Die überlebenden Opfer des Regimes haben große Erwartungen an den Prozess im "Fall 002". Einer von ihnen ist Dim Matt, ein Cham-Muslim aus Kampong Cham. "Ich musste unter den Roten Khmer jeden Tag von den frühen Morgenstunden bis Mitternacht Zwangsarbeit leisten", erinnert sich der 73-Jährige und fügt mit zitternder Stimme hinzu: "Sie haben zwei meiner Kinder umgebracht. Ich will wissen, wie das passieren konnte."
Mehr als zwei Millionen Menschen sind während Herrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 ums Leben gekommen. Viele verhungerten, andere wurden erschlagen, weil sie buddhistische Mönche, christliche Priester, Beamte im Dienste der Regierungen von König Sihanouk und des Putschgenerals Lon Nol waren, oder einfach weil sie als Brillenträger als Klassenfeind galten.
Gefoltert in den Gefängnissen der Roten Khmer und erschlagen auf den Killing Fields wurden zudem Zehntausende kommunistische Kader, die als Abweichler von der reinen Lehre oder angebliche Doppelagenten für CIA und KGB den Säuberungswellen des Regimes zum Opfer fielen.
Die Khmer Krom, die im einstmals zu Kambodscha gehörenden Südvietnam leben, wie auch die Cham, die Muslime Kambodschas, wurden Opfer eines Völkermords.
Hoffnung auf Gerechtigkeit
Hoffnung auf Gerechtigkeit hegen auch die vielen tausend kambodschanischen Männer und Frauen, die von den Roten Khmer zwangsverheiratet wurden. Die Einführung der "geschlechtsbezogenen Verbrechen" als Tatbestand in den zweiten Prozess ist ein Erfolg der Berliner Menschenrechtsanwältin Silke Studzinsky, die im Auftrag der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit Nebenkläger vor dem Tribunal vertritt.
Ob das Tribunal den großen Erwartungen gerecht werden kann, ist angesichts der Vielschichtigkeit des Mammutverfahrens mit vier Angeklagten und 2.000 Nebenklägern die große Frage. Auch das hohe Alter und die Gesundheit der Angeklagten sind ein Problem. "Da sorgen wir uns schon, dass sie nicht bis zum Ende des Verfahrens leben könnten", sagt Theary Seng, Sprecherin der Vereinigung der Opfer (AKRVC).
Eine weitere Hürde ist die laut Abkommen zwischen Kambodscha und den Vereinten Nationen nur auf die Herrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 beschränkte Zuständigkeit des Gerichts. Weder stehen der historische Zusammhang des Vietnamkriegs, der den Aufstieg der Roten Khmer erst möglich machte, noch die Rolle der internationalen Gemeinschaft nach der Befreiung Kambodschas durch die Armee Vietnams auf der Tagesordnung. Bis zum Friedensvertrag von Paris 1991 hatten die Roten Khmer den Sitz Kambodschas bei den Vereinten Nationen inne, weil sie als erbitterte Feinde der vietnamesischen Kommunisten galten. Für Tom Fawthrop, Ko-Autor eines Buches über die Roten Khmer, ist das "eines der schändlichsten Kapitel in der Geschichte der UN".
Täter wieder in Amt und Würden
Darüber hinaus dürfen nur die unmittelbar Verantwortlichen des Regimes angeklagt werden, eine Bestimmung, die das Tribunal kurz vor Beginn des Verfahrens im Fall 002 an den Rand des Kollaps gebracht hat. Opferverbände und Teile des Tribunals fordern auch Ermittlungen gegen ehemalige Kommandanten der Roten Khmer, die für Morde und Säuberungsaktionen verantwortlich waren und heute wieder in Amt und Würden sind. Kambodschas Regierung und ihr eng verbundene Mitglieder des Tribunals lehnen die Eröffnung von weiteren Verfahren rundweg ab.
"Juristisches Fehlverhalten" und "politische Einflussnahme" zielen nach Ansicht von Clair Duffy auf das "Herz des Tribunals". Die Tribunalsbeobachterin der Open Society Justice Initiative warnt:
"Die Probleme berühren nicht nur die Glaubwürdigkeit des zweiten Verfahrens, sondern die des Tribunals insgesamt."
In Kambodscha beginnt das Rote-Khmer-Tribunal
Suche nach Gerechtigkeit
In Phnom Penh hat das zweite Verfahren vor dem Rote-Khmer-Tribunal begonnen. Angeklagt sind mehr als 30 Jahre nach Ende des radikal-kommunistischen Terror-Regimes vier ehemalige hochrangige Führungsmitglieder wegen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen.
Share on