Helfer im Ahrtal empfindet Nächstenliebe als Motivation

"Diese Dankbarkeit ist unser Lohn"

Die reine Nächstenliebe treibt Theo Huber seit dem ersten Tag der Flutkatastrophe im Ahrtal an, den Menschen dort zu helfen. Er selbst kommt aus Baden und opfert seinen Urlaub. Die Katastrophe sei noch nicht überwunden, betont er.

 Danke an Helfer und Einsatzkräfte
 / © Julia Steinbrecht (KNA)
Danke an Helfer und Einsatzkräfte / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Seit dem Sommer 2021 helfen Sie im Flutgebiet. Dort haben die Menschen mittlerweile das zweite Weihnachten, Silvester und Neujahr nach der Katastrophe gefeiert. Wie sieht denn mittlerweile die Region aus? Wo sind die Spuren noch sichtbar?

Theo Huber (Helfer für Betroffene im Ahrtal): Die Spuren sind durch das ganze Flutgebiet immer noch sichtbar. Viele Häuser sind schon renoviert, teilweise auch fertiggestellt, aber ein Großteil ist noch nicht fertig. Wir haben immer noch Häuser, wo noch der Putz erneuert werden muss, wo getrocknet werden muss, es fehlen an den Straßen teilweise Brücken. Also, man sieht es, wenn man durchs Flutgebiet fährt, immer wieder und überall.

DOMRADIO.DE: Sie haben viel Kontakt mit Betroffenen, führen viele Gespräche, oft stundenlang. Wie geht es den Menschen aktuell?

 Flutschäden entlang der Ahr
 / © Harald Oppitz (KNA)
Flutschäden entlang der Ahr / © Harald Oppitz ( KNA )

Huber: Viele fühlen sich ein bisschen alleingelassen, haben auch den Mut verloren, weil die Unterstützung weniger wird. Es sind immer noch viele Helfer unterwegs, aber es ist auch in den Medien nicht mehr so präsent. Wir haben viele andere Ereignisse in Deutschland oder in der Welt, worüber gesprochen und berichtet wird. Da geraten unsere Flutgebiete ein bisschen ins Hintertreffen.

Wir als Helfer arbeiten alle daran, dass sie nach wie vor bekannt bleiben, dass wir bekannt machen, was gebraucht wird. Wir brauchen unheimlich viele Baustoffe, wir brauchen unheimlich viele Helfer.

DOMRADIO.DE: Das heißt, wenn sie helfen, stemmen sie nicht unbedingt den Putz weg, sondern sie organisieren Helfer, die es können und die den Putz besorgen?

Huber: Wir organisieren Helfer. Wir motivieren Helfer. Wir haben eine Riesengemeinschaft über WhatsApp-Gruppen, über Facebook usw. Da wird wird geguckt, wer was braucht. Wir sind natürlich auch vor Ort. Ich habe mittlerweile ein kleines Team um mich herum.

Mit verschiedenen Helfern sind wir aber direkt bei den Betroffenen. Wir kriegen auch mit, wo die Hilfe gebraucht wird und was gebraucht wird. Vielfach ist es auch so, dass sich die Betroffenen gar nicht trauen, nach Hilfe zu fragen. Da kommt dann die Aussage, dass andere vielleicht mehr Hilfe oder dringender Hilfe brauchen als man selber.

Da ist es einfach wichtig, dass man sich die Zeit nimmt, sich hinsetzt und einfach miteinander redet. Es kann auch gut sein, dass man da mal zwei, drei Stunden sitzt, weil die Menschen sich einfach öffnen und dann endlich mal über das Erlebte sprechen können. Daran können wir ansetzen und anbieten, wie wir unterstützen können.

DOMRADIO.DE: Sie investieren viel Zeit in Ihre Hilfe. Fast Ihren ganzen Jahresurlaub haben Sie in die Unterstützung investiert. Was motiviert Sie?

Flutschäden entlang der Ahr / © Harald Oppitz (KNA)
Flutschäden entlang der Ahr / © Harald Oppitz ( KNA )

Huber: Wenn irgendwo Hilfe gebraucht wird, dann kann man das tun. Mir macht es unheimlich viel Spaß. Diese Dankbarkeit, die einem da entgegenschlägt, ist der Lohn. Ich glaube, ich spreche da für alle Helfer. Das ist einfach nur toll.

Wenn ich einmal von daheim hin und her fahre, sind es knapp 1.200 Kilometer. Zuhause bin ich aber auch wieder im wahrsten Sinne des Wortes zu Hause. Ich habe es warm und ich habe alles, was man so zum Leben braucht.

Es gibt nach wie vor sehr viele Betroffene, die in den Wintermonaten vor dem kleinen Holzofen sitzen müssen. Die sitzen quasi im Rohbau.

DOMRADIO.DE: Wer Kontakt mit Ihnen sucht, wird sehr schnell fündig, zum Beispiel über www.theohuberhilft.de aber vor allen Dingen auch über die sozialen Medien.

Huber: Überwiegend geht der Kontakt über Facebook. Da begann auch alles. Da habe ich meine ersten Aufrufe gemacht. Das ist die Seite "nit quatsche, mache", in unserem badischer Dialekt geschrieben: "nicht reden, einfach machen".

Eigentlich waren bei uns in den Handwerkerferien zwei Wochen geplant. Mittlerweile sind wir bei Fluttag 542 und wir sind noch lange nicht fertig. Wir werden auch immer wieder Spendensammlungen und Baustoffe nach Erfstadt fahren. Da können die Betroffenen, die die Baustoffe brauchen, diese kostenfrei abholen und dann entsprechend einbauen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Die Flutkatastrophe im Juli 2021 und ihre Nachwehen

Bei der Flutkatastrophe im Juli 2021 im Westen Deutschlands kommen allein in Rheinland-Pfalz mindestens 136 Menschen ums Leben.  In Nordrhein-Westfalen sterben bei Hochwasser nach extremem Starkregen 49 Menschen; mit 180 Städten und Gemeinden ist fast die Hälfte der Kommunen betroffen. Eine Chronologie der Ereignisse:

11.7.: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnt am Vormittag vor extremem Starkregen mit bis zu 200 Litern Regen pro Quadratmeter innerhalb von 60 Stunden. Eine genaue Vorhersage, wo die riesigen Mengen niedergehen werden, ist nicht möglich.

Nach der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen / © Marius Becker/dpa (dpa)
Nach der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen / © Marius Becker/dpa ( dpa )
Quelle:
DR