Kirchen machen auf Sehbehinderung aufmerksam

"Die Liedanzeige ist meistens zu klein"

Wie kommen Menschen mit Sehbehinderung im Gottesdienst zurecht? Die Gemeindereferentin Beate Schultes, selbst blind, kennt die Herausforderungen. Im Interview erklärt sie, wie Gemeinden blinde Menschen noch besser unterstützen können.

Ein blinder Mann sitzt mit seiner Frau in einer Kirchenbank / © Harald Oppitz (KNA)
Ein blinder Mann sitzt mit seiner Frau in einer Kirchenbank / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Der Juni soll ganz im Zeichen von Menschen mit Sehbehinderung stehen. Das hat das Aktionsbündnis des Deutschen Blinden und Sehbehinderten Verbandes mit der Katholischen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland beschlossen. In verschiedenen Bistümern werden spezielle Gottesdienste für Menschen mit und ohne Sehbehinderung gefeiert. In Köln haben Sie einen Gottesdienst organisiert. Für Menschen mit Sehbehinderung ist der Besuch eines Gottesdienstes, würde ich mal vermuten, kein Spaziergang. Sie selbst sind seit Ihrer Kindheit blind. Wo liegen die Herausforderungen? 

Beate Schultes (Gemeindereferentin und Krankenhausseelsorgerin, selbst blind): Die Herausforderungen liegen darin, dass man sich den Raum immer wieder neu erschließen muss. Wenn jemand mit einer Sehbehinderung in eine Kirche kommt, muss erst mal geschaut werden: Wie sind die Lichtverhältnisse? Sind die Kontraste so, dass Sie sich gut zurecht finden können? Die Frage ist auch: Wie finde ich dort einen Platz? Wie geht es mit der Kommunionausteilung oder mit dem Abendmahl? Wie läuft das mit den Liedern – werden die angesagt oder gibt es eine Anzeige? Die ist meistens so klein, dass man sie als sehbehinderter Mensch nicht lesen kann.

Beate Schultes, Gemeindereferentin und Krankenhausseelsorgerin

Wenn jemand sehbehindert ist und in eine Kirche geht oder einen Gottesdienst besucht, dann bedeutet das für ihn einige Unwägbarkeiten.

Es gibt verschiedene Arten von Sehbehinderung und man kann nicht sagen, wir machen das so und dann ist allen geholfen. Das ist wirklich schwierig. Und wenn jemand sehbehindert ist und in eine Kirche geht oder einen Gottesdienst besucht, dann bedeutet das für ihn einige Unwägbarkeiten, mit denen er oder sie sich dann erst mal zurechtfinden muss. 

DOMRADIO.DE: Wie kann man Menschen mit Sehbehinderung im Gottesdienst helfen? Was sind kleine Ansätze, die schnell erledigt werden können? 

Schultes: Das Problem ist, dass man Sehbehinderungen oft – im Gegensatz zur Blindheit – gar nicht erkennen kann. Viele sehbehinderte Menschen nutzen keinen Blindenstock und sind auch nicht durch eine Plakette gekennzeichnet und manchmal bemerkt man diese Sehbehinderung gar nicht. Da kann Sie jemand fragen "Können Sie mir das mal vorlesen?" und man wundert sich, weil der so gar nicht danach aussieht, als ob er das nicht lesen könnte.

Aber es ist so, dass es eben ganz unterschiedliche Arten von Sehbehinderungen gibt, die man den Menschen erst mal nicht ansieht. Wenn einem das auffällt, finde ich immer gut, einfach so zu fragen: Können wir Sie unterstützen? Und dann wird der oder diejenige einfach sagen, was er oder sie braucht. Das finde ich immer ganz wichtig. Und was auch wichtig ist: den Leuten wirklich Zeit zu lassen, das auch selbst zu entdecken. Manche Menschen sind beleidigt, wenn wir Hilfe ablehnen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man die Hilfe nicht möchte, sondern viele möchten auch erst mal selber schauen und brauchen ein bisschen Zeit.

Beate Schultes, Gemeindereferentin und Krankenhausseelsorgerin

Es gibt ganz unterschiedliche Arten von Sehbehinderungen, die man den Menschen erst mal nicht ansieht

Wenn dann aber Hilfe oder, ich sage lieber, Unterstützung erforderlich ist, dann ist es einfach gut, genau nachzufragen: Wie hätten Sie es denn gerne? Es gibt ja diesen berühmten Satz von jemanden, der einen Blinden über die Straße führt und er wollte das gar nicht. Und so was passiert leider immer wieder. Lieber ein bisschen zurückhaltend und vorsichtig sein, dann wird man hinterher auch nicht enttäuscht. 

DOMRADIO.DE: Sie sind mit für den Gottesdienst am Pfingstmontag verantwortlich, 9.30 Uhr gibt es in der Krankenhauskapelle des Franziskushospitals in Köln-Ehrenfeld. Was haben Sie vorbereitet? 

Schultes: Wir werden schauen, dass die Lieder alle angesagt werden und werden auch eventuell Texte vorlesen. Der Gottesdienst ist ja nicht geplant für eine Gemeinde, die nur aus Sehbehinderten besteht. Es geht uns vor allen Dingen darum, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Es wird ein ganz normaler Gottesdienst sein und wir werden die Lieder ansagen.

Ich habe auch aus dem Aktionsmaterial für den Sehbehindertensonntag Lese- und Simulationsbrillen und Leselupen vorbereitet. Menschen ohne Sehbehinderung, die den Gottesdienst besuchen, können dann einmal so eine Brille aufsetzen oder eine Lupe zur Hand nehmen, die ihnen in etwa spiegelt, was Sehbehinderte sehen. Das können sich viele Menschen ja sonst nicht vorstellen. 

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich denn von der Kirche oder von Gemeinden an Unterstützung? 

Schultes: Ich finde es wichtig, die Menschen anzusprechen, wenn man um ihre Probleme weiß und ihnen entgegenzukommen. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten: Informationen auf den Webseiten barrierefrei aufzubereiten – das ist nicht immer der Fall in allen Kirchengemeinden. Die Lieder anzusagen, wäre super. Den Leuten, wenn man um ihre Probleme weiß – es sind ja auch oft ältere Leute, die die Sehbehinderung erst im Laufe des Lebens erwerben – einfach Unterstützung anzubieten. Zu sagen, wenn du in die Kirche kommst und du fühlst dich unsicher, sprich' uns an oder dass man jemanden aus der Gemeinde bittet zu schauen, dass ein sehbehinderter Mensch auch gut seinen Weg findet.

Beate Schultes, Gemeindereferentin und Krankenhausseelsorgerin

Warum soll ein Mensch mit Sehbehinderung keinen Lektorendienst machen oder keine Kommunion austeilen?

Und was natürlich auch toll ist – die Menschen einzubeziehen. Warum soll ein Mensch mit Sehbehinderung keinen Lektorendienst machen oder keine Kommunion austeilen? Also solche Dienste, dass man einfach Menschen mit Behinderung auch anspricht, Dienste in der Gemeinde zu übernehmen oder im Chor mitzusingen. Gut, die können vielleicht nicht so schnell die Noten lesen, da muss man sich was überlegen. Aber es gibt ganz viele Audiodateien und es gibt ganz viele Möglichkeiten. Es gibt auch Blinden-Notenschrift oder es gibt ganz viele Vergrößerungstechniken. Also ich finde es einfach wichtig, sich mehr darum zu bemühen, die Menschen wirklich ganz inklusiv teilhaben zu lassen in der Gemeinde. 

Das Interview führte Oliver Kelch. 

Bundesweiter Aktionsmonat Juni

Mit Gottesdiensten und unterschiedlichen Veranstaltungen soll in einem bundesweiten Aktionsmonat auf die Belange von Menschen mit Sehbeeinträchtigung aufmerksam gemacht werden. "Viele Menschen mit Sehbeeinträchtigung möchten ihre Behinderung nicht nach außen tragen. In Kirchengemeinden fehlt es deshalb oft an Bewusstsein für dieses Thema, und sehbehinderte Menschen stoßen auf Probleme, die teilweise mit ganz einfachen Mitteln und einem klärenden Gespräch aus dem Weg zu räumen wären", teilte die Deutsche Bischofskonferenz in Bonn mit.

Eine Frau liest ein Buch in Brailleschrift / © Africa Studio (shutterstock)

Quelle:
DR
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