Katholische Kirche in Deutschland 30 Jahre nach der Wiedervereinigung

Zusammengewachsen, was zusammengehört?

Etwa 27 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören der römisch-katholischen Kirche an. Seit der Wiedervereinigung hat sich auch hier einiges getan. Dennoch gibt es nach wie vor Unterschiede zwischen Katholiken in Ost und in West.

25 Jahre Mauerfall  (dpa)
25 Jahre Mauerfall / ( dpa )

Das Jahr 1994 galt als ein für die Struktur der katholischen Kirche in Deutschland einschneidendes. Durch verschiedene Apostolische Konstitutionen wurde die Kirchenlandschaft neu geordnet. In diesem Zusammenhang wurden die bis dahin bestehenden Apostolischen Administraturen und Bischöflichen Ämter Erfurt-Meiningen, Görlitz und Magdeburg zu eigenständigen Bistümern erhoben und mit der Erhebung Berlins zum Erzbistum eine neue Kirchenprovinz errichtet. Die bisherigen Administratoren wurden zu Diözesanbischöfen bzw. der Berliner Bischof zum Erzbischof. Personell änderte sich jedoch nichts.

Eine Ausnahme bildete hier das Erzbistum Hamburg, welches 1994 neu errichtet wurde und sich aus Teilen des Bistums Osnabrück, kleinen Gebieten des Bistums Hildesheim und dem zu Osnabrück gehörenden Bischöflichen Amt Schwerin zusammensetzt. Damit wurde ein Bistum errichtet, in welchem Katholiken aus Ost und West zusammenleben. Neuer Erzbischof wurde Ludwig Averkamp, zuvor Bischof von Osnabrück. Der bisherige Administrator für das Bischöfliche Amt Schwerin, Norbert Werbs, wurde zum Bischofsvikar des Hamburger Erzbischofs für den mecklenburgischen Teil der Erzdiözese und hatte seinen Wohnsitz weiterhin in Schwerin.

Dem Stern von Bethlehem nach Köln gefolgt

Bei Neuernennungen von Diözesanbischöfen blieben Ost- und Westkatholiken meist noch unter sich. In Hamburg folgte auf Ludwig Averkamp der bisherige Münstersche Weihbischof Werner Thissen und seit 2015 ist der ehemalige Kölner Generalvikar Stefan Heße Metropolit der Norddeutschen Kirchenprovinz. Ihm steht seit 2017 der ehemalige Schweriner Propst Horst Eberlein als Weihbischof zur Seite, der allerdings seinen Wohn- und Amtssitz nun in Hamburg hat und nicht mehr allein für den mecklenburgischen Teil, sondern für das gesamte Erzbistum zuständig ist.

Bischöflichen Transfer zwischen Ost und West hatte es allerdings schon vor dem Mauerfall gegeben. Bereits Ende 1988 wurde Joachim Kardinal Meisner, bis dahin Bischof des in Ost und West geteilten Bistums Berlin, zum Erzbischof von Köln ernannt. Dem gebürtigen Schlesier widerstrebte anfangs der Fortgang in den Westen, hatte er doch noch beim Dresdner Katholikentreffen im Jahr zuvor dazu aufgerufen, in der DDR zu verbleiben und keinem anderen Stern zu folgen als dem Stern von Bethlehem. Dass dieser auch den Vierungsturm des Kölner Domes schmückt, hatte Meisner damals wohl nicht im Sinn. Aber Papst Johannes Paul II. prophezeite dem Berliner Noch-Bischof, er werde der erste sein, der von Ostdeutschland nach Westdeutschland ginge und viele würden ihm folgen.

In der Diktatur des Nationalsozialismus und im realexistierenden Sozialismus der DDR aufgewachsen, eckte der kantige Meisner bei den Rheinländern oftmals an, sagte aber 2014 zum Ende seiner Amtszeit, er fühle sich in Köln wohl und wolle auch dort bleiben.

Von Görlitz nach Augsburg

Bis der nächste Ost-Katholik Bischof einer West-Diözese werden sollte, dauerte es noch über 20 Jahre. Völlig überraschend ernannte Papst Benedikt XVI. den Görlitzer Bischof Konrad Zdarsa zum neuen Oberhirten im Bistum Augsburg. Ihm oblag es, das unter seinem Vorgänger Walter Mixa zerstrittene Bistum Augsburg wieder zu befrieden, was ihm auch weitestgehend gelang. Doch eckte auch er vor allem bei liberalen Kräften des bayerisch-schwäbischen Katholizismus an. So richtig warm geworden mit den Augsburgern scheint Konrad Zdarsa nicht zu sein. Seit seiner Emeritierung lebt er wieder in Dresden.

Umgekehrt gab es aber einige West-Bischöfe, die in den Osten wechselten. Den Anfang machte der damalige Kölner Weihbischof Rainer-Maria Woelki, der 2011 nur wenige Tage nach dem Tod des Berliner Erzbischofs Georg Kardinal Sterzinsky zu dessen Nachfolger ernannt wurde. Wenige Wochen nach seiner Einführung konnte Woelki im Berliner Olympiastadion Papst Benedikt XVI. im Rahmen seiner Deutschlandreise begrüßen. Inzwischen zum Kardinal erhoben, stieß Rainer Maria Woelki eine Strukturreform des Erzbistums an, bei der die Anzahl der Pfarreien wesentlich reduziert werden sollte. Hier regte sich bei einigen Diözesanen Widerstand.

Bischofskarussell im Osten Deutschlands

Ein weiterer Kölner Weihbischof, nämlich Heiner Koch, war es, der knapp zwei Jahre nach Rainer Maria Woelki in den Osten Deutschlands wechselte und Bischof des Bistums Dresden-Meißen wurde. Unter einigen Ost-Geistlichen kursierte daher der bittere Witz, dass die deutsche Einheit dann vollendet sei, wenn alle Ost-Bistümer mit ehemaligen Kölner Weihbischöfen besetzt sind.

Bereits nach zwei weiteren Jahren drehte sich das Bischofskarussell erneut. Nachdem Kardinal Woelki 2014 von Berlin nach Köln gewechselt hatte und damit in doppelter Weise Joachim Meisner nachgefolgt war, ernannte Papst Franziskus 2015 Heiner Koch zum neuen Erzbischof von Berlin. Nachfolger Kochs in Dresden-Meißen wurde 2016 Heinrich Timmerevers, womit erneut ein Bischof aus dem Westen Deutschlands, diesmal ein Weihbischof aus dem Bistum Münster, in den Osten wechselte.

Kurmainzische Fußstapfen

Während es bei den vorangegangenen Bischofsernennungen meist recht schnell gegangen war, musste das Bistum Erfurt fast zwei Jahre auf einen neuen Oberhirten warten. 2012 nahm Papst Benedikt XVI. das vorzeitige Rücktrittsgesuch von Joachim Wanke an, der das Bistum noch zu Zeiten geleitet hatte, als es Bischöfliches Amt Erfurt-Meiningen hieß und er dessen Administrator war. Wanke war somit der dienstälteste Bischof innerhalb der Ost-Diözesen. Erst 2014 ernannte Papst Franziskus den Mainzer Weihbischof Ulrich Neymeyr zu Wankes Nachfolger, womit nicht nur erneut ein West-Bischof in den östlichen Teil der Republik ging. Neymeyr ging damit einen historisch bedeutsamen Weg, denn bis zur Säkularisation residierten Mainzer Weihbischöfe in Erfurt, das lange Zeit zum Erzbistum Mainz gehört hatte.

In die kurmainzischen Fußstapfen wollte Neymeyr jedoch nicht treten. Zu Beginn seiner Amtszeit bewegte sich der Neue eher unauffällig zwischen Wand und Tapete. Erst mit seiner deutlichen Positionierung zur PEGIDA-Bewegung machte Bischof Neymeyr auch überregional Schlagzeilen.

Gegenwärtig sind also fast sämtliche Bischofsstühle in Deutschlands fünf gar nicht mehr so neuen Bundesländern mit Kirchenmännern aus dem Westen besetzt. Lediglich in Görlitz und in Magdeburg wirken Bischöfe, die das alte System der DDR noch am eigenen Leib gespürt haben und denen die davon geprägte Mentalität der Ost-Katholiken nicht fremd ist.

Nicht nur Bischöfe wechseln

In den vergangenen Jahrzehnten haben aber nicht nur Bischöfe zwischen Ost und West gewechselt. Katholiken, die ihren Lebensmittelpunkt vom einen Teil Deutschlands in den anderen Teil verlegt hatten, mussten sich zum Teil umstellen. So wurde aus manchem West-Katholiken, der noch die volkskirchlichen Strukturen gewohnt und darin mehr oder weniger anonym und passiv mitgeschwommen war, in der neuen Diasporasituation ein sich aktiv am Gemeindeleben beteiligender Christ.

Was vielen West-Katholiken bis heute fehlt, ist die Erfahrungen des engagierten Christseins in einer feindlichen Diktatur, was deutlich macht, dass Nachfolge Jesu in allen Jahrhunderten nicht unbedingt leicht war und je nach Regierungsform viele Glaubenszeugen hervorgebracht hat. So entstand in den Gemeinden eine Kultur der Nächstenliebe und des Zusammenhalts, was niveauvolle Kontrapunkte zur herrschenden sozialistischen Kulturdiktatur gesetzt hatte. Überproportional viele Ordensleute haben sich zu DDR-Zeiten um Alte und Behinderte gekümmert, die dem Staat lästig und in staatlichen Häusern eher verwahrt und weggesperrt waren. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, wenn sich mancher Ost-Katholik in der Kirche des Westens mit ihren umfangreichen Strukturen bisweilen etwas verloren und von den Hirten nicht wahrgenommen fühlt.

Unterschiedliche Mentalitäten

Auch in Fragen der Ökumene sind DDR-Katholiken nicht selten anders geprägt. Sah man in den protestantischen Mitchristen, die ebenso unter dem System litten, noch die Schwestern und Brüder, die denselben Glauben hatten und betonte daher vor allem das Gemeinsame, so reagieren einige heute mit Unverständnis darauf, weshalb heute das Trennende plötzlich so wichtig sein soll.

Anders als West-Katholiken drängen die Glaubensgeschwister im Osten auch weniger auf innerkirchlichen Streit, der möglichst öffentlichkeitswirksam ausgetragen wird, und das nicht selten über Themen, die die Allgemeinheit eher wenig interessieren. Man kennt im Osten eher den Zusammenhalt, was aber auch dazu führt, dass beim Austragen von Konflikten, wenn es beispielsweise um die Positionierung zu populistischen Bewegungen geht, eher vornehme Zurückhaltung herrscht. Überhaupt erscheint der Katholizismus der alten Bundesrepublik allein schon aufgrund seiner Entfaltungsmöglichkeiten in einer freien Gesellschaft politischer.

30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung scheinen die Grenzen auch in den Köpfen der Menschen weniger geworden zu sein. Inzwischen ist auch eine Generation herangewachsen, die die DDR nur noch aus den Geschichtsbüchern oder aus Erzählungen kennt. In der katholischen Kirche fiel die Berliner Mauer bekanntlich schon etwas eher, wie am Beispiel Joachim Meisners zu sehen ist. Bis es aber zu weiterem Ost-West-Transfer von Bischöfen gekommen ist, hat es noch eine ganze Weile gedauert. Und auch bei manchen Themen wird deutlich, dass 40 Jahre DDR bis heute nachwirken. Katholiken in Ost und West müssen auch heute noch voneinander lernen, damit weiter zusammenwächst, was zusammengehört.

Jan Hendrik Stens

DOMRADIO.DE-Redakteur Jan Hendrik Stens (DR)
DOMRADIO.DE-Redakteur Jan Hendrik Stens / ( DR )
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