Jerusalemer Patriarch berichtet von Besuch im Gazastreifen

"Es gibt auch in Gaza ein Leben jenseits der Probleme"

Die politische Situation im Gazastreifen hat sich nicht grundlegend verändert. Dennoch blicken die Menschen dort auf ein Jahr relativer Ruhe zurück. Der Lateinische Patriarch Erzbischof Pierbattista Pizzaballa kam jetzt zu Besuch.

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa spricht während eines Pastoralbesuches im Gazastreifen mit eine Familie / © Andrea Krogmann (KNA)
Erzbischof Pierbattista Pizzaballa spricht während eines Pastoralbesuches im Gazastreifen mit eine Familie / © Andrea Krogmann ( KNA )

KNA: Wie bewerten Sie die aktuelle Lage in Gaza?

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa (Lateinischer Patriarch von Jerusalem): Die Situation hat sich nicht grundlegend verändert. Positiv zu bewerten ist, dass seit dem Krieg im Sommer 2021 ein Jahr ohne größere Gewalteskalation vergangen ist.

Israel hat mehr Arbeits- und Reiseerlaubnisse erteilt. Das bringt eine gewisse Entspannung mit sich, die wir auch in unseren Begegnungen spüren. Die diesbezügliche Politik Israels kennt viele Aufs und Abs. Die jetzige Regierung ist aus unserer Sicht die bisher einfachste in dieser Hinsicht. Während wir in der Vergangenheit von unseren Gläubigen um Hilfe bei den Genehmigungen gebeten wurden, gab es diesmal Berichte darüber, welche Orte sie besucht haben. Es ist eine Art Durchatmen.

KNA: Sie haben sich entschieden, bei Ihren Besuchen jeweils einen Seminaristen mitzunehmen, der noch nie in Gaza war. Warum?

Pizzaballa: Gaza ist von unserer Kirchenrealität getrennt. Da die Einreise für mich relativ einfach ist, möchte ich besonders den Jungen einen Besuch ermöglichen, weil ich glaube, dass dies dabei helfen kann, die Realität in diesem Teil unseres Bistums besser zu verstehen. Diejenigen, die mich bisher begleitet haben, sind in Kontakt geblieben, vor allem mit der Jugend der Pfarrei. Das ist eine sehr gute Sache!

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa hält die Hand eines Babys während eines Besuches eines Waisenhauses der Missionarinnen der Nächstenliebe / © Andrea Krogmann (KNA)
Erzbischof Pierbattista Pizzaballa hält die Hand eines Babys während eines Besuches eines Waisenhauses der Missionarinnen der Nächstenliebe / © Andrea Krogmann ( KNA )

KNA: Gazas junge Christen stehen, neben vielen anderen Problemen, vor der Herausforderung, in der kleinen Gemeinde Partner zu finden. Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Christen aus Gaza und dem Rest des Bistums zusammenzubringen?

Pizzaballa: In der Tat ist das ein Problem, zumal es unter den Jungen deutlich mehr Frauen als Männer gibt. Es braucht mehr Kontakt mit anderen jungen Christen, aber diese Entscheidungen können nur auf politischer Ebene getroffen werden. Hinzukommt, dass man von niemandem erwarten kann, für einen Partner in den Gazastreifen zu ziehen.

Umgekehrt ist es sehr schwierig für Christen aus Gaza, für eine Familienzusammenführung ausreisen zu dürfen. Das Prozedere ist sehr langwierig. Wir können nicht alle Probleme lösen, aber Problemlösungen sind nicht der einzige Grund für unsere Besuche in Gaza.

KNA: Sondern?

Pizzaballa: Ich bin ein Seelsorger, und sie sind meine Herde. Wir kommen, um in Gemeinschaft zu sein. Es gibt auch in Gaza ein Leben jenseits der Probleme. Ich treffe die Menschen in ihrem Lebenskontext und sehe, dass sie trotz allem glücklich sind.

KNA: Wie würden Sie Ihre Gemeinde in Gaza charakterisieren?

Pizzaballa: Es ist eine kleine und sehr geeinte Gemeinde. Das macht die pastorale Arbeit sehr viel einfacher. Die Gemeinde ist der einzige Referenzpunkt, deshalb nehmen die Gläubigen zwanglos am Gemeindeleben teil und bringen sich kreativ ein.

KNA: Wie sieht die interne politische Realität im Gazastreifen aus?

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa spricht während eines Pastoralbesuches im Gazastreifen mit eine Familie / © Andrea Krogmann (KNA)
Erzbischof Pierbattista Pizzaballa spricht während eines Pastoralbesuches im Gazastreifen mit eine Familie / © Andrea Krogmann ( KNA )

Pizzaballa: Sie ist relativ stabil. Der Kontext ist sehr islamisch, aber die Hamas hat kein Interesse daran, den Christen Probleme zu bereiten. Von zwei Millionen Gazabewohnern sind wir 800 Christen. Die Rolle des Pfarrers ist wichtig, um ein gutes Gleichgewicht in den Beziehungen zu erhalten.

KNA: Unter welchen Kriterien stellen Sie bei Ihren halbjährlichen Besuchen das Programm zusammen?

Pizzaballa: Das überlasse ich dem Pfarrer! Mir ist es wichtig, bei jedem Besuch andere Familien zu besuchen und meinen Besuch nicht auf Christen zu beschränken, sondern auch bedürftige muslimische Familien zu treffen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Follow-Up unserer Arbeit und Projekte. Die Besuche helfen mir dabei, Dinge zu sehen und zu verstehen.

Ein Schwerpunkt dieses Besuchs etwa war die Arbeit der Caritas, die zuletzt vor großen Herausforderungen stand. In Gaza ist Caritas in besonderer Weise Ausdruck der Sorge, die die Kirche für alle Menschen trägt. Wir wollen diese enge Verbindung zwischen der Caritas und der Kirche - nicht, um der Kirche zu dienen, sondern um Dienst der Kirche an den Menschen zu sein. Die Arbeit vor Ort zu sehen, ist wichtig, weil es so viel mehr aussagt als alle Berichte.

Das Interview führte Andrea Krogmann.

Lateinisches Patriarchat von Jerusalem

Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem betreut rund 321.500 römisch-katholischen Christen, die in Israel, Jordanien, Zypern und den Palästinensischen Gebieten leben. Die Ursprünge des Patriarchats liegen in der Zeit der Kreuzfahrer, die sich als "Lateiner" bezeichneten. Es erlosch jedoch mit dem Fall Akkos 1291. Im Jahr 1847 belebte Papst Pius IX. das Patriarchat neu.

Blick auf Jerusalem / © Kyrylo Glivin (shutterstock)
Quelle:
KNA