Warum sich Helge Braun als CDU-Vorsitzender bewirbt

"Mehr über christliche Werte reden"

Nach der historischen Wahlschlappe im September will sich die CDU neu aufstellen. Der Parteivorsitz ist vakant und muss neu besetzt werden. Helge Braun, derzeit geschäftsführender Kanzleramtsminister, stellt sich der Wahl. Was bewegt ihn dazu?

Helge Braun / © Pressebild (privat)
Helge Braun / © Pressebild ( privat )

DOMRADIO.DE: Sie waren lange die rechte Hand von Angela Merkel. Stehen Sie da nicht eher für Kontinuität als für einen echten Neuanfang?

Helge Braun (Geschäftsführender Chef des Bundeskanzleramtes und Kandidat für den CDU-Vorsitz): Jetzt ist doch eins ganz klar: Wir gehen in die Opposition. Deshalb wird sich unsere Arbeit grundlegend ändern. Aber beim Blick zurück kann man, glaube ich, sagen, Angela Merkel und 16 Jahre ihrer CDU-geführten Regierung haben Deutschland gutgetan. Darauf sind wir stolz. Aber nach dieser Wahlniederlage muss sich insbesondere unsere Parteiarbeit ganz grundlegend ändern, und darum möchte ich mich gerne kümmern.

DOMRADIO.DE: Drei mittelalte bis ältere weiße Männer – das sind die Kandidaten für den Vorsitz. Sie sind quasi noch der diverseste, weil Sie nicht aus NRW kommen. Wirft nicht alleine diese Kandidaten-Runde ein rückständiges Licht auf die CDU?

Braun: Nein. Ich glaube, dass wir drei sehr unterschiedliche Kandidaten sind. Und ich möchte ja als Vorsitzender auch nicht alleine für die CDU stehen. Vielmehr ist es dann die Aufgabe, einen Bundesvorstand zu bilden, der die unterschiedlichen Strömungen in der CDU so abbildet, sodass wir zeigen können: Die CDU ist eine Volkspartei mit sehr breitem Meinungsspektrum und auch sehr unterschiedlichen Charakteren.

DOMRADIO.DE: Uns interessiert auch der religiöse Hintergrund eines Politikers. Sie selbst sind römisch-katholisch. Was bedeutet Ihnen persönlich Ihr Glaube?

Braun: Das ist für mich der zentrale Punkt im Leben. Daran machen sich meine Wertentscheidungen fest. Das war für mich damals auch einer der Gründe, mich in der CDU zu engagieren: Dass wir eben dieses Wertefundament, das wir haben, auch in unserem politischen Alltag umsetzen.

DOMRADIO.DE: Ihre Partei trägt das Christliche bis heute im Namen. Wie wollen Sie christliche Werte konkret in Tagespolitik übersetzen?

Braun: Zunächst einmal ist das etwas, über das wir in der CDU wieder mehr reden müssen. Wir haben ja in der Vergangenheit und auch jetzt im Wahlkampf häufig von den Mitgliedern gehört: "Ich bin unsicher, ich kann nicht argumentieren, wofür die CDU eigentlich steht." Das ist ein Zustand, den wir ändern müssen. Wir müssen uns unsere Werte wieder bewusst machen und dann in jeder Einzelentscheidung bewusst machen, was das im Alltag heißt. Das ist eine große Aufgabe.

Ich glaube zum Beispiel, dass sich aus dem christlichen Menschenbild eine soziale Verantwortung ergibt. Das ist einer der Punkte, die im Wahlkampf zu kurz gekommen sind. Viele Menschen mit kleinen Einkommen haben sich in den letzten Jahren von der CDU sehr gut vertreten gefühlt, weil wir Sicherheit von Arbeitsplätzen und auch Wohlstandszugewinne gut realisieren konnten. Da ist etwas weggebrochen, darüber müssen wir reden.

DOMRADIO.DE: Beispiel Flüchtlingspolitik. Nach Merkels berühmtem "Wir schaffen das" hat es auch in der CDU kräftig rumort. Wie bewerten Sie da zum Beispiel die aktuelle Lage an der belarussisch-polnischen Grenze?

Braun: Diese Lage ist natürlich besonders bestürzend, weil das ganz anders ist, als eine Fluchtbewegung, die aus einem Gebiet heraus erfolgt, wo Bürgerkrieg herrscht. Hier haben wir es mit der Situation zu tun, dass die belarussische Regierung regelrecht das Instrument, Flüchtlingsströme anzulocken und zu organisieren, gegen Europa aggressiv einsetzt.

Das muss man sehr schnell beenden, weil da Menschen missbraucht werden und die Humanität mit Füßen getreten wird. Das geht überhaupt nicht. 

DOMRADIO.DE: Ein Zankapfel zwischen Noch- und künftiger Bundesregierung ist gerade besonders die Corona-Politik. Ist das nicht unwürdig, sich da gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben? Eigentlich braucht es doch vereinte Kräfte, um die vierte Welle noch zu brechen.

Braun: Das ist absolut richtig, alle müssen zusammenarbeiten. Das ist jetzt wirklich eine Frage von Leben und Gesundheit. Deshalb muss schnell gehandelt werden. In der Tat gab es auch Differenzen in den letzten Tagen. Das lag daran, dass das, was die Ampel-Verhandler bisher vorgeschlagen hatten, bei weitem nicht ausreichte, um diese Welle zu brechen.

Da sind jetzt die Signale deutlich positiver. Darüber bin ich froh. Es werden jetzt deutlich weitergehende Maßnahmen erwogen. Das ist gut. In dieser Woche findet auch die Ministerpräsidentenkonferenz statt, die wir eigentlich schon zwei Wochen früher gebraucht hätten. Insofern raufen sich da jetzt alle zusammen. Aber zu Beginn dieser Welle alle dahinter zubekommen und zu sagen: "Es ist jetzt ernst, wir müssen handeln", das war nicht so einfach.

Das Interview führte Dagmar Peters

Quelle:
DR