/in:
Regula Pfeifer und Alexander Brüggemann
Quelle:
KNA
Mehr zum Thema