Indigenen-Verband in Kolumbien schlägt Alarm

"Suizid als letzter Ausweg" vor Zwangsrekrutierungen

Dutzende indigene Jugendliche begehen Suizid - aus Angst vor Zwangsrekrutierung durch paramilitärische Banden und Guerillagruppen. Die Kirche versucht zu helfen, wo sie kann.

Guerilla-Kämpfer im Kolumbien / © Henry Agudelo (shutterstock)
Guerilla-Kämpfer im Kolumbien / © Henry Agudelo ( shutterstock )

 

In Kolumbien haben sich laut dem Radiosender RCN bislang bereits 30 Kinder und Jugendliche selbst getötet, um einer Zwangsrekrutierung durch bewaffnete Banden zu entgehen. Gerardo Jumi Tapias vom Nationalen Indigenen-Verband ONIC erklärte, vor allem die Nachfolgeorganisation der linksgerichteten Guerillaorganisation FARC sowie der rechten paramilitärischen Organisation Autodefensas Gaitanistas de Colombia zwängen nach wie vor Kinder und Jugendliche an die Waffen.

"Wir rufen die ELN-Guerilla und die FARC-Dissidenten und alle anderen bewaffneten Gruppen wie die paramilitärischen Kräfte (AGC) auf, das humanitäre Völkerrecht zu respektieren. Das bedeutet, die Bevölkerung nicht in Akte der militärischen Konfrontation einzubeziehen", sagte Jumi Tapias dem Sender am Wochenende.

ELN - zweitgrößte Guerilla in Kolumbien

Seit dem Friedensvertrag der Regierung mit der größeren Rebellengruppe Farc 2016 ist die marxistisch-leninistische Nationale Befreiungsarmee (ELN) die letzte noch aktive Guerillaorganisation in dem südamerikanischen Land. Mit ihren rund 1500 Kämpfern verübt sie vor allem im Osten Kolumbiens Anschläge und nimmt Geiseln.

Im Januar 2019 verübte die ELN einen schweren Bombenanschlag auf eine Polizeiakademie in Bogotá. 21 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Regierung des konservativen Präsidenten Iván Duque brach die Friedensgespräche mit den Rebellen daraufhin ab. (dpa/11.04.2019)

ELN-Guerilla in Kolumbien / © Christian Escobar Mora/EFE (dpa)

"Ein distanzierter, defensiver Blick wird nicht helfen"

Erst vor wenigen Wochen hatte sich die Kolumbianische Bischofskonferenz vor Ort ein Bild der Lage gemacht und war an die Pazifikküste gereist. Der Staat müsse den Gemeinden und den lokalen Vertretern zuhören und die Realität vor Ort erleben. "Ein distanzierter defensiver Blick wird nicht helfen, die historischen Probleme des Choco zu lösen", sagte der Erzbischof von Bogota und Bischofskonferenz-Vorsitzende Luis Jose Rueda. Dazu zählten derzeit Kämpfe bewaffneter Gruppen, die um territoriale Vorherrschaft kämpften, um den Drogenexport zu garantieren.

Die Ortskirche im Choco forderte den rechtsgerichteten Präsidenten Ivan Duque jüngst zu einem Dringlichkeitstreffen auf. Thema müsse die wachsende Gewalt an der Pazifikküste sein, hieß es in einem Offenen Brief der Kirchenvertreter. Die Kirche wolle das Staatsoberhaupt über die Erfahrungen von sechs humanitären Missionen informieren, teilte Chocos Bischof Juan Carlos Barreto laut dem Portal "Caracol" mit. Der "Ombudsstelle zur Verteidigung des kolumbianischen Volkes" zufolge sind 77 Prozent der Bevölkerung der Region in Gefahr, Opfer gewalttätiger Auseinandersetzungen zu werden. In der Provinzhauptstadt Quidbo hätten die Menschen Angst, auf die Straße zu gehen, weil sie dort von illegalen Gruppen bedroht werden könnten.

Kampf um die Vorherrschaft

Die rechtsgerichtete paramilitärische Bande AGC ist für schwerste Menschenrechtsverletzungen, Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und gegen Sozialaktivisten verantwortlich. Zwischen den drei bewaffneten Banden ist ein Kampf um die Vorherrschaft in der Unruheprovinz Choco entbrannt. Wegen ihrer strategisch wichtigsten Lage an der Pazifikküste ist sie für den Drogenhandel von zentraler Bedeutung.

Im November 2016 hatte die Regierung des damaligen Präsidenten Juan Manuel Santos nach vierjährigen Verhandlungen ein Friedensabkommen mit der größten Rebellenorganisation des Landes unterzeichnet. Die entwaffnete FARC sitzt inzwischen, umbenannt in "Comunes", als politische Partei im Parlament. Ein Teil ihrer Kämpfer verweigert sich allerdings dem Friedensprozess und setzt den bewaffneten Kampf als "FARC-Dissidenten" fort.

Friedensgespräche seit 2019 gestoppt

Die derzeit auf Eis liegenden Friedensgespräche zwischen der Regierung und der ELN begannen Anfang 2017 unter dem damaligen Präsidenten und späteren Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos. Im Mai 2018 wurden sie in Kubas Hauptstadt Havanna verlegt. Nach einem Bombenattentat der ELN auf eine Polizeischule in Bogota, bei dem 22 Menschen starben und 66 verletzt wurden, stoppte der amtierende Präsident Duque die Gespräche im Januar 2019.

Quelle:
KNA