Der deutsche Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller sieht den Papst und die katholische Kirche als letzte glaubwürdige moralische Autorität in der Welt. In einem Interview mit der "Welt" betont Müller, dass allein die Kirche moralische Prinzipien "um ihrer selbst willen" vertrete und sie nicht mit Machtinteressen oder politischem Einfluss vermenge. Sie sei damit die einzige Instanz, die ethische Maßstäbe glaubwürdig setze.
Müller warnt zugleich vor einer Verengung des Christentums auf elitäre Zirkel. Der Glaube dürfe nicht zur Sache von "Superchristen" werden oder sich in abgeschotteten Minikreisen organisieren. Entscheidend sei, dass das Christentum in der Breite der Gesellschaft präsent bleibe, auch wenn die Zahl der Gläubigen schrumpfe. Kritik übte Müller an staatlicher Einmischung in ethischen und religiösen Fragen. Ein Staat, der sich als weltanschaulich neutral verstehe, habe weder das Recht noch die Kompetenz, moralische Maßstäbe vorzugeben. Aus seiner Sicht überschreite die Politik diese Grenze zunehmend.
"Wenn zwei Männer zusammenleben wollen..."
Explizit sprach Müller über die staatliche Ehegesetzgebung: "Ein demokratischer Rechtsstaat, der weltanschaulich neutral sein will, hat sich auch nicht einzumischen, wenn beispielsweise zwei Männer zusammenleben wollen, als ob sie Mann und Frau wären", so der Kirchenmann. "Er darf aber auch den anderen nicht auferlegen, sich einer Ehedefinition zu unterstellen, die vom Staat kommt."
Mit Blick auf aktuelle technologische und wirtschaftliche Entwicklung zeigte sich der Kardinal besorgt. Er warnte vor einer "Klassentheorie", nach der Reiche und Mächtige ein höheres Lebensrecht beanspruchten als andere Menschen. Effizienz und Profit würden zunehmend über die Würde des Menschen gestellt, so Müller. Technik müsse jedoch dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Dafür brauche es ethische Leitplanken. Diese sehe er bei Menschen wie dem US-Tech-Unternehmer und Trump-Vertrauten Peter Thiel "gewiss nicht".
Kardinal nimmt Staat in die Pflicht
Auch staatspolitisch mahnt Müller zu mehr Verantwortung. Wohlstand dürfe nicht rücksichtslos verbraucht werden, Schuldenpolitik zulasten künftiger Generationen sei unethisch. Der Staat habe die Pflicht, vorausschauend zu handeln und Rahmenbedingungen zu schaffen, die Gerechtigkeit über Generationen hinweg sichern.
Gerhard Ludwig Müller war von 2012 bis 2017 Leiter (Präfekt) der Glaubenskongregation und damit der ältesten zentralen Kurienbehörde im Vatikan. Der aus Mainz stammende Theologe war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg. Benedikt XVI. holte den konservativen und streitbaren Dogmatiker 2012 nach Rom; 2014 machte Papst Franziskus ihn zum Kardinal - als einzigen Deutschen seiner Amtszeit.