Kann man durch Unterstützung Indigener den Regenwald retten?

Klimaschutz und Menschenrechte

Um den brasilianischen Amazonaswald tobt seit Jahren ein Konflikt. Wirtschaftliche Nutzung steht dem Naturschutz entgegen. Eine Schlüsselposition nehmen die indigenen Völker ein und geraten zwischen die Fronten.

Wohnsiedlung im brasilianischen Amazonasgebiet / © Paul Jeffrey/CNS photo (KNA)
Wohnsiedlung im brasilianischen Amazonasgebiet / © Paul Jeffrey/CNS photo ( KNA )

Wie wichtig der Amazonasregenwald in Südamerika für die Zukunft unseres Planeten ist, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Die Urwaldbäume im auch als "Grüne Lunge der Erde" bezeichneten Amazonas-Becken binden Tonnen von CO2 aus der Atmosphäre und geben Sauerstoff wieder ab.

Dennoch hat die wirtschaftliche Nutzung und Abholzung in den vergangenen Jahren wieder deutlich zugenommen, insbesondere im brasilianischen Teil des Waldes. In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres hat der Wald laut dem staatlichen Klimainstitut Inpe bereits 2.867 Quadratkilometer verloren, rund 13 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die von Inpe ermittelten Abholzungsdaten seien zudem die höchsten seit Beginn dieser Messreihe im Jahr 2016.

Abholzung steigt

Die Abholzung steigt explizit seit 2019 und hängt unbestreitbar mit dem Amtsantritt des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Messias Bolsonare im gleichen Jahr zusammen. Bolsonaro kürzte die Budgets der Umweltbehörden und schwächte dadurch die Kontrollmöglichkeiten.

Abholzung im Amazonas / © Tarcisio Schnaider (shutterstock)
Abholzung im Amazonas / © Tarcisio Schnaider ( shutterstock )

Gleichzeitig setzte sich der Präsident für die wirtschaftliche Nutzung der Waldflächen ein. In seinem ersten Amtsjahr sprang die jährliche Abholzung über 10.000 Quadratkilometer, ein Wert, der seit 2008 nicht mehr erreicht worden war.

Doch ist es nicht allein ein umweltpolitisches Desaster, das dadurch entsteht. Beim Schutz des Regenwaldes rückt immer mehr auch die indigene Bevölkerung Südamerikas in den Vordergrund, die im tropischen Regenwald ihr angestammtes Siedlungsgebiet hat.

Dies sollte eigentlich durch die Verfassung geschützt sein. Diese schrieb 1988 die Eingrenzung und Anerkennung aller indigenen Gebiete innerhalb von fünf Jahren, also bis 1993, vor. Die Realität ist hingegen eine andere: Nach Angaben der Fachstelle der katholischen Kirche für Indigenenfragen in Brasilien Cimi sind bis heute mehr als zwei Drittel dieser Gebiete noch nicht gekennzeichnet.

Eine Gerichtsverhandlung nach der nächsten

Stattdessen reiht sich eine Gerichtsverhandlung an die nächste - bislang ohne Ergebnis. "Für die indigenen Völker ist dieser Prozess nicht nur eine nervenaufreibende Tortur. Der Schwebezustand erleichtert es der Agrar- und Rohstoffindustrie, in die indigenen Gebiete vorzudringen", erklärt der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Martin Maier.

Pater Martin Maier / © Andre Zelck (KNA)
Pater Martin Maier / © Andre Zelck ( KNA )

Die Folgen für die indigene Gemeinschaft sind verheerend: Sie werden systematisch aus ihren Siedlungen vertrieben. Diejenigen, die dem Druck nicht weichen oder die illegalen wirtschaftlichen Aktivitäten anzeigen wollen, müssen sogar um ihr Leben fürchten, wie zuletzt die Ermordung des britischen Journalisten Dom Phillips und des brasilianischen Indigenenforschers Bruno Pereira öffentlich wirksam verdeutlicht hat.

Im Amazonaswald sind deswegen umweltpolitische und menschenrechtliche Belange untrennbar miteinander verbunden. "Wir dürfen die Indigenen bei ihrem Kampf um das Amazonasgebiet nicht allein lassen", betonte Adveniat-Hauptgeschäftsführer Maier. Das Hilfswerk unterstütze Cimi bereits seit Jahrzehnten, hieß es. Mit dem Geld könne die Fachstelle unter anderem einen jährlich erscheinenden Bericht veröffentlichen, der die Menschenrechtsverletzungen an den ursprünglichen Völkern Brasiliens dokumentiert.

"Um den Kollaps des Regenwaldes am Amazonas zu verhindern, müssen Bundesregierung, EU und internationale Gemeinschaft sich die Forderung der indigenen Völker nach einer konsequenten Ausweitung ihrer Territorien zu eigen machen und die Länder Lateinamerikas und des globalen Südens dabei systematisch finanziell unterstützen", so Maier weiter. Dafür rechnet das Hilfswerk mit Anfangsinvestitionen von bis zu 1,6 Milliarden Dollar, die auf 1,7 bis 2,8 Milliarden Dollar jährlich erweitert werden müssten.

Amazonas

Der Amazonas gehört zu den längsten Flüssen der Erde. Vom Zusammentreffen seiner beiden in Peru entspringenden Quellflüsse, dem Maranon und dem Ucayali, bis zur Mündung an der brasilianischen Atlantikküste legt er rund 3.650 Kilometer zurück, von der Quelle des Ucayali sind es rund 6.400 Kilometer. Zum gesamten Flusssystem gehören schätzungsweise 10.000 Nebenflüsse.

Der Amazonasregenwald / © Rich Carey (shutterstock)
Autor/in:
Johannes Senk
Quelle:
KNA