Politikwissenschaftler nimmt CDU-Kandidaten in den Blick

"Kein Kandidat ein Totalausfall"

Für den künftigen Vorsitz der CDU kandidieren mit Friedrich Merz, Helge Braun und Norbert Roettgen bislang drei katholische Männer. Andreas Püttmann nennt die Chancen der Kandidaten und schaut auf ihr jeweiliges katholisches Profil.

CDU-Logo / © Hendrik Schmidt (dpa)
CDU-Logo / © Hendrik Schmidt ( dpa )

DOMRADIO.DE: Was glauben Sie, wer das Rennen macht?

Dr. Andreas Püttmann (Politikwissenschaftler und Publizist): Ich halte Merz für den Favoriten. Wenn man bedenkt, dass er beim Parteitag im Januar den ersten Wahlgang mit fast 40 Prozent der Stimmen vor Armin Laschet gewann, weit vor Norbert Röttgen mit etwa 22 Prozent, dann ist er doch klar in der Pole-Position.

Es gibt auch eine Umfrage von Forsa vor einem Jahr unter den Mitgliedern, wo 45 Prozent für Merz waren und nur 13 Prozent für Röttgen, bei damals 24 Prozent für Laschet. Wenn nun erstmals die Parteimitglieder entscheiden, die nach Umfrage-Studien der Adenauer-Stiftung konservativer eingestellt sind als die Anhänger, dann dürfte Merz die Nase vorn haben.

Allerdings muss der Köder nicht dem Angler schmecken, sondern den Fischen. Und das sind nun mal die Wähler. Ob die Mitglieder dies berücksichtigen oder ihren eigenen ideologischen und persönlichen Geschmack zum Maßstab machen statt die Wahlchancen der Union, das wird man dann sehen.  

DOMRADIO.DE: Was sagen Sie denn zu Helge Braun?

Püttmann: Helge Braun ist eher ein Außenseiter, weil er ganz neu im Rennen ist und nicht den Vorlauf der Kandidaturen beim letzten Mal hat. Röttgen und Merz haben da schon einen Vorsprung durch ihre bisherigen Kampagnen. Auch im Bundeskabinett ist ja Braun – jedenfalls bis zur Corona-Pandemie, wo er mehr in die Öffentlichkeit trat – als Kanzleramtschef nicht so stark aufgefallen wie ein Ressortminister. Das ist eher ein Handicap.

DOMRADIO.DE: Rita Süssmuth hätte wohl gerne eine Frau an dieser Stelle. Wer käme denn da aus Ihrer Sicht in Frage? Die einzige Frau, die sich beworben hat, ist schon in ihrem eigenen Kreis gescheitert.

Püttmann: Das Problem ist, dass die prominenten Frauen der CDU entweder nicht mehr in Frage kommen wie Ursula von der Leyen, weil sie jetzt eine zentrale Figur der Europapolitik ist, oder weil sie als Mitglieder im jetzigen Bundeskabinett nicht so gut für einen Neuaufbruch stehen können.

Man wird auch im Hinterkopf haben müssen, dass nur ein gutes Viertel der Parteimitglieder Frauen sind. Ich würde die Frage auch deswegen nicht so ganz hoch hängen, weil die CDU ja mit Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer gerade zwei weibliche Parteivorsitzende hatte.

Wir kommen quasi aus einem mehr als 16-jährigen Matriarchat, da wird es ja wohl nicht so schlimm sein, wenn jetzt mal ein Mann Parteivorsitzender wird und dafür nur Männer miteinander konkurrieren.

DOMRADIO.DE: Wen würden Sie denn persönlich gerne an der Spitze der CDU sehen?

Püttmann: Ich könnte Röttgen und Braun wählen. Von Merz würde ich dringend abraten. Aus vier Gründen: Erstens steht er inhaltlich bisher für eine zweite, größere FDP und für ein Maximum an Bruch mit der Ära Merkel. Das heißt, er würde das Gros der zur SPD und Grünen gewechselten Wähler nicht zurückgewinnen.

Zweitens wegen seiner Persönlichkeit: Er ist häufiger als impulsiv und unbeherrscht aufgefallen, auch bei öffentlichen Auftritten, etwa in einer Talkshow neulich im Clinch mit Minister Hubertus Heil. Drittens, weil er keinerlei Regierungserfahrung vorzuweisen hat. Und viertens, weil er als Laschet-Vize bei der Bundestagswahl - er war quasi Running Mate des Kanzlerkandidaten - ja schon mitgescheitert ist.

Röttgen ist ein kluger Kopf, profilierter Außenpolitiker, moderner aufgestellt etwa bei Klima und Migration. Aber ihm fehlt es doch etwas an Rückhalt in der Partei. Er hat beim letzten Parteitag kein Viertel der Stimmen bekommen. Dass er das seitdem wettmachen konnte, würde ich doch bezweifeln.

Zudem hat er 2012 eine Wahl in Nordrhein-Westfalen nach ungeschicktem Taktieren krachend verloren und ist der einzige von Merkel aktiv entlassene Minister gewesen. Das scheint mir seine Chancen doch etwas zu mindern.

DOMRADIO.DE: Die drei Kandidaten sind alle katholisch. Wer würde aus Ihrer Sicht der Entwicklung der Kirche gut tun?

Püttmann: Was die Gläubigkeit und Kirchlichkeit betrifft, ist das schwer von außen zu beurteilen. Alle drei bekennen sich als gläubige Katholiken. Da muss man schon auf die politisch-ethischen Positionen und übrigens auch auf den Habitus schauen, denn das C steht ja nicht nur für Inhalte, sondern auch für eine persönliche Performance.

Wenn man kirchliche Positionen mit den jeweiligen Kandidaten abgleicht, dann scheint mir Merz weniger repräsentativ für das Christlich-Soziale zu sein, außer bei Fragen des Lebensschutzes wie der Präimplantationsdiagnostik oder dem Paragraphen 218, wo er parteiintern eher als Konservativer katholische Positionen vertrat.

Aber bei der Bewahrung der Schöpfung, der sozialen Gerechtigkeit, der Flüchtlingspolitik oder auch der Schärfe seiner Abgrenzung zur AfD gab es gemessen an den kirchlichen Positionen bisher Defizite. Röttgen bezieht sich auf das C etwa in der Umweltpolitik als Bewahrung der Schöpfung und bei der Migration.

Und Braun hat ja bei Ihnen im DOMRADIO sehr authentisch seine christliche Gläubigkeit als wesentliches Motiv für seinen CDU-Eintritt genannt. Auch von seinem Habitus her ist er in seiner sanftmütigen, verbindlichen und auch demütigen Art ganz gut mit dem Christlichen in Einklang zu bringen.

Insofern ist kein Kandidat hier ein Totalausfall, aber ich persönlich empfinde, dass Braun das C am stärksten ausstrahlt.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Dr. Andreas Püttmann (privat)
Dr. Andreas Püttmann / ( privat )
Quelle:
DR
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