Die nationale Bischofskonferenz hat zum 50. Jahrestag des Militärputsches zu einer Generalkritik an der politischen Entwicklung angesetzt. Sie warnt vor antidemokratischen Tendenzen.
Ohne Milei namentlich zu nennen, gehen die Bischöfe auf eine politische Kultur ein, die sie für bedenklich halten: "Wir leben in einer Zeit, in der der Autoritarismus zunehmend an Boden gewinnt; einer Zeit, in der Populisten unterschiedlicher Couleur die Ängste der Bürger ausnutzen, ohne aber ein Rezept für ein gutes Leben zu bieten", schreiben die Bischöfe in einem Brief, aus dem argentinische Medien zitieren.
"Eine Zeit, in der sich zunehmend die Ideologie des Überlebens des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren durchsetzt, obwohl sich die Stärke der Demokratie doch gerade in der Fürsorge für die Schwächsten zeigen sollte."
Bischöfe fordern Brüderlichkeit
Die Jahre der Diktatur nach dem Militärputsch am 24. März 1976 bis 1983 beschreiben Argentiniens Bischöfe als eine "dunkle Nacht", die von Staatsterrorismus überschatten worden sei. "Heute sagen wir mit Nachdruck: 'Nie wieder' zur Gewalt der Diktatur - und 'immer mehr' für eine gerechte Demokratie."
Weiter fordern die Bischöfe, dass "die Schwere der Ereignisse in diesen gewalttätigen Jahren" Erinnerung und Selbstkritik verlange, von der Gesellschaft wie auch von der Kirche. Die Bischöfe sehen eine "Notwendigkeit, soziale Brüderlichkeit wiederaufzubauen als Voraussetzung für die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft".
In ihrem Schreiben gehen die Bischöfe aber auch indirekt auf eine Forderung aus dem libertären Lager Mileis selbst ein, indem sie von einer "umfassenden Erinnerung" sprechen. Das Portal "Infobae" wertet die Formulierung als indirekten Appell in der gegenwärtigen Debatte um den angemessenen Umgang mit den Verbrechen der Diktatur.
Debatte um Aufarbeitung
Insbesondere Vizepräsidentin Victoria Villarruel fordert, dass in der Erinnerung an Argentiniens Geschichte auch die linksextreme Gewalt im Vorfeld der Diktatur aufgearbeitet werden und an deren Opfer erinnert werden müsse. Vor dem Putsch seien rund 1.000 Menschen ermordet, gefoltert oder entführt worden.
Die Kirche warnt allerdings auch vor den Gefahren einer Geschichtsklitterung, wie sie Argentiniens Linke dem Milei-Lager vorwirft. Der Präsident zieht die von einer Wahrheitskommission taxierte Zahl von 30.000 Diktaturopfern in Zweifel. Es gelte, so die Bischöfe, "die Flamme des kollektiven Bewusstseins am Leben zu erhalten und künftigen Generationen von dem Schrecken zu zeugen, der sich ereignet hat". Die Beachtung der Menschenrechte bezeichnen sie als eine unüberwindbare Grenze und als Konsens der argentinischen Politik.
Verbrechen der Militärs
Die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 gilt als eine der brutalsten in der Geschichte Lateinamerikas. Die regierende Militärjunta ließ Tausende Oppositionelle oder jene, die sie dafür hielt, verhaften, foltern und oft ermorden. Besonders brutal war die Praxis, politische Gefangene aus Flugzeugen über dem Meer abzuwerfen. Oppositionellen schwangeren Frauen wurden die Kinder weggenommen und ohne Wissen ihrer Mütter an regimetreue Familien weitergegeben.
Präsident Milei ist seit Ende 2023 im Amt. Seitdem hat er einen radikalen Sparkurs gefahren, um die private Wirtschaft anzukurbeln. Er verweist auf Erfolge im Kampf gegen Inflation und Armut sowie gute ökonomische Daten. Laut Zahlen der Katholischen Universität Argentiniens vom Dezember lag die Armutsquote mit 36 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 2018. Mileis Gegner werfen ihm hingegen vor, der radikale Sparkurs und Sozialabbau produziere viele Verlierer.