Johanna Beck veröffentlicht Buch über geistlichen Missbrauch

Lange Schatten der Vergangenheit

Johanna Beck hat als Kind geistlichen Missbrauch bei den katholischen Pfadfindern Europas erlebt. Jetzt hat sie ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. Und über die Überwindung eines Traumas.

Johanna Beck / © Heinz Heiss (privat)
Johanna Beck / © Heinz Heiss ( privat )

Der Gott, an den Johanna Beck als Kind glauben musste, war streng und ohne Gnade: Bei Fehlverhalten drohte die Hölle oder zumindest das Fegefeuer. Nie konnte man ihm genügen. So hatte sie es bei der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) gelernt: "Vor allem habe ich furchtbare Angst vor dem großen ‚Endkampf‘ zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Satan, der offenbar unmittelbar bevorsteht und den nur diejenigen überstehen, die ein völlig sündenfreies Leben geführt haben", schreibt sie in ihrem gerade veröffentlichten Buch: "Mach neu, was dich kaputt macht" über ihre Zeit bei der KPE und die Folgen für ihr Leben.

"Wir bekamen ständig suggeriert: Du scheiterst, du hast etwas falsch gemacht, du sündigst. Da kommt man da ganz schwer raus und damit arbeiten aber auch Gruppierungen wie die KPE", erzählt sie im Interview mit DOMRADIO.DE. "Die Angst der Mitglieder und das geringe Selbstwertgefühl gibt den Oberen Macht!"

Beichtzwang bei Pater Dietmar

In dieser Zeit trat auch Pater Dietmar in ihr Leben, der in Wirklichkeit anders heißt, dessen Namen sie aber in ihrem Buch aus verschiedenen Gründen nicht nennt. Er hatte etwas "Dunkles, Lauerndes, Fanatisches" an sich, schreibt sie, aber der Pflicht zur Beichte bei ihm konnte sich keine in ihrem Stamm entziehen: "Es war immer klar, wenn er mit uns im Zeltlager war oder uns in unserem Stamm besucht hat, dann wird gebeichtet", erzählt Johanna Beck. Sie erinnert sich an unendlich lange Gespräche, in denen es immer um sexuelle Themen ging und er intime Fragen stellte, die das Mädchen vollkommen überforderten. "In diesem Kontext sind auch sexuelle Übergriffe geschehen", fügt sie hinzu.

Manipulation und Unterdrückung

Nach der Schule trat sie aus der KPE aus und entfernte sich auch von der Kirche. Sie studierte Germanistik, heiratete und bekam drei Kinder. Doch die Erlebnisse aus der Kindheit verfolgen sie. Erst als 2018 in den USA und kurz danach in Deutschland erstmals Studien den tausendfachen Missbrauch in der katholischen Kirche öffentlich machen, wird ihr klar, dass es ein Wort für das gibt, was sie und andere bei der KPE erlebt haben: Geistlicher Missbrauch. Die Manipulation und Unterdrückung durch Umdeutung religiöser und moralischer Werte, ausgeübt von Priestern oder religiösen Führungspersönlichkeiten, die ihre Macht missbrauchen. "Uns wurde nicht nur eingeredet, das sei normal, sondern die einzige richtige Form von Katholizismus und Glauben", erinnert sich Beck.

Lange hatten Betroffene es besonders schwer, für ihre Leiden Gehör zu finden.  "Es ist nicht so greifbar und kaum nachweisbar", erklärt Johanna Beck. Dabei sind es genau dieses Machtgefälle und der Gehorsam, die den Nährboden für den tausendfach begangenen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche legten.

Irritierende Entscheidung

Dass ausgerechnet diese KPE im Dezember 2021 von der Deutschen Bischofskonferenz als privater kanonischer Verein anerkannt wurde, war für Johanna Beck ein Schock. Da war sie bereits Mitglied im Betroffenenbeirat der DBK und hatte mehrfach über ihre negativen Erfahrungen mit der KPE gesprochen, auch mit Bischöfen. Die Entscheidung findet sie empörend. Erneut seien Betroffene nicht gehört worden, sagt sie. Und während alle über Klerikalismus und Machtmissbrauch reden, werde eine Organisation anerkannt, die genau dafür stehe. "Die Bischöfe haben es einfach immer noch nicht verstanden!"

Dass die KPE sich neu ausgerichtet und "Vorbehalte ausgeräumt" habe, wie die DBK argumentiert, glaubt sie nicht: "Die KPE hat so viele in sich missbräuchliche Strukturen und Denkmuster, dass irgendeine Satzung und irgendein Präventionsprogramm daran nichts grundsätzlich ändern. Das Problem steckt im System!"

Rückkehr zur Kirche

Trotz allem fand Johanna Beck zurück zur Kirche. Ein Zustand, über den sie sich manchmal selbst wundert: Es könnte "eine seltsame Form von Stockholm-Syndrom" sein, mutmaßt sie in ihrem Buch. Darin erzählt sie aber auch, wie sie in ihrer Heimatstadt Stuttgart durch Zufall in einen Gottesdienst geriet, der ihr das unbestimmte Gefühl des Nach-Hause-Kommens gab, während der Priester über einen gütigen, verzeihenden Gott sprach. Das war für sie vollkommen neu.

Heute studiert sie Theologie und gibt der Kirche noch mal eine Chance. Aber sie möchte sie auch verändern. Seit Sommer 2020 ist sie Mitglied im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz. Und sie hat beim Synodalen Weg gesprochen. Sie fordert eine umfassende Missbrauchsaufarbeitung, Kirchenreformen und Geschlechtergerechtigkeit. Nur dann, sagt sie, kann es auch ihre Kirche bleiben: "Diese Dynamik, die gerade zumindest im deutschsprachigen Raum herrscht, kann die Kirche nicht mehr deckeln", davon ist Johanna Beck überzeugt. Die Frage sei nur, was daraus werde: "Wird sich daraus etwas entwickeln, das innerhalb der Kirche stattfinden kann oder wird sich das jenseits der Kirchenmauern entfalten?"

 

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Quelle:
DR