Journalistin Charlotte Wiedemann sieht Umbruch der Weltordnung

"Weltkrieg neuen Typs"

Der Iran-Krieg scheint trotz brüchiger Waffenruhe nicht ausgestanden, andere Konflikte wie Israel-Gaza schwelen derweil weiter. Was bedeutet das für die jeweiligen Gesellschaften und die Weltgemeinschaft, wie können Lösungen aussehen?

Marc Frings im Gespräch mit der Publizistin und Journalistin Charlotte Wiedemann (ZdK)
Marc Frings im Gespräch mit der Publizistin und Journalistin Charlotte Wiedemann / ( ZdK )

Im gemeinsamen Podcast von DOMRADIO.DE und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, "Frings fragt", spricht Marc Frings mit der Publizistin Charlotte Wiedemann über den Krieg im Nahen Osten, die Lage im Iran sowie die Folgen für internationale Ordnung und deutsche Erinnerungskultur. 

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Das Gespräch zwischen dem Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und der Journalistin entfaltet sich entlang dreier Ebenen: der Situation im Iran, der globalpolitischen Dimension des Konflikts und der deutschen Debatte über Israel und Holocaust-Erinnerung.

Iran, Teheran: Ein Gebäude, das zu einem Komplex mit Sportanlagen gehört haben soll, ist nach Luftangriffen zerstört / © Stringer (dpa)
Iran, Teheran: Ein Gebäude, das zu einem Komplex mit Sportanlagen gehört haben soll, ist nach Luftangriffen zerstört / © Stringer ( dpa )

Zu Beginn richtet Wiedemann den Blick auf die humanitären Folgen des Krieges im Iran. Sie betont das Leid der Zivilbevölkerung und rückt die menschliche Perspektive in den Vordergrund: "Die Mehrheit der Iraner und Iranerinnen ist der große Verlierer dieses Krieges." Der Mythos gezielter Militärschläge sei widerlegt; zerstörte Infrastruktur, mindestens 2.000 Tote und massive soziale Verwerfungen prägten die Realität. Zugleich warnt Wiedemann vor vereinfachenden Bildern eines geeinten Volkes gegen das Regime. Die Gesellschaft sei vielmehr fragmentiert – politisch, sozial und ideologisch.

Diese Fragmentierung macht aus ihrer Sicht auch einen politischen Wandel schwierig. Wiedemann beschreibt mehrere Lager: Regimeanhänger, reformorientierte Kräfte, interventionistische Oppositionsgruppen und linke Bewegungen. Eine geeinte Opposition existiere nicht, ebenso wenig eine Figur, die einen Übergang moderieren könnte. Entsprechend skeptisch äußert sie sich zu extern erzwungenem "Regime Change".

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu spricht Ende März während einer Pressekonferenz in Jerusalem  / © Ronen Zvulun/Pool Reuters (dpa)
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu spricht Ende März während einer Pressekonferenz in Jerusalem / © Ronen Zvulun/Pool Reuters ( dpa )

Im zweiten Teil weitet sich der Blick auf die internationale Ordnung. Wiedemann diagnostiziert eine tiefgreifende Krise von Völkerrecht und Diplomatie. Den aktuellen Konflikt bezeichnet sie als "einen Weltkrieg neuen Typs", der sich durch globale Auswirkungen und eine gezielte Gewalt gegen Zivilbevölkerungen auszeichne. Besonders kritisch sieht sie, dass militärische Aktionen selbst laufende Verhandlungen unterlaufen haben – das sei ein schwerer Vertrauensbruch. Gleichzeitig entstünden neue geopolitische Konstellationen, in denen Europa an Einfluss verliere, während Akteure wie China oder Pakistan an Bedeutung gewinnen.

Pro-Palästina Kundgebung in Berlin / © Paul Zinken (dpa)
Pro-Palästina Kundgebung in Berlin / © Paul Zinken ( dpa )

Im dritten Teil steht die deutsche Perspektive im Zentrum. Wiedemann fordert eine offenere Debatte über das Verhältnis zu Israel und eine Weiterentwicklung der Erinnerungskultur. Historische Verantwortung dürfe nicht zur Rechtfertigung aktueller Politik werden: "Es kann nicht sein, dass wir sagen, wir stehen an der Seite Israels, wenn Israel Völkerrechtsverbrechen begeht.“ Sie plädiert dafür, auch palästinensisches Leid stärker einzubeziehen, und spricht von einem Demokratiedefizit im deutschen Diskurs. Viele Positionen würden nicht gehört oder sogar kriminalisiert.

Abschließend formuliert Wiedemann eine ethische Leitlinie: Erinnerung müsse universal gedacht werden. Historische Verantwortung bedeute heute vor allem, "an der Seite von Ausgegrenzten zu stehen“. Nur durch Empathie, Pluralität und offene Debatten könne ein ehrlicherer gesellschaftlicher Umgang mit Konflikten und Geschichte gelingen.

Quelle:
DR

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