Historiker sieht Parallelen bei Missbrauch in beiden Kirchen

"Pastoralmacht" relativ ähnlich

Die Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland zeigt nach Ansicht des Historikers Thomas Großbölting, dass sexualisierte Gewalt in beiden Großkirchen "ähnlich funktioniert". Das hat ihn durchaus überrascht.

Akten in einem Archiv / © Julia Steinbrecht (KNA)
Akten in einem Archiv / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Die "Pastoralmacht" sei in beiden Kirchen relativ ähnlich, "unabhängig von den theologischen Grundlegungen", sagte Großbölting der Zeitschrift "Publik-Forum".

Thomas Großbölting / © Lars Berg (KNA)
Thomas Großbölting / © Lars Berg ( KNA )

Dies sei für ihn der überraschendste Punkt, so Großbölting, der an der Studie mitgearbeitet hat. "Es scheint fast gleichgültig zu sein, ob Sie einen geweihten Priester oder einen ordinierten Pfarrer in einer lutherischen oder einer reformierten Gemeinde haben", sagte der Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte (FZH) in Hamburg.

Zum Streit zwischen den Forschern und den Landeskirchen um die Durchsicht von Personalakten sagte Großbölting, die Landeskirchen hätten die große Aufgabe der Aktensichtung wohl unterschätzt. Zudem habe es wohl auch an dem Willen gemangelt, "das entsprechend anzupacken".

Als Nächstes über Verantwortlichkeiten reden

Kerstin Claus, Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, sagte "Publik-Forum": "Sich heute hinzustellen und zu sagen, die EKD hätte etwas unterschrieben, das auf landeskirchlicher Ebene nicht umsetzbar ist, ist für mich nicht akzeptabel."

Kerstin Claus / © Bernd von Jutrczenka (dpa)
Kerstin Claus / © Bernd von Jutrczenka ( dpa )

Claus, die in einer gemeinsamen Erklärung mit den evangelischen Kirchen unabhängige regionale Aufarbeitungskommissionen verabredet hat, erklärte, diese seien erforderlich, "damit Betroffene sich nicht an Kirche wenden müssen, wenn sie Fälle sichtbar machen wollen".

Letztlich gehe es ihr dabei auch um die Frage, ob die Kirchen wirklich wissen wollten, was passiert sei, ob Veränderungen wirklich gewollt seien und angegangen würden, so Claus. Großbölting ergänzte: Als Nächstes müsse über Verantwortlichkeiten geredet werden: "Wer hat was gewusst, wer hat was vertuscht."

Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche

Die Zahl der Missbrauchsopfer in der evangelischen Kirche und Diakonie ist viel höher als bislang angenommen. Laut einer Studie sind seit 1946 in Deutschland nach einer Hochrechnung 9.355 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden. Die Zahl der Beschuldigten liegt bei 3.497. Rund ein Drittel davon seien Pfarrpersonen, also Pfarrer oder Vikare. Bislang ging die evangelische Kirche von rund 900 Missbrauchsopfern aus. Die Forum-Studie wurde von einem unabhängigen Forscherteam erarbeitet und in Hannover veröffentlicht.

Gedruckte Ausgaben der Studie zu Missbrauch in der evangelischen Kirche liegen auf einem Tisch / © Sarah Knorr (dpa)
Gedruckte Ausgaben der Studie zu Missbrauch in der evangelischen Kirche liegen auf einem Tisch / © Sarah Knorr ( dpa )

 

Quelle:
KNA