Weltbildungsbericht warnt vor Folgen der Corona-Pandemie

Je ärmer, desto schlimmer die Bildungsungerechtigkeit

Unter dem Titel "Inklusion und Bildung: Für alle heißt für alle" warnen die Autoren des Weltbildungsbericht der Unesco in diesem Jahr auch vor den Folgen der Corona-Krise. Einige wichtige Fragen und Antworten im Überblick.

Schule in Kambodscha / © alionabirukova (shutterstock)

Wie steht es um die Teilhabe im Bildungsbereich?

Geschätzte 258 Millionen Kinder und Jugendliche weltweit besuchen keine Schule. Dies entspricht einem Anteil von 17 Prozent, also etwa jedem sechsten Heranwachsenden. Mehr als 90 Prozent der Betroffenen leben in vier Weltregionen: Subsahara-Afrika, Zentral-/Südasien, Ost-/Südostasien und Nordafrika/Westasien.

Die Entwicklung war indes lange positiv: Seit den 1990er-Jahren ging sowohl die absolute Zahl der Nicht-Schulbesucher als auch der Anteil dieser Kinder im entsprechenden Alter zurück. Zuletzt gab es in Subsahara-Afrika allerdings - bedingt durch das Bevölkerungswachstum - einen Anstieg bei der Anzahl.

Ist denn alles in Ordnung, sobald Kinder in die Schule gehen?

Der Schulbesuch gilt natürlich als Grundvoraussetzung für Bildungschancen. Doch warnt der Bericht auch davor, dass weltweit Millionen weitere Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer Herkunft, Identität oder einer Behinderung innerhalb des Bildungssystems ausgegrenzt würden. So sei etwa in jedem vierten Land die getrennte Bildung von Kindern mit und ohne Behinderung gesetzlich vorgeschrieben.

In Asien, Lateinamerika und der Karibik existierten sogar in mehr als 40 Prozent der Staaten entsprechende Regelungen. In vielen Ländern werde zudem auch Minderheiten und Geflüchteten noch immer kein hinreichender Zugang zu hochwertiger Bildung gewährt.

Welche Hürden verhindern gleiche Bildungschancen?

Die Autoren des Berichts sehen Armut weiterhin als entscheidende Hürde für Bildungserfolg. Lässt man die wohlhabenden Staaten Europas und Nordamerikas außen vor und vergleicht Jugendliche aus wohlhabenden und armen Verhältnissen, so ist das Bild eindeutig:

Während 100 Jugendliche aus reichen Familien die Sekundarschule abschließen, sind es im Vergleich aus armen Familien nur 18. Auch besuchen sie deutlich seltener überhaupt weiterführende Schulen.

Zudem kritisieren die Autoren, dass benachteiligte Schüler noch zu häufig unter sich blieben, zum Teil auch in eigenen Schulformen wie bei Behinderten, wo die Trennung in vielen Ländern gesetzlich vorgeschrieben bleibt. Der Wille zur Umsetzung von gerechter Teilhabe für alle sei mitunter ebenfalls zu gering ausgeprägt.

Welche Auswirkungen hat die Covid-19-Pandemie?

Die derzeitige Corona-Krise werde die verschiedenen Formen von Bildungsungerechtigkeit weiter verstetigen, warnt Unesco-Generaldirektorin Audrey Azoulay im Vorwort zum Bericht. So hätten vergangene Erfahrungen - etwa mit Ebola - gezeigt, dass in Gesundheitskrisen viele Menschen zurückblieben. Insbesondere die ärmsten Mädchen seien betroffen, viele würden vielleicht nie wieder in die Schule zurückkehren.

Mehr als 90 Prozent der Heranwachsenden weltweit seien wegen der Pandemie von Schulschließungen betroffen gewesen oder noch betroffen. Azoulay schreibt von "einer historisch beispiellosen Erschütterung der Bildung". Durch die soziale und digitale Spaltung seien jene Menschen, die bereits am stärksten benachteiligt seien, einem zusätzlichen Risiko von Lernverlusten und Schulabbrüchen ausgesetzt.

Was empfehlen die Autoren des Berichts?

Zentrale Empfehlung ist, dass alle Bildungsakteure ihr Verständnis von inklusiver Bildung erweitern sollten. Niemand dürfe diskriminiert oder abgelehnt werden, weder wegen seiner Identität, seines Geschlechts, seiner Religion noch wegen einer Behinderung. Die Umsetzung von gerechter Teilhabe für alle müsse bereits bei der Ausbildung von Lehrkräften als Kernelement behandelt werden.

Auch Vielfalt innerhalb des Bildungspersonals selbst fördere Inklusion, schreiben die Autoren. Benachteiligte Schüler müssten zudem gezielt finanziell unterstützt werden. Nicht zuletzt sollten alle Länder Daten zu denjenigen, die bei der Bildung zurückgelassen werden, erheben und nutzen. Und Bildungsakteure sollten regional und global voneinander lernen.

Welche positiven Beispiele nennt der Bericht dafür?

Als konkretes Beispiel aus deutscher Sicht stellt die Unesco in diesem Jahr die Marie-Kahle-Gesamtschule Bonn heraus. Die 2009 gegründete Schule sei ein Vorreiter inklusiver Bildung und ermögliche den Schülern nach der sogenannten Dalton-Methode ein selbstbestimmtes Lernen in ihrem eigenen Tempo.

Auch in anderen Ländern fand die Organisation aus ihrer Sicht innovative Ansätze für mehr Bildungsteilhabe: So existierten auf Kuba, in Malawi und der Ukraine Kompetenzzentren, die allgemeine Schulen dabei unterstützten, Kinder mit besonderen Bedürfnissen zu unterrichten. In Gambia, Neuseeland und auf Samoa würden mobile Lehrkräfte eingesetzt, um benachteiligte Gruppen zu erreichen. Der indische Bundesstaat Odisha verwende 21 Stammessprachen in seinen Klassenzimmern. Und Kenia passe seinen Lehrplan an den Kalender der im Land lebenden Nomaden an.

Autor/in:
Alexander Riedel
Quelle:
KNA