Die Erinnerungen an Terroranschläge sind für Überlebende und Angehörige von Opfern wie "Favoriten auf dem Handy": stets präsent. Diesen Vergleich zieht der Traumatherapeut Christian Lüdke. "Alltägliche Erinnerungen rutschen wie Fotos und Videos aus dem Sichtfeld, aber traumatische Ereignisse bleiben", sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Sie seien oft mit starken Bildern und Körpereindrücken verbunden. Lüdke hat seit dem 11. September 2001 zahlreiche terroristische Ereignisse begleitet.
Der zehnte Jahrestag spiele in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle, erklärte Lüdke. Er sei für viele Betroffene eine Art symbolische Wegmarke: "Einerseits ist ein Jahrzehnt vergangen ohne den Menschen, den ich verloren habe. Andererseits ist das Ereignis emotional sehr nah. So entsteht oft eine Mischung aus Erinnerung, Bilanz und erneuter emotionaler Aktivierung." Bei vielen Hinterbliebenen würden Erinnerungen rund um Jahrestage wieder lebendiger.
Am 22. März jährt sich der Anschlag auf den Brüsseler Flughafen zum zehnten Mal, dem 35 Menschen zum Opfer fielen. 2016 war von mehreren Attacken geprägt: Im Juli kamen an der Strandpromenade von Nizza 86 Menschen ums Leben, kurz darauf wurde der Priester Jacques Hamel während der Messe bei Rouen ermordet. Im Dezember fuhr ein Attentäter in die Menge auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz, dort starben 13 Menschen.
"Es gibt keinen Ersatz für das Leben"
Jahres- und Gedenktage hätten eine wichtige Funktion, betonte Lüdke: Sie zeigten Betroffenen, dass die Gesellschaft das Ereignis nicht vergessen habe und ihr Leid anerkenne. Wichtig sei jedoch, ihnen die Kontrolle zu überlassen: "Sie sollen selbst entscheiden können, wie nah oder wie fern sie Gedenkformaten bleiben wollen."
Ihr Verlust könne nicht wiedergutgemacht werden, so der Experte: "Es gibt keinen Ersatz für das Leben." Allerdings verliere eine solche Erfahrung mit der Zeit ihre "vernichtende und überwältigende emotionale Macht". Manche Menschen fänden einen neuen Sinn, gründeten etwa eine Stiftung oder unterstützten andere in Not. "Auch kann sich eine neue Form von Erinnerung entwickeln, zum Beispiel Dankbarkeit dafür, den verlorenen Menschen gekannt zu haben. Viele berichten, dass sie Prioritäten anders setzen und das Leben ganz neu genießen, seit ihnen bewusst ist, wie plötzlich es zu Ende sein kann."