Hintergründe des angeblichen Anschlags auf Patriarch Ilia II.

Geld, Macht und Anti-Ökumene

In Georgien gärt eine Giftküche. Anlass war ein angeblich geplanter Zyankali-Anschlag auf den 84 Jahre alten orthodoxen Patriarchen Ilia II. Bis hin zu Russlands Präsident Putin verfolgen georgische Medien die Fährten.

Wohin steuert die orthodoxe Kirche in Georgien? / © Zurab Kurtsikidze (dpa)
Wohin steuert die orthodoxe Kirche in Georgien? / © Zurab Kurtsikidze ( dpa )

Nach einer erfolgreichen Gallen-OP kehrt der orthodoxe Patriarch von Georgien, Ilia II., am Montagabend aus Deutschland in seine Heimat zurück. Die Behandlung im Berliner Helios-Klinikum wurde von Meldungen über einen angeblich geplanten Giftanschlag überschattet. Nun erwarten den Oberhirten von 3,2 Millionen orthodoxen Georgiern daheim weitere Probleme.

Das Zyankali-Gerücht war nur die Spitze eines Eisbergs, der während der Abwesenheit des 84 Jahre alten Patriarchen in den georgischen Medien erkennbar wurde: Die sogenannte Grusinische Mafia dürfte nämlich nicht nur Teile des Handels in der früheren Sowjetunion und namhafte Bankinstitute kontrollieren. Sie hat sich offenbar auch in den Wirtschaftsstrukturen der georgisch-orthodoxen Kirche eingenistet.

Dazu kommt ein wachsender innerkirchlicher Machtkampf zwischen Anti-Ökumenikern und dem offeneren Flügel des Patriarchen, der sich für den Dialog mit anderen Christen einsetzt, besonders für den mit der katholischen Kirche.

Innerkirchlicher Zwist

Beim Besuch von Franziskus in Tiflis im Herbst 2016 musste sich Ilia II. größte Zurückhaltung auferlegen. Er begleitete den Papst nicht mal ins Stadion der Hauptstadt, wo das römische Kirchenoberhaupt vor fast leeren Rängen stand. Dennoch ist es dem orthodoxen Moskauer Patriarchat und damit dem Kreml ein Dorn im Auge, dass der einstige Schewardnadse-Intimus Ilia II. wieder Anschluss an die Weltorthodoxie um Patriarch Bartholomaios II. von Konstantinopel sucht - von der sich Russen, Bulgaren und Georgier durch ihre Ablehnung des Konzils von Kreta im Juni 2016 isoliert hatten.

In der georgischen Presse tauchten zuletzt sogar Vorwürfe auf, Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich stehe hinter dem versuchten Zyankali-Mordanschlag auf den Patriarchen. Erwähnt werden frühere Gifteinsätze russischer Agenten wie 2004 die Dioxinsuppe für den späteren ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko oder den in London verstrahlten Putin-Kritiker Alexander Litwinenko 2006.

Patriarch versucht Anschlagsaffäre herunterzuspielen

Der auf Distanz zu Russland stehende georgische Regierungschef Giorgi Kwirikaschwili eilte persönlich zum Krankenhaus in Pankow, um sich vom Zustand und der Sicherheit des Patriarchen zu überzeugen. In dem seit 1977 amtierenden Ilia II. sehen die meisten Georgier den einzig unbestechlichen Garant der religiösen, aber auch staatlichen Ordnung am Kaukasus. Der frisch operierte Patriarch gab sichtlich angegriffen und mit leiser, aber fester Stimme eine Erklärung ab, in der er die Anschlagsaffäre herunterzuspielen versuchte. Die Aufnahme läuft noch immer in allen georgischen TV-Nachrichten.

Der Fall kam ins Rollen, als vor einer Woche am Flughafen Tiflis Diakon Giorgi Mamaladse mit Zyankali im Koffer festgenommen wurde. Er war auf einen Flug nach Berlin gebucht. Trotz seines niedrigen geistlichen Ranges ist Mamaladse eine Schlüsselfigur in der kirchlichen Finanzverwaltung, ihren Wirtschaftsbetrieben von Fabriken und Läden für religiöse Gegenstände bis zu Abfüllung und Versand von Mineralwasser aus Klosterquellen. Daraus werden freilich auch karitative Leistungen finanziert.

Vorwürfe gegen Diakon

Allerdings tauchten zuletzt immer massivere Vorwürfe gegen Diakon Mamaladse und seinen Stab auf. So hieß es, dass sie sich an Kirchengeldern bereicherten und mit losen Frauen einließen. Solche Damen werden dieser Tage genüsslich im georgischen Privatfernsehen vorgeführt - während im Sicherheitsgefängnis von Tiflis Mamaladse weiter seine Unschuld beteuert und Polizeischutz für seine Familie verlangt, die von der Mafia bedroht werde. Am Montag nun wurde der Diakon mit Herzbeschwerden in eine Klinik verlegt.

Sowohl der strenge wie der ökumenische Flügel unter den 46 Mitgliedern der orthodoxen Bischofskonferenz fordern eine Sondersitzung, sobald Ilia II. wieder einigermaßen bei Kräften ist.

Die bislang letzte Session fand im Herbst statt und mündete in unüberbrückbaren Gegensätzen. Noch aus Berlin schickte Abtbischof Iakobi Iakobaschwili, ein Vertrauter des Patriarchen, die Versicherung: "Sind wir erst wieder in Tiflis, wird sich mit Gottes Hilfe alles aufklären!"

Autor/in:
Heinz Gstrein
Quelle:
KNA