"Jedermann" Philipp Hochmair spricht über Fußwaschung und Tod

"Bin geprägt von Ästhetik in der Kirche "

Der österreichische Schauspielstar Philipp Hochmair war schon als Ministrant fasziniert von der Ästhetik des heiligen Theaters in der Kirche. Warum ist er dankbar für diese Erfahrung und welchen Osterbrauch schätzt er?

Autor/in:
Barbara Just
Philipp Hochmair steht anlässlich der Fotoprobe des Stücks "Jedermann" auf der Bühne / © Barbara Gindl/APA (dpa)
Philipp Hochmair steht anlässlich der Fotoprobe des Stücks "Jedermann" auf der Bühne / © Barbara Gindl/APA ( dpa )

KNA: Seit 2024 sind Sie als vielumjubelter "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen zu erleben. Zum Spiel vom Sterben des reichen Mannes gehört in der aktuellen Inszenierung von Robert Carsen auch eine Szene, in der der Titelheld einer Reihe von armen Menschen als Sühne die Füße wäscht, um sich das Reich Gottes zu verdienen. Herr Hochmair, wann wurden Ihnen zuletzt die Füße gewaschen?

Philipp Hochmair (Schauspieler): Das passiert regelmäßig, wenn ich im steirischen Altaussee zur Mayr-Kur in einem Gesundheitsresort bin. Da gehe ich einmal im Jahr zum Fasten hin. Das Fußbad ist Teil eines medizinischen Vorgangs, um den Körper zu entsäuern. Dabei handelt es sich aber nicht um ein religiöses Ritual, wie man das in der Kirche vom Gründonnerstag kennt, wenn Jesus seinen Jüngern beim Letzten Abendmahl die Füße wäscht.

KNA: Sie waren als junger Mann Zivildienstleistender in einem Altenheim. Mussten Sie den Bewohnerinnen oder Bewohnern die Füße waschen?

Hochmair: Da musste ich noch ganz andere Sachen waschen. Aber in erster Linie haben das die Pflegekräfte gemacht. Die waren damals auch schon überlastet, so dass vor allem das Menschliche zu kurz kam.

Ich war in dieser Einrichtung der erste Zivildiener, wie man das in Österreich nennt, und die wussten nicht recht, was sie mit mir anfangen sollten. Ich habe mir dann selbst eine Aufgabe gesucht. Mir war wichtig, die Bewohnerinnen und Bewohner seelisch zu unterstützen. So habe ich mit ihnen unter anderem gemalt und ihnen zugehört, wie sie aus ihrer Vergangenheit erzählt haben.

KNA: Mit acht Jahren wurden Sie Ministrant. "Ich war oft in der Kirche. Und habe viele Geschichten gehört, Menschen beobachtet, Hochzeiten und Begräbnisse erlebt", heißt es in Ihrer Biografie. Was hat Sie geprägt?

Hochmair: Das war vor allem die Ästhetik. In meiner eigenen, für die Bühne konzipierten "Jedermann Reloaded"-Performance kommt das übrigens rüber. Zu den dabei verwendeten Utensilien gehören unter anderem Totenschädel, Kerzen, Weihrauch - einfach barocke Elemente.

KNA: Die meisten theatralischen Momente gibt es in der Liturgie der Kirche von Palmsonntag bis Ostern. Was begeistert Sie daran?

Hochmair: Als Kind habe ich diese krassen Bilder und Geschichten intensiv aufgesaugt: Diese großen mystischen Bilder etwa vom Lamm Gottes! Oder wenn man in der Osternacht in die dunkle Kirche hineingeht und dann das Licht nach und nach entzündet wird – das war schon Wahnsinn. Später habe ich lang in Hamburg gewohnt. Dort gibt es am Osterwochenende den Brauch, entlang der Elbe Osterfeuer zu entzünden. Jedes Jahr habe ich von Blankenese aus in die Stadt hinein diesen Marsch an den Feuern vorbei gemacht. Das war für mich Einkehr und Besinnung. Heute bedauere ich es, wenn ich zu dieser Zeit nicht in Hamburg sein kann.

Philipp Hochmair (r, als Jedermann) im Rahmen einer Probe des Stückes "Jedermann" im Rahmen der Salzburger Festspiele Juli 2024  / © arbara Gindl/APA (dpa)
Philipp Hochmair (r, als Jedermann) im Rahmen einer Probe des Stückes "Jedermann" im Rahmen der Salzburger Festspiele Juli 2024 / © arbara Gindl/APA ( dpa )

KNA: Zurück zum Gründonnerstag. Hätten Sie gedacht, dass Sie die Fußwaschung auf der Bühne vor dem Salzburger Dom einmal einholen wird?

Hochmair: Nie. Im ersten Moment wirkte das für mich auch sehr ausgedacht. Die Idee hatte der von der Opern-Regie kommende Robert Carsen, der für seinen "Jedermann" alles durchgeplant und durchgestylt hatte. Da war nicht viel Platz, um sich selber einzubringen. Auch die Bühne wird komplett nach Anweisung hergestellt. Inzwischen mache ich diese Fußwaschung aber wahnsinnig gern. Es ist für mich ein schöner, poetischer Moment. Und dass selbst Papst Franziskus diese Geste bei Gefängnisinsassen vollzogen hat, finde ich wirklich berührend.

KNA: In der Inszenierung gibt eine Putzfrau als Allegorie des Glaubens dem reichen Jedermann einen feuchten Lappen in die Hand, während eine Bettlerin die "Guten Werke" verkörpert. Im Angesicht des nahenden Todes beginnt er mehreren Armen als Demutsgeste die Füße zu waschen. Angesichts einer zunehmend säkularen Zeit: Wissen Menschen mit einem solch religiösen Bild überhaupt noch etwas anzufangen?

Hochmair: Das ist ja das Schöne an einem mystischen Bild, dass es für sich spricht und stark ist. Das muss man nicht infrage stellen. Aber natürlich besteht die Gefahr, dass in unserer Kultur der Filme und des Internets solche Bilder irgendwann nicht mehr lesbar sind. Ich selber brauche diese Bilder und bin sehr dankbar, über sie geprägt zu sein und nichts nachholen zu müssen. Das ist ein wichtiger Erziehungsvorgang auch für den Geist gewesen.

KNA: Nachdem Jedermann die gute Tat vollzogen hat, spricht er die Worte: "Mir ist, als wär' ich neugeboren." Nehmen Sie ihm das ab?

Hochmair: Ja, absolut. Genau das passiert bei der Fußwaschung, die er ja auch noch demütig kniend macht. Da fällt bei ihm der Groschen, Teil einer großen Welt zu sein und Verantwortung zu haben. Denn vorher hat er nur seinen wirtschaftlichen Gewinn gesehen. Das ist genau der richtige Satz in diesem Moment.

Philipp Hochmair

"Wenn man ständig damit in Verbindung steht, gibt es schon eine andere Bereitschaft dazu."

KNA: Wer so oft wie Sie schon auf der Bühne gestorben ist, hat der eine andere Einstellung zum Tod?

Hochmair: Na ja. Aber eigentlich doch: Ja. Ich habe einen spielerischen Umgang damit, weil ich irgendwie das Gefühl habe, anders darauf vorbereitet zu sein. Aber das wird einem Arzt genauso gehen. Wenn man ständig damit in Verbindung steht, gibt es schon eine andere Bereitschaft dazu. Das sage ich jetzt mal ganz kühn. Aber wer weiß schon, wie es sein wird, wenn es wirklich so weit ist?

KNA: Und die Hoffnung auf Auferstehung?

Hochmair: Das können Sie jetzt aus mir nicht rauskitzeln, ob ich an die Auferstehung glaube. Aber dass noch etwas kommen könnte, glaube ich schon irgendwie. Ein Bild dafür, wie dieses Noch-Etwas ausschauen könnte, habe ich jedoch nicht.

Quelle:
KNA