Hape Kerkeling steht auf dem Appellplatz des früheren Konzentrationslagers Buchenwald und erzählt von seinem Opa Herrmann. Es ist kalt und zugig. Opa Hermann hat hier ab Juli 1942 drei Jahre seines Lebens verbracht, als "politischer Häftling" mit der Nummer 6117. "Hier wurde er gefoltert, gedemütigt und wurde Zeuge unzähliger Morde. Dass er diesen Wahnsinn überlebt hat, ist ein Wunder", erzählt Kerkeling.
Er ist in diesem Jahr Gastredner bei der Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald durch die US-Armee. Erstmals spricht kein überlebender Häftling selbst. Nur noch zwei sind an diesem Sonntag vor Ort dabei: Alojzy Maciak (98) aus Polen und Andrej Moiseenko (99) aus Belarus. Drei weitere Überlebende konnten aufgrund des Nahost-Krieges kurzfristig nicht aus Israel einreisen.
Katholik und Kommunist
Kerkelings Opa Hermann war ein Zimmermann aus Recklinghausen, Katholik und Kommunist. Er sei kein Mann der großen Worte gewesen, aber der Tat: "Er war ein Mensch, der schlichtweg nicht bereit war, wegzusehen, als die Dunkelheit über Deutschland hereinbrach", formuliert es sein Enkel Hape.
Unmittelbar nach der Machtergreifung im Jahr 1933 habe er Flugblätter gegen Hitler verteilt. "Er hat nicht geschossen, er hat nicht sabotiert – er hat lediglich die Wahrheit geschrieben, gedruckt und verteilt. Das kostete ihn zwölf Jahre seines Lebens."
Hermann saß in Haft, zunächst in der sogenannten "Hölle von Recklinghausen", und schließlich im KZ Buchenwald auf dem Ettersberg nahe Weimar in Thüringen. Zwischen 1937 und 1945 verschleppten die Nationalsozialisten knapp 280.000 Menschen hierher. 56.000 von ihnen wurden ermordet oder starben an Hunger, Krankheiten, durch Zwangsarbeit oder medizinische Experimente.
Ein gebrochener Mann
Bei der Befreiung 1945 war der Großvater 44 Jahre alt: "Körperlich ein gebrochener Mann, geplagt von Krankheiten, die ihn nie wieder verlassen sollten, von einer tiefen Müdigkeit, die keine Nachtruhe der Welt heilen konnte." In den 1950er und 1960er Jahren stellte Hermann Kerkeling mehrere Anträge auf Amnestie und Entschädigungen. Eine echte Wiedergutmachung habe er nie erhalten, nur ein paar Mark.
Das Bitterste sei für den Großvater gewesen, dass sein Unrechtsurteil wegen "Hochverrats" zu seinen Lebzeiten nie aufgehoben wurde. "In den Augen der Bürokratie blieb der Verfolgte ein Vorbestrafter", berichtet Kerkeling. "Für mich steht sein 'Hochverrat' heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit."
Dröhnendes Schweigen
Opa Hermann hat nie von Buchenwald erzählt, nur geschwiegen: "Dieses dröhnende Schweigen war wie eine Mauer aus Glas, die seine Seele umgab. Wir – seine Familie – konnten ihn sehen, aber wir konnten ihn nur selten erreichen", schildert Kerkeling. "Vielleicht wollte er uns schützen? Er wollte nicht, dass die grausame Kälte und der blinde Hass dieses Ortes in unsere warme Wohnstube in Recklinghausen kriecht."
Hape Kerkeling ging dem Schicksal seines Großvaters erst relativ spät nach – 2019 bei Recherchen für sein Buch "Gebt mir etwas Zeit". Fündig wurde er in den "Arolsen Archives" – in dem NS-Archiv in der Kleinstadt Bad Arolsen (Hessen) lagern Akten von mehr als 15 Millionen Opfern des NS-Regimes.
Eine steingewordene Warnung
Er sei zutiefst alarmiert über die politische Entwicklung im Land, sagt Kerkeling: "Wenn heute wieder Kräfte erstarken, die unsere Erinnerungskultur diffamieren, dann ist das ein Schlag ins Gesicht aller Opfer und ihrer Nachfahren." Buchenwald sei eine steingewordene Warnung: "Wer heute wegschaut oder jenen applaudiert, die die Geschichte umschreiben wollen, macht sich mitschuldig."
Die Erinnerung an die NS-Opfer sei das Einzige, was vor einer Zukunft als Täter schütze. "Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie", mahnt der Comedian.
"Opa Hermann hat geschwiegen, um seine Familie zu bewahren. Ich spreche heute, um ihn und alle Opfer, die hier litten und starben, zu ehren", sagt Kerkeling. "Und ich bitte Sie alle: Sprechen auch Sie. Lassen Sie nicht zu, dass das Schweigen wieder die Oberhand gewinnt. Denn die Demokratie lebt nicht vom Wegsehen, sondern vom mutigen Hinsehen." Das "Nie wieder" dürfe kein Lippenbekenntnis bleiben, sondern müsse täglicher Kompass sein.
Umdeutung für die Freiheit
Kerkeling verweist auf die Inschrift am Eingangstor zum Lagergelände: Jedem das Seine. "Die Nazis meinten damit: Den Häftlingen den Tod, uns die Macht. Aber wir, die Nachfahren, wir deuten das heute um", sagt er. "Jedem Menschen seine unveräußerliche Würde. Jedem Menschen seine Freiheit. Jedem Menschen sein Recht, so zu sein, wie er ist – egal woher er kommt, woran er glaubt oder wen er liebt."