Das bevorstehende Pessach ist das jüdische Fest der Freiheit – derzeit für viele wohl umso mehr. "Gerade in diesen Tagen des Krieges mit dem Iran wird deutlich: Freiheit und Sicherheit sind keine Selbstverständlichkeit", erklärte der Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland, Rabbiner Avichai Apel (Frankfurt), Zsolt Balla (Leipzig) und Yehuda Pushkin (Stuttgart). So sei Israel existenziellen Bedrohungen ausgesetzt; jüdisches Leben stehe weltweit unter Druck.
Damit spielen die Rabbiner unter anderem auf Attacken gegen jüdische Einrichtungen und Personen beziehungsweise Bedrohungen an. Beispiele sind die jüngsten Angriffe auf Synagogen in den USA, Belgien und den Niederlanden. Das Bundeskriminalamt hatte für Deutschland bei den antisemitisch motivierten Straftaten 2024 einen neuen Höchststand verzeichnet: eine Steigerung um knapp 21 Prozent auf rund 6.200 (Vorjahr: 5.200).
Das Bundeskriminalamt sieht wie auch andere mit dem Thema befasste Personen und Organisationen einen Zusammenhang mit dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gazakrieg. Die jüngsten Anschläge auf die genannten Synagogen fallen in die Zeit des laufenden Krieges Israels und der USA gegen den Iran.
Pessach-Botschaft auch für Iraner
Pessach gehört zu den wichtigsten jüdischen Festen. Es erinnert an den überlieferten Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und an die Befreiung aus der Sklaverei. In diesem Jahr beginnt das Fest an diesem Mittwochabend und dauert bis 9. April.
Die Botschaft von Pessach gelte jetzt doppelt, so die Rabbiner Apel, Balla und Pushkin. "Sie verpflichtet uns, Freiheit zu verteidigen, und sie gilt auch für das iranische Volk, das unter der Unterdrückung des Mullah-Regimes leidet und das Recht hat, diese Barbarei abzuschütteln." Es dürfe keine Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht geben; Freiheit müsse geschützt und errungen werden. Man stehe an der Seite aller Menschen, die für Freiheit eintreten.
Sicherheit ohne Freiheit?
Auch die Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, in der nicht-orthodoxe Rabbinerinnen und Rabbiner organisiert sind, blickt auf den Krieg – aus einer durchaus kritischen Perspektive. Die Bedrohung durch das iranische Regime sei eine andauernde Gefahr für Israels Sicherheit. "Für viele Menschen steht oft die Sicherheit vor der Freiheit. Sie wären bereit, eine Diktatur zu akzeptieren, wenn sie ihnen nur Sicherheit garantiert", so Elisa Klapheck. "Das muss uns Juden zu wenig sein."
Die Frankfurter Rabbinerin betont weiter in ihrer Pessach-Botschaft für das Mitteilungsblatt der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, dass die Sicherheit der Freiheit dienen müsse. "Die Freiheit der Iraner muss darum mit im Paket sein. Einem Krieg, der Sicherheit für Israel schafft, ist zuzustimmen, insofern nicht unter der Hand die freiheitliche Demokratie in Israel ausgehöhlt wird."
Ein Krieg, der nicht der Freiheit des jüdischen Volkes diene und zugleich positive Beziehungen mit arabischen Staaten "leichthin" in den Wind schlage, sei mindestens kritisch zu sehen. "Möglicherweise ist ein Krieg gegen das iranische Regime die einzige Option" - die aber die iranische Freiheitsbewegung aktiv einbeziehen müsse. "Der Krieg darf nicht so geführt werden, dass die Diktatur im Iran am Ende zementiert wird und der israelischen Regierung das Los der iranischen Freiheitsbewegung egal ist."
Demokratie, Freiheit, Frieden
Auch die Organisation Hillel Deutschland, die sich an junge jüdische Erwachsene richtet, stellt ihre Pessach-Aktivitäten in einen Zusammenhang mit Demokratie, Freiheit und Frieden. "Am ersten Seder-Abend kommen wir zusammen, um zu feiern und Tradition mit aktuellen Themen zu kombinieren", heißt es in der Einladung zu einem Sedermahl in Berlin. In Zeiten des Wandels werde der Seder zu mehr als einem bloßen Ritual, nämlich zu einem Aufruf zum Handeln.
Beim festlichen Seder-Abendessen zum Auftakt von Pessach werden bestimmte Speisen mit symbolischer Bedeutung gegessen und die biblischen Passagen vom Auszug aus Ägypten gelesen. Familien und Freunde lesen und singen aus der Schrift Haggada. Dazu erklärt die Orthodoxe Rabbinerkonferenz: "Die Haggada mahnt jede Generation, die Erfahrung der Befreiung als eigene zu begreifen."