Gedenktag der heiligen Hildegard von Bingen

Kirchenlehrerin und Werkzeug Gottes

Mystikerin, Mahnerin, Managerin: Hildegard von Bingen ist die wohl bekannteste Deutsche des Mittelalters. Als Benediktinerin wuchs sie weit über die normalen Möglichkeiten einer Frau ihrer Zeit hinaus. An diesem Freitag ist ihr Gedenktag.

Bronzestatue der Heiligen Hildegard von Bingen vor der Kirche der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim / © Arne Dedert (dpa)
Bronzestatue der Heiligen Hildegard von Bingen vor der Kirche der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim / © Arne Dedert ( dpa )

Mit ihrem universalen Wissen und ganzheitlichem Menschenbild beeindruckt sie bis heute; viele sehen Hildegard von Bingen als Vorläuferin des Umweltschutzes, manche gar als "erste Grüne".

Sie selbst sah sich vor allem als eines: als Werkzeug Gottes: "Aus dem offenen Himmel fuhr blitzend ein feuriges Licht hernieder. Es durchdrang mein Gehirn und setzte mein Herz und die ganze Brust wie eine Flamme in Brand. Es verbrannte nicht, war aber heiß wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den ihre Strahlen fallen. Plötzlich erhielt ich Einsicht in die Schriftauslegung, in den Psalter, die Evangelien und die übrigen Bücher des Alten und Neuen Testamentes."

Mit 42 Jahren hat Hildegard diese Vision. Das ist allerdings nicht ungewöhnlich für sie, die Benediktinerin kennt schon seit früher Kindheit Lichterscheinungen.

Göttliche Visionen

Dieses Mal aber fordert eine Stimme sie auf, öffentlich von ihren mystischen Erfahrungen zu erzählen. Das ist nicht ungefährlich für eine Nonne im Mittelalter. Kirchenmänner ziehen ihre Schilderungen in Zweifel, eine päpstliche Untersuchungskommission befragt sie. Am Ende aber erlaubt ihr Papst Eugen III., die Visionen aufzuschreiben. Das tut Hildegard dann um das Jahr 1150  – in ihrem berühmten Buch "Liber Scivias – Wisse die Wege": "Und ich habe diese Dinge nicht nach der Erfindung meines Herzens oder irgendeines Menschen geschrieben, sondern wie ich sie im himmlischen Bereich gesehen, gehört und durch die verborgenen Geheimnisse Gottes empfangen habe."

Päpstliche Anerkennung für Hildegard

Gestärkt durch die päpstliche Anerkennung kann Hildegard endlich ihr lang gehegtes Ansinnen umsetzen: Sie verlässt die Benediktinerabtei Disibodenberg, in die sie ihre Eltern schon mit 14 gebracht hatten, und baut auf dem Rupertsberg an der Nahe-Mündung in Bingen am Rhein ein eigenes, wirtschaftlich unabhängiges Kloster.

Als Äbtissin entwickelt sich Hildegard weiter zur Universalgelehrten. Ihr besonderes Interesse gilt der Schöpfung; als deren Lebenselixier macht sie die "viriditas" aus  - die "Grünkraft": "Die Seele ist die grünende Kraft im Leibe; sie wirkt mittels des Leibes und der Leib mittels der Seele, weil der Leib des Menschen durch sie wächst und gedeiht, wie auch die Seele durch die Feuchtigkeit des Leibes fruchtbar wird. Deshalb hat die vernünftige Seele eine gewisse Grünkraft in ihrem Vermögen, mit welcher sie die Weichheit der Gewebe und die Derbheit der Knochen und alle Gefäße durchdringt …”

Forschungen an Kräutern

Hildegard baut Kräuter und Heilpflanzen an und experimentiert mit deren Wirkstoffen. Sie rät zu maßvollem Genuss und stellt Ernährungspläne für Kranke auf: "Wenn der Mensch sein Fleisch in Maßen nährt, dann ist auch sein Betragen fröhlich und umgänglich. Wenn er aber im Übermaß der Schmausereien und Gelage dahinlebt, dann legt er zu jedem schändlichen Fehler den Keim. Und wer andererseits seinen Körper durch unterwürfige Enthaltsamkeit schädigt, der geht immer zornig einher."

Hildegards Devise: "Pflege das Leben, wo du es triffst“. Indem sie religiöse Vorstellungen mit volkstümlichen und medizinischen zusammenbringt, macht sie sich bald einen Ruf als kräuterkundige Heilerin und theologisch versierte Seelsorgerin. Adelige und Geistliche in ganz Europa suchen ihren Rat. Davon zeugen knapp 400 Briefe, die Hildegard an Ordensleute und Volksvertreter, an Bischöfe und Fürsten geschrieben hat.

Klare Worte an Kaiser Barbarossa

Zum Beispiel auch an Friedrich, den späteren Kaiser Barbarossa: "O König, es ist sehr nötig, dass du vorsichtig handelst. Ich sehe dich nämlich in einer geheimnisvollen Schau wie ein Kind und wie einen unbesonnen lebenden Menschen vor den lebendigen Augen 'Gottes'. Trotzdem aber hast du noch Zeit zur Herrschaft über irdische Belange. Hüte dich also, dass der himmlische König dich nicht wegen der Blindheit deiner Augen, die nicht recht sehen, wie du das Zepter zum richtigen Regieren in deiner Hand halten sollst, niederstreckt. Sieh auch darauf, so zu sein, dass die Gnade Gottes in dir nicht versiegt."

Eindringliche Mahnung zur Bewahrung der Schöpfung

Trotz oder wegen offener Worte wie dieser – Barbarossa stellt die couragierte Ordensfrau unter seinen persönlichen Schutz. Und so reist Hildegard durch die deutschen Lande und predigt – überaus ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit; sie spricht über medizinische und mystische Fragen, über ethische und kosmologische. Schon im Mittelalter mahnt sie eindringlich zur Bewahrung der Schöpfung. Und: sie preist in höchsten Tönen die Macht der Musik: "In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen."

Bis zu ihrem Tod am 17. September 1179 komponierte Hildegard auch eine ganze Reihe geistlich-spiritueller Hymnen; die über viele Jahrhunderte so gut wie vergessen waren, aber in den 1990er Jahren wurden sie neu entdeckt.

Hildegard als Kirchenlehrerin

Am 17. September 2012 erhob der deutsche Papst Benedikt XVI. die Ordensfrau Hildegard von Bingen in den Rang einer Kirchenlehrerin – und holte damit sozusagen die Heiligsprechung nach. Denn bis zu diesem Tag war die Mystikerin aus dem Mittelalter in der katholischen Kirche zwar hochverehrt, aber eben nie offiziell zur Ehre der Altäre erhoben, also heiliggesprochen worden. Und erst 2021 erhielt Hildegard im weltweiten liturgischen Kalender der Kirche einen eigenen Gedenktag.

Hilde Regeniter

Bildnis von Hildegard von Bingen am Altar der Rochuskapelle in Bingen (KNA)
Bildnis von Hildegard von Bingen am Altar der Rochuskapelle in Bingen / ( KNA )
Quelle:
DR
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