Katholisch-Anglikanische Annäherungen in Rom und Canterbury

"Jesus-Partner sein"

Ein Hauch ökumenischer Eintracht wehte in Rom und Canterbury. 50 katholische und anglikanische Bischöfe haben intensive Tage erlebt. Die Konfessionen treiben seit knapp 60 Jahren den Dialog voran. Ihr Fazit: Wir brauchen einander.

Autor/in:
Sabine Kleyboldt
Justin Welby (l.) und Papst Franziskus / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Justin Welby (l.) und Papst Franziskus / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

"Es ist Zeit, gemeinsam zu gehen, gemeinsam zu beten und gemeinsam nach Gerechtigkeit zu suchen." Mit diesem ökumenischen Weckruf endete der katholisch-anglikanische Gipfel, an dem 50 Bischöfe aus 27 Ländern anlässlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen in Rom und Canterbury teilnahmen.

Damit gaben sie die Richtung vor, in die sie nach dem Treffen in ihren jeweiligen Ortskirchen weitermarschieren wollen. Denn die Geistlichen, die immerhin zusammen rund 1,5 Milliarden Christen weltweit repräsentieren, kamen jeweils als katholisch-anglikanische Paare aus den unterschiedlichen Weltregionen. So reisten etwa aus dem pazifischen Inselstaat der Salomonen der katholische Erzbischof Christopher Cardone von Honiara und der anglikanische Erzbischof Leonard Dawea von Temotu an.

Anglikanische Bischöfe ziehen zu einem Gottesdienst in die Kathedrale von Canterbury ein (Archiv) / © Sabine Kleyboldt (KNA)
Anglikanische Bischöfe ziehen zu einem Gottesdienst in die Kathedrale von Canterbury ein (Archiv) / © Sabine Kleyboldt ( KNA )

Organisiert wurde der Gipfel unter dem Motto "Growing Together" ("Gemeinsam wachsen" oder auch "Zusammenwachsen") von der Internationalen anglikanisch-römisch-katholischen Kommission für Einheit und Mission (IARCCUM), die von beiden Kirchen für den ökumenischen Dialog gegründet wurde. Bei der Begegnungswoche pilgerten die Bischöfe zu heiligen Stätten zunächst in Rom, dann in Canterbury, die für die gemeinsamen Wurzeln beider Traditionen von Bedeutung sind. Für ihren weiteren gemeinsamen Weg haben sie zudem den Segen ihrer Kirchenoberhäupter im Gepäck.

"Geliebte Mitarbeiter für das Reich Gottes"

Denn ein Höhepunkt des ökumenischen Treffens war die feierliche Aussendung der Teilnehmenden durch Papst Franziskus und Anglikaner-Primas Justin Welby von Canterbury am Grab des Apostels Paulus in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Franziskus und Welby beauftragten die "geliebten Mitarbeiter für das Reich Gottes", gemeinsam Zeugnis für den Glauben abzulegen und die bereits erzielten Vereinbarungen im theologischen Dialog zu fördern und zu verbreiten. Dazu traten die Bischöfe paarweise an den Altar und tauschten zuerst mit dem Papst, dann mit Welby den Friedensgruß. 

Papst Franziskus und Justin Welby / © Lola Gomez/CNS photo (KNA)
Papst Franziskus und Justin Welby / © Lola Gomez/CNS photo ( KNA )

"Möge Euer Dienst als Katholiken und Anglikaner für die Welt ein Vorgeschmack auf die Versöhnung aller Christen in der Einheit der einen Kirche Christi sein, für die wir heute beten", sagte Erzbischof Welby, Oberhaupt der etwa 77 bis 85 Millionen Anglikaner weltweit. Es war übrigens die zweite Beauftragung dieser Art durch Franziskus und Welby: Die erste erfolgte 2016 beim ersten IARCCUM-Gipfel in Rom anlässlich 50 Jahren katholisch-anglikanischen Dialogs.

Bedeutender theologischer Unterschied

Ein bedeutender theologischer Unterschied zwischen den gerade in der Liturgie sehr ähnlich wirkenden Traditionen wurde bei der Zeremonie deutlich: Da in der anglikanischen Kirche auch Frauen zum Priesteramt zugelassen sind, kam es auch zu einigen wenigen gemischtgeschlechtlichen Paaren.

Die Frauenordination, die seit Jahren in der katholischen Kirche heiß diskutiert wird und auch in der anglikanischen Weltgemeinschaft nach wie vor zu mancher Zerreißprobe führt, war nicht Hauptthema der Begegnungswoche. Vielmehr ging es in guter "synodaler" Tradition darum, sich  auszutauschen, "Freuden und Leiden des bischöflichen Amtes miteinander zu teilen" und herauszufinden, wie die beiden Kirchen das Leben der Menschen vor Ort und in der ganzen Welt besser machen könnten, erklärte der anglikanische Bischof im Bistum Europa, David Hamid, der auch für Deutschland zuständig ist. Zusammen mit dem katholischen Erzbischof von Regina (Kanada), Donald Bolen, hatte er den Vorsitz des Gipfels inne.

Ökumenische Gastfreundschaft

Wichtiger Bestandteil war die Feier von Gottesdiensten an bedeutenden Orten: In Rom neben der Pauls-Basilika im Petersdom, in San Bartolomeo und San Gregorio in Celio; im südenglischen Canterbury in der dortigen anglikanischen Kathedrale sowie in der einzigen katholischen Kirche St. Thomas von Canterbury. Dabei wurde mehrfach ökumenische Gastfreundschaft praktiziert: In der Herzkammer der anglikanischen Gemeinschaft überließ Welby dem katholischen Bischof von Hongkong, Kardinal Stephen Chow Sau-yan, die altehrwürdige Kanzel.

Am Ende veröffentlichten die Bischöfe und Bischöfinnen eine gemeinsame Erklärung, deren Punkt 7 als Fazit gelten kann: "Unsere Freundschaft sagt uns die profunde Wahrheit: Wir brauchen einander." Das gilt sicher gerade in der westlichen Welt, wo die Kirchen Mitglieder verlieren.

Frieden, Menschenrechte, Klimaschutz

Gemeinsam rufen Katholiken und Anglikaner eindringlich zum Engagement für Frieden, Menschenrechte, Klimaschutz und die Einheit der Christen auf. Weiter lenken sie den Blick auf die Situation "indigener Völker, Nachkommen versklavter Personen und anderer, die mit dem Erbe der Kolonialisierung und Assimilation leben". Ebenso appellieren die Geistlichen, den Stimmen von Frauen und ethnischen Minderheiten überall dort Gehör zu verschaffen, "wo sie Marginalisierung oder die Verleugnung ihrer Menschenwürde erleben".

Petersdom und Papstpalast im Vatikan / © Viacheslav Lopatin (shutterstock)
Petersdom und Papstpalast im Vatikan / © Viacheslav Lopatin ( shutterstock )

Während des Gipfels schilderten die anglikanische Bischöfin der brasilianischen Diözese Amazonien, Marinez Bassotto, und ihr katholischer Kollege Teodoro Mendes Tavares, Bischof von Ponta de Pedras, Folgen der Klimakrise in einer der sensibelsten ökologischen Regionen der Erde. 

Bassotto war 2018 zur ersten anglikanischen Bischöfin in Südamerika geweiht worden. Entsprechend bekräftigt die Abschlusserklärung den Appell zur Bewahrung der Schöpfung, den Papst Franziskus in der Umweltenzyklika "Laudato si" (2015) äußerte und der auch bei der anglikanischen Lambeth-Konferenz 2022 formuliert wurde. Zudem verpflichten sich die Gipfel-Teilnehmer, die "Frohe Nachricht des Friedens denjenigen zu verkünden, die an Orten leben, die von anhaltenden Kriegen geplagt werden". Weiter betonen sie ihre Freude über ihren "äußerst fruchtbaren Dialog".

Ökumenischer Futterneid

Für ökumenischen Futterneid sollte also kein Platz sein, wie es auch Kardinal Chow in seiner Predigt in Canterbury Cathedral formulierte: "Die zwölf Apostel und die Jünger waren nicht dazu berufen, Lager zu bilden, für ihre eigenen Missionen zu arbeiten oder gegeneinander zu konkurrieren." Sein Appell: "Wir Anglikaner und Katholiken sind aufgerufen, einzeln und gemeinsam Jesus-Partner zu sein."

Die teilnehmenden Bischöfe stammten aus England, Irland, Schottland und Belgien, Ägypten, Nordafrika und dem Mittleren Osten, Burundi, Ghana, Malawi, Nigeria, Sudan,  Südsudan und Südafrika, aus den USA und Kanada, aus Brasilien, Mexiko und den Westindischen Inseln, aus Australien, Neuseeland und Papua-Neuguinea sowie aus Hongkong, Indien, Myanmar, Pakistan und Sri Lanka.

England und Rom

In den Jahrhunderten nach der Reformation standen in England der Papst und "die Papisten" in einem ganz schlechten Ansehen. Erst im 20. Jahrhundert wendete sich allmählich das Blatt. Aus Anlass eines hochrangigen vatikanisch-anglikanischen Welttreffens in Rom und Canterbury zeichnet die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) zentrale Stationen einer Geschichte von gegenseitiger Befruchtung, Anfeindung und Ausgrenzung - und zuletzt allmählicher Wiederannäherung - nach:

Anglikanische Bischöfe ziehen zu einem Gottesdienst in die Kathedrale von Canterbury ein (Archiv) / © Sabine Kleyboldt (KNA)
Anglikanische Bischöfe ziehen zu einem Gottesdienst in die Kathedrale von Canterbury ein (Archiv) / © Sabine Kleyboldt ( KNA )
Quelle:
KNA