Kardinal Koch verteidigt sich nach Nazi-Vergleich-Vorwurf

"Kann meine Aussage nicht zurücknehmen"

Kurienkardinal Kurt Koch weist den Vorwurf eines Nazi-Vergleichs zurück. Er habe keineswegs den Synodalen Weg zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland mit der Nazi-Ideologie verglichen, "und ich werde dies auch nie tun".

Kurienkardinal Kurt Koch / © Ettore Ferrari (dpa)
Kurienkardinal Kurt Koch / © Ettore Ferrari ( dpa )

So heißt es in einer Erklärung Kochs vom Donnerstagabend, die der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vorliegt. Beim Synodalen Weg beraten die deutschen Bischöfe und katholische Laien seit 2019 über mögliche Reformen. Zentrale Themen sind Macht, Rolle der Frauen, Sexualmoral und die priesterliche Lebensform. In einem Interview der "Tagespost" hatte Koch Kritik an der Initiative formuliert. Im Kern ging es um die Frage, inwiefern der "Zeitgeist" in eine Weiterentwicklung der Lehre der katholischen Kirche einfließen könne.

Der Kurienkardinal sagte der "Tagespost", ihn irritiere, dass neben den Offenbarungsquellen von Schrift und Tradition auch heute wieder zusätzliche Quellen angenommen würden. In diesem Zusammenhang verwies er auf zwei Gruppierungen innerhalb der evangelischen Kirche, die während des NS-Regimes eine wichtige Rolle spielten. Ihn erschrecke, dass - wieder - in Deutschland versucht werde, in zeitgenössischen Phänomenen Offenbarungsquellen neben Bibel und Tradition zu behaupten. Denn Vergleichbares habe es "bereits während der nationalsozialistischen Diktatur gegeben, als die so genannten 'Deutschen Christen' Gottes neue Offenbarung in Blut und Boden und im Aufstieg Hitlers gesehen haben".

Dagegen habe die Bekennende Kirche mit ihrer Barmer Theologischen Erklärung im Jahre 1934 protestiert, deren erste These laute: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle der Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen."

Barmer Theologische Erklärung

Ihm sei es um die Barmer Theologische Erklärung gegangen, betonte Koch in seiner nun bekanntgewordenen Erklärung. "Damit habe ich in keiner Weise den Synodalen Weg mit der Mentalität der 'Deutschen Christen' verglichen und auch nicht vergleichen wollen." Im Blick habe er lediglich jene Christen, die unter Berufung auf den Zeitgeist die Lehre der Kirche verändern wollten. "Ich hoffe, weiterhin davon ausgehen zu können, dass diese Behauptung nicht die Meinung des Synodalen Weges ist."

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hatte zum Abschluss der Herbstvollversammlung der Bischöfe in Fulda Koch scharf kritisiert und eine sofortige Entschuldigung gefordert. Geschehe dies nicht, "werde ich eine offizielle Beschwerde beim Heiligen Vater einreichen", sagte der Bischof von Limburg.

"Aus der Geschichte lernen"

In seiner Erklärung betonte Koch, er habe niemanden verletzen wollen. "Ich bin einfach davon ausgegangen, dass wir auch heute aus der Geschichte, auch aus einer sehr schwierigen, lernen können. Wie die heftige Reaktion von Bischof Bätzing und andere zeigen, muss ich nachträglich feststellen, dass dieser Versuch mir misslungen ist. Und ich muss wahrnehmen, dass Erinnerungen an Erscheinungen und Phänomene in der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland offensichtlich tabu sind." Seine kritische Anfrage könne er allerdings nicht zurücknehmen.

Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz erklärte auf Anfrage, dass Bätzing die Erklärung Kochs erhalten habe. "Der Vorsitzende wird die Antwort von Kardinal Koch lesen und sich derzeit nicht äußern."

"Deutsche Christen"

Die 1932 gegründete "Glaubensbewegung Deutsche Christen" ging aus einer Ende der 20er-Jahren in Thüringen aktiven Gruppierung in der evangelischen Kirche hervor. Die mit dem Nationalsozialismus sympathisierende "SA Jesu Christi" war straff nach dem Führerprinzip organisiert. Zu ihren Forderungen gehörte die "Rassenreinheit" als Bedingung für eine Kirchenmitgliedschaft. Außerdem sollte sich die evangelische Kirche von ihren jüdischen Wurzeln lösen.

Bei den Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933 errangen die Deutschen Christen die absolute Mehrheit in der Deutschen Evangelischen Kirche.

Deutsche Christen: Feier zum Luthertag vor dem Berliner Schloss 1933 (Bundesarchiv)
Deutsche Christen: Feier zum Luthertag vor dem Berliner Schloss 1933 / ( Bundesarchiv )

Kochs Erklärung im Wortlaut

"An der Pressekonferenz nach der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz hat der Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing, mir vorgeworfen, im Interview mit der "Tagespost" hätte ich den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Er hat mich ultimativ aufgefordert, diese "inakzeptable Entgleisung" zurückzunehmen und mich "umgehend zu entschuldigen".

Ich antworte umgehend, kann aber meine grundsätzliche Aussage nicht zurücknehmen, und zwar schlicht deshalb, weil ich keineswegs den Synodalen Weg mit einer Nazi-Ideologie verglichen habe, und ich werde dies auch nie tun. Der Sachverhalt ist vielmehr folgender:

Im Interview wurde mir die Frage gestellt, man könne immer wieder hören, "dass es angeblich neue Offenbarungsquellen gibt": "Der Zeitgeist und das - ich nenne das mal so - Gefühl spielt da offenbar eine Rolle. Lässt sich denn die Lehre der Kirche auf diese Weise ändern?" Auf diese allgemein formulierte Frage habe ich auch in einem allgemeinen Sinn zu antworten versucht. Es war mir ein Anliegen, in diesem Zusammenhang die Barmer Theologische Erklärung in Erinnerung zu rufen, weil ich sie, auch aus ökumenischen Gründen, auch heute noch für wichtig halte. Um den Lesenden den Inhalt verständlich zu machen, musste ich kurz notieren, worauf diese Erklärung reagiert hat. Damit habe ich in keiner Weise den Synodalen Weg mit der Mentalität der "Deutschen Christen" verglichen und auch nicht vergleichen wollen. Wie die so genannten "Deutschen Christen" - Gott sei es gedankt - nicht alle Deutschen Christen gemeint hat, so habe ich mit meiner Aussage in keiner Weise alle Synodalen im Blick gehabt, sondern nur jene Christen, die die in der Frage formulierte Behauptung vertreten. Und ich hoffe, weiterhin davon ausgehen zu können, dass diese Behauptung nicht die Meinung des Synodalen Weges ist.

Um ein mögliches Missverständnis, das nun allerdings zu meinem Bedauern eingetreten ist, zu vermeiden, habe ich einen zweiten Abschnitt hinzugefügt, den ich hier in Gänze zitieren will, weil er für mich der wichtigste ist: "Der christliche Glaube muss stets ursprungsgetreu und zeitgemäss zugleich ausgelegt werden. Die Kirche ist deshalb gewiss verpflichtet, die Zeichen der Zeit aufmerksam zur Kenntnis und ernst zu nehmen. Sie sind aber nicht neue Offenbarungsquellen. Im Dreischritt der gläubigen Erkenntnis - Sehen, Urteilen und Handeln - gehören die Zeichen der Zeit zum Sehen und keineswegs zum Urteilen neben den Quellen der Offenbarung. Diese notwendige Unterscheidung vermisse ich im Orientierungstext des Synodalen Weges." Allein in diesem Zusammenhang habe ich eine Kritik am Orientierungstext formuliert, jedoch in keiner Weise den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich kritisiert. Wenn Bischof Bätzing in der Pressekonferenz erklärt hat, die Zeichen der Zeit seien "Quellen der Erkenntnis und für die Entwicklung der Lehre", dann kann ich ihm durchaus zustimmen. Doch Quellen der Erkenntnis sind etwas anderes als "Offenbarungsquellen" - davon abgesehen, dass ich diesen Begriff in sich für sehr problematisch halte. Und es stellt sich dann sogleich die weitere Frage, von welchen "Zeichen der Zeit" als Quellen der Erkenntnis und mit welchem Interesse ausgegangen wird.

Diesbezüglich nehme ich offene Fragen im "Orientierungstext" und in anderen Texten des "Synodalen Weges" wahr. Und diesbezüglich stehe ich nicht allein da. Wer beispielsweise die zweite Beilage der "Tagespost" wahrnimmt, wird feststellen, dass ähnliche Fragen von einem Alttestamentler, einem Dogmatiker, einem Praktischen Theologen und einem Philosophen, alles verdiente Universitätsprofessoren, an den "Orientierungstext" gestellt werden. Meine kritische Anmerkung kann also nicht einfach Ausdruck einer völlig verfehlten Theologie sein.

Es war in keiner Weise meine Absicht, jemanden zu verletzen. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass wir auch heute aus der Geschichte, auch aus einer sehr schwierigen, lernen können. Wie die heftige Reaktion von Bischof Bätzing und andere zeigen, muss ich nachträglich feststellen, dass dieser Versuch mir misslungen ist. Und ich muss wahrnehmen, dass Erinnerungen an Erscheinungen und Phänomene in der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland offensichtlich tabu sind. Diejenigen, die sich von mir verletzt fühlen, bitte ich um Entschuldigung und versichere sie, dass dies nicht meine Intention gewesen ist und nicht ist.

Meine kritische Rückfrage kann ich allerdings nicht zurücknehmen. Ich habe sie nicht aus "purer Angst, dass sich etwas bewegt", und nicht mit der Absicht der "Delegitimierung", wie mir Bischof Bätzing unterstellt, aufgeworfen, sondern aus theologischer Mit-Sorge um die Zukunft der Kirche in Deutschland. Denn hinter meiner Anfrage steht die viel grundlegendere Frage, was unter "Offenbarung" zu verstehen ist. Diese Frage sehe ich in den Texten des Synodalen Weges nicht in genügender Weise geklärt. Ich wäre dankbar, wenn diese wichtige Frage einer weiteren theologischen Klärung unterzogen würde."

Synodaler Weg

Der Begriff "Synodaler Weg" verweist auf das griechische Wort Synode. Es bedeutet wörtlich "Weggemeinschaft"; im kirchlichen Sprachgebrauch bezeichnet Synode eine Versammlung von Bischöfen oder von Geistlichen und Laien.

In ihrem Reformdialog auf dem Synodalen Weg wollen die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland beraten.

Ausgangspunkt ist eine jahrelangen Kirchenkrise, die der Missbrauchs-Skandal verschärft hat.

Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht (KNA)
Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Quelle:
KNA