Es ist ein ruhiger Vormittag am Flughafen von Brüssel. Ein Mann schiebt einen Rollkoffer über den gefliesten Boden. Eine Familie wartet in einer Schlange auf den Check-In, eine Frau bezahlt beim Bäcker ihren Kaffee. Wenig erinnert in der Abflughalle daran, dass hier vor zehn Jahren Terroristen Tod, Verletzung und Schrecken verbreiteten. Doch Michel Gaillard erinnert sich. Der katholische Priester ist seit 20 Jahren Seelsorger am Flughafen in Brüssel.
Der grauhaarige Mann mit Brille deutet auf eine silberne Tafel an einer Wand der Abflughalle: "In Erinnerung an die Opfer der Terrorattacken am 22. März 2016. Wir werden sie nie vergessen." 35 Menschen verloren vor zehn Jahren in der belgischen Hauptstadt ihr Leben, mehr als 300 wurden verletzt. Zunächst sprengten sich dschihadistische Selbstmordattentäter am Flughafen Brüssel-Zaventem in die Luft, gut eine Stunde später ein weiterer Terrorist in einem U-Bahnhof inmitten des EU-Viertels. Nach offiziellen Angaben starben Menschen aus 22 verschiedenen Ländern.
Mit Warnweste und Priesterkragen
Gaillard zeigt auf hell glänzende Fliesen vor einem Gepäckabgabeschalter - Frauen und Männer geben dort gerade ihre Koffer auf, um nach Algerien zu fliegen. "Hier ging die eine Bombe hoch", erklärt Gaillard. "Damals standen hier Menschen für einen Flug in die USA." Nur durch seinen Hinweis sieht man, wo der Boden neu gemacht wurde.
Welche Spuren haben die Anschläge bei den Menschen am Flughafen hinterlassen? Viele Mitarbeiter hätten sich eine neue Arbeit gesucht, weil die ständige Erinnerung schwierig für sie war, erzählt Gaillard. Polizisten hätten sich versetzen lassen. Manche Kollegen hätten jetzt noch immer Redebedarf und sprächen ihn an, sagt der Flughafenpfarrer. Über seinem Hemd mit Priesterkragen trägt er eine gelbe Warnweste. "Airport Chaplain" steht darauf, Flughafenkaplan. Der 63-Jährige läuft durch die Flure, grüßt Mitarbeiter an den Schaltern, auf Reinigungsfahrzeugen und einen Handwerker, der ein Plakat anbringt. Zehntausende von Männern und Frauen arbeiten am Flughafen.
Schock, Chaos und ganz praktische Fragen
Seine Aufgabe sieht Gaillard vor allem darin, für Menschen ansprechbar zu sein - Reisende wie auch die Flughafenbelegschaft. So auch vor zehn Jahren. Während der Anschläge war er noch zu Hause. Als er davon erfuhr, machte er sich auf den Weg zum Flughafen. Dort schickte man ihn in eine Sporthalle zu gestrandeten Reisenden, Überlebenden, Zeugen des Terrors. Gebraucht wurde er dort nicht primär als Geistlicher, sondern vor allem als Helfer für die ersten Fragen in einer chaotischen Situation: Wann kann ich jetzt nach Hause fliegen? Wie kann ich meine Familien erreichen? Wo sind meine Pässe?
Die Menschen seien unmittelbar vom Flughafen in die Halle gebracht worden, manche ohne Schuhe, viele ohne ihre Sachen, viele unter Schock. Es habe versucht, Tränen zu trocknen, die Überlebenden in die Realität zurückzubringen und sie zu beruhigen. Und auch ganz praktische Lösungen zu finden.
Was hat sich seitdem verändert?
Nach den Anschlägen war der Flughafen zehn Tage geschlossen. Gaillard war dabei, als der Betrieb damals wieder begann - die Atmosphäre sei anders gewesen, Soldaten mit Waffen hätten das Gelände überwacht und Mitarbeiter an ihren Eindrücken gelitten. Auch Flughafenpersonal war durch die Anschläge gestorben.
Jedes Jahr gebe es um 7.58 Uhr eine Schweigeminute, zum Zeitpunkt der Anschläge. Und etwa zwanzig Minuten zu Fuß vom Terminal erinnert eine kleine Grünanlage, der Memorial Garden, an die Opfer. Eine Stele trägt deren Namen. Und eine große Skulptur trägt Narben der Anschläge. Denn das Kunstwerk "Flight in Mind" stand vor 2016 in der Abflughalle. Nach dem Terror wurde es repariert, Spuren des Angriffs sind aber weiter sichtbar.
Im täglichen Leben des Flughafens hätten die Anschläge langfristig aber wenig Spuren hinterlassen, findet Gaillard. Nun, rund um den zehnten Jahrestag, rechnet er nochmal mit mehr Redebedarf. Für den 22. März ist eine Gedenkzeremonie geplant. Viele der Mitarbeiter wollen nicht kommen, wie er berichtet. Sie hätten zu viele Bilder im Kopf; es sei zu hart, sich zu erinnern. Gaillard findet das Erinnern wichtig. "Aber noch wichtiger", sagt er: "nach vorne schauen".