Ein österliches Interview mit Jesus-Darsteller Frederik Mayet

"Jesus ist gestorben für seine Botschaft"

Bei den Oberammergauer Passionsspielen sollte Frederik Mayet zum zweiten Mal nach 2010 als Jesus zu erleben sein. Wegen der Corona-Pandemie ist die Premiere auf Mai 2022 verschoben worden. Ein österliches Interview mit dem Jesus-Darsteller.

Die beiden gleichberechtigten Jesus-Darsteller für die Passionsspiele 2020, Frederik Mayet (l) und Rochus Rückel (r) und der Spielleiter Christian Stückl  / © Angelika Warmuth (dpa)
Die beiden gleichberechtigten Jesus-Darsteller für die Passionsspiele 2020, Frederik Mayet (l) und Rochus Rückel (r) und der Spielleiter Christian Stückl / © Angelika Warmuth ( dpa )

KNA: Bis zuletzt hoffte man, die Passion spielen zu können. Sind Sie enttäuscht, dass es nun noch zwei Jahre dauern wird?

Frederik Mayet (Jesus-Darsteller bei den Oberammergauer Passionsspielen): Ja natürlich. Aber auf der anderen Seite ist es in der jetzigen Situation die richtige Entscheidung. Die Gesundheit der Mitwirkenden und Gäste geht vor.

KNA: Was wollten Sie bei Ihrer Jesus-Darstellung dieses Mal anders machen?

Mayet: Mir ging es darum, noch mal genauer auf Jesus zu schauen. Zehn Jahre ist eine lange Zeit, die Welt hat sich geändert. Die Probleme von heute sind anders. Jesus muss deshalb im Passionstext, den Christian Stückl toll überarbeitet hat, andere Antworten finden. Er muss politischer werden. Denn die Armen etwa werden immer ärmer, die Reichen immer reicher. Vor zehn Jahren gab es keine Klimakrise, wir hatten keine sogenannte Flüchtlingskrise und kein uns weltweit bedrohendes Virus.

KNA: Und was sagt Jesus?

Mayet: Im Passionsspiel sagt Jesus klar, wie wir mit Fremden umgehen sollen oder mit Hungrigen. Nämlich gebt denen, die hungern, zu essen, und denen, die dürsten, zu trinken. Und wenn einer fremd ist, nehmt ihn auf, und wenn einer nackt ist, gebt ihm Kleidung.

KNA: Was fordert Sie am meisten?

Mayet (überlegt): Vor allem die großen Predigten im ersten Teil, mit denen Jesus versucht, seine Botschaft unters Volk zu bringen. Dazu kommen die Auseinandersetzungen mit den Hohenpriestern. Am heftigsten aber diskutiert er mit den Aposteln, wenn sie über den richtigen Weg streiten und was sie vom Messias, dem Nachfolger König Davids, erwarten. Im zweiten wird es körperlich anstrengender, wenn Gefangennahme, Verspottung, Geißelung anstehen und schließlich Kreuzweg und Kreuzigung.

KNA: Über 50 Mal haben Sie das auf der Bühne 2010 schon durchgemacht. Wenn in der Karfreitagsliturgie das entsprechende Evangelium gelesen wird, hören Sie dies anders?

Mayet: Auf jeden Fall. Ich habe die Sätze im Kopf und weiß für mich, was für ein Gefühl die Gefangennahme am Ölberg, das Blut- und Wasserschwitzen oder die Verzweiflung Jesu bedeutet. Aber das dürfte sämtlichen Darstellern so gehen. Auch wer Pilatus spielt, hört ganz anders hin.

KNA: Apropos Pilatus: Dieser Schlagabtausch zwischen ihm und Jesus - gibt es da einen Satz, der Ihnen besonders wichtig ist?

Mayet: Jesus gibt sich insgesamt sehr wortgewandt, aber gegenüber Pilatus wird er stiller. Im Spiel sagt er: "Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Der hört meine Stimme, der aus der Wahrheit ist." Ist das jetzt arrogant, wenn er über sich sagt, er sei der Weg und die Wahrheit? Ich interpretiere das so, dass Jesus sein Leben komplett auf Gott ausgerichtet hat. Er will deutlich machen, dass du als Mensch intuitiv weißt, was gut und schlecht ist. Darauf musst du hören und entsprechend handeln. Wenn er vom Reich Gottes spricht, redet er nicht von einer fernen Zukunft.

Wenn Du die Gesetze hältst, wie "Du sollst nicht stehlen, nicht töten, nicht Ehe brechen", dann hätten wir das Reich Gottes auf Erden.

KNA: Wie lange müssen Sie in der Regel am Kreuz durchhalten?

Mayet: Es dürften gut 20 Minuten sein. Zuerst gilt es einen zehnminütigen Todeskampf zu spielen. Wenn ich die letzten Worte am Kreuz spreche, ist das auch ein sehr emotionaler Moment für mich.

Zugleich spürt man, wie das Publikum mitleidet. Und dann bleiben weitere zehn Minuten, in denen ich quasi leblos am Kreuz hänge. In dieser Phase gilt es, in sich zu gehen und flach zu atmen. Bewegen ist nicht erlaubt, weil die Illusion bewahrt werden soll, dass Jesus tot ist. Vor zehn Jahren habe ich versucht, da an nichts zu denken und loszulassen. Fast meditativ am Kreuz zu hängen, das war für mich die Herausforderung.

KNA: Nicht der Tod steht am Schluss, sondern die Auferstehung Jesu. Wann können Sie für sich bei der Aufführung den inneren Schalter umlegen, dass die österliche Freude obsiegt?

Mayet: Vor zehn Jahren war das schon so. Man kommt vom Kreuz runter und wird ins Grab getragen. Wenn man dann noch mal auf die Bühne kommt, ist das schon ein starker Moment. Als wir mit den Hauptdarstellern im September 2019 im Heiligen Land waren, sprachen wir auch mit dem uns begleitenden Pfarrer Thomas Frauenlob darüber, warum der ungläubige Thomas den auferstandenen Jesus nicht erkennt.

Wieso kennt er ihn nicht mehr, wenn er vorher ständig mit ihm zusammen war, warum muss er den Finger in die Wunde legen? Durch die Auferstehung hat Jesus wohl doch eine andere Form und einen anderen Zustand angenommen. Er war nicht mehr der, der er war, bevor er ans Kreuz geschlagen wurde.

KNA: Und wie stellt man so jemanden dar?

Mayet: Das ist wirklich schwer. 2010 hat Christian Stückl dies wunderbar gelöst. Wie in der Osternacht-Liturgie bringt Jesus das Licht in die Welt. Die Bühne war sehr dunkel, wenn Jesus auf einmal auftritt, dann der Engel und Magdalena, die die Osterbotschaft spricht. Mit brennenden Kerzen und Fackeln verbreitete sich nach und nach das Licht. So wird deutlich, worum es geht, nämlich Jesus ist gestorben für seine Botschaft. Und wir Christen sind dazu aufgerufen, diese weiter zu tragen. Das ist für mich Auferstehung.

Das Interview führte Barbara Just.

Quelle:
KNA