Haiti: Menschen und ihre Schicksale

"Von Gott verlassen? Diese Frage stellt sich nicht"

Ein Erzbischof, der seine eigene Schwester verloren hat. Ein deutscher Botschafter, der nur knapp dem Tod entgangen ist. Eine Helferin über unerschütterlichen Glauben. domradio.de stellt ein Jahr nach der Erdbebenkatastrophe von Haiti Menschen und ihre Schicksale vor.

 © DOMRADIO (DR)
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Jens-Peter Voss ist seit 2008 Botschafter Deutschlands in Haiti. domradio.de sprach mit ihm. domradio.de: Wie haben Sie persönlich den 12. Januar 2010 erlebt? Voss: Ich war im Büro mit meiner Frau zusammen. Da wir noch keine Wohnung hatten, wohnten wir in einem Hotel - das Hotel ist später völlig zusammengebrochen. Das Erdbeben ist zufällig zu einem Zeitpunkt geschehen, als wir im Büro waren. Nicht nur, weil wir eine normale Dienstzeit bis 17 Uhr haben und das Erdbeben sieben Minuten vor Dienstschluss war, sondern weil wir auch keine anderen Termine hatten. Dass meine Frau auch mit hier war, war reiner Zufall. Wir haben einfach Glück gehabt. domradio.de: Was geht einem da durch den Kopf, wenn man vor einem Hotel steht und weiß: Eine Stunde später wäre ich da nicht mehr rausgekommen? Voss: In den ersten Wochen habe ich auf diese Frage gesagt: Das muss wahrscheinlich noch etwas sacken, daran denke ich im Moment noch nicht. Inzwischen ist ein Jahr vergangen. Und ich versuche die Gedanken daran zu verdrängen. Aber manchmal sitzt man doch zusammen und spricht darüber und kommt zu dem Punkt, an dem man sagt: Es hätte auch so sein können, dass man uns aus den Trümmern gebuddelt musste. domradio.de: Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie durch die Straßen von Haiti gehen. Wie viel von der Katastrophe kriegen Sie noch mit? Voss: Port au-Prince war schon vor dem Erdbeben eine Stadt, in der man wenig Spazieren gehen konnte. Es gibt auch keine Ziele oder schöne Flecken wie ein Park. Jetzt fährt man durch die Stadt und sieht, dass sich an einigen Stellen etwas tut, dass mal Trümmer eines Gebäudes verschwunden sind, aber das ist sehr punktuell. Im Gesamteindruck tut sich auch mit den Aufräumarbeiten sehr, sehr wenig. Das zeigt sich auch besonders bei den Notlagern. Jeder öffentliche Platz ist mit Notlagern gefüllt - und diese bestehen nach wie vor. Und es gibt auch keine erkennbare Tendenz, die Notlager aufzulösen. Zum Teil, und das ist dann eine ganz, ganz bittere Erkenntnis, ist es so, dass die Unterkünfte, die die Menschen vorher hatten, nicht unbedingt besser waren. Da zeigt sich die ganze Katastrophe des Landes: Viele, viele Menschen wohnen in den überquellenden Hauptstadt in Hütten an steilen Berghängen. Und wenn sie jetzt in relativ ordentlichen Zelten leben, dann empfinden sie es gar nicht unbedingt als Verschlechterung. So traurig das ist. Erzbischof Louis Kébreau ist Vorsitzende der Haitianischen Bischofskonferenz. Mit ihm sprach Julia Mahnke vom katholischen Hilfswerk Adveniat. Adveniat: Was ist in Haiti seit dem Erdbeben passiert? Kébreau: Ich bin enttäuscht zu sehen, wie sich die Regierung verhält. Sie zeigt keine Führungsstärke und kein Verantwortungsgefühl. Ich habe den Eindruck, dass der einzelne Mensch für sie keinen Wert hat. Es gibt Manipulation, Ausbeutung und es fehlt an Hilfe.  Immer wieder verzögert sich die Verteilung von Hilfsgütern. Sie werden an der Grenze nicht abgefertigt, so dass sie verderben, anstatt bei den Menschen anzukommen. Die Politiker machen nur schöne Versprechungen. Adveniat: Ihre eigene Schwester ist bei dem Erdbeben ums Leben gekommen… Kébreau: Man muss das mit einem gläubigen Blick betrachten  und sich bewusst machen, dass für uns Christen das Leben nicht mit dem Tod endet, sondern dass es weiter geht. Es war sehr hart für mich, meine Schwester zu verlieren. Wir haben zusammen bei der Bischofskonferenz gearbeitet und sie hat mir sehr nahe gestanden, wir haben uns viel ausgetauscht haben. Ich fühle eine Leeren nach ihrem Tod, aber ich fühle mich nicht verloren. Es war ja nicht nur meine Schwester, es war für mich auch sehr schwer, so viele Seminaristen zu verlieren und zu sehen, wie sie in Massengräber gelegt wurden. Junge Menschen, die ich kannte und die ich begleitet habe. Auch andere, mir nahestehende habe ich verloren. Aber ich halte an meinem Glauben fest und der gibt mir viel Mut und Hoffnung. Ich sehe diese Menschen jetzt nicht mehr, aber ich werde sie in der Welt des Glaubens wiederfinden. Margit Wichelmann war für Adveniat in Haiti und sprach mit domradio.de über die Rolle des Glaubens und der Kirche. domradio.de: Können die Menschen in Haiti nach so vielen Schicksalsschlägen noch glauben? Wichelmann: Vielleicht kann man sich das in Deutschland so gar nicht vorstellen. Aber die Haitianer können nicht nach so vielen Schlägen, sondern vor allem aufgrund so vieler Schläge weiter glauben. Der Glaube ist für sie unglaublich wichtig. Aus ihm schöpfen die Menschen die Kraft, jeden Tag weiter zu machen und nicht zu verzweifeln. domradio.de: Sie denken nicht: Gott hat mein Land verlassen... Wichelmann:Die Frage, ob Haiti von Gott verlassen ist, stellt sich für die Haitianer nicht. Sie spüren Gottes Anwesenheit überall. Ich habe oft von den Haitianern als Beispiel gehört: Wenn Gott nicht in unserem Land wäre, dann wäre das Erdbeben nicht zu dem Zeitpunkt passiert, sondern zu einem, an dem noch alle Kinder in der Schule sind; dann hätte es noch mehr Todesopfer gegeben. Die Haitianer sehen Gott in ihrem Alltag permanent. domradio.de: Welche Rolle spielt die Kirche? Wichelmann:Die Kirche ist eines der wenigen Netzwerke in Haiti, das gut funktioniert. Und spielt insofern eine ganz wesentliche Rolle. Sie ist engagiert in der Koordinierung der Hilfe, momentan in ganz unterschiedlichen Bereichen. Sie begleitet die Menschen natürlich auch spirituell. Gerade wenn man an die vielen traumatisierten Menschen denkt, ist das in Haiti ganz besonders wichtig. Die Kirche ist aber auch engagiert in Bereichen von Bildung, sie führt landwirtschaftliche Projekte durch, arbeitet in der Bildung von Genossenschaften, im Gesundheitsbereich. Hören Sie die Interviews und mehr aus der Sendung "weltweit" bei  domradio.de nach: Der schwere Weg aus den Trümmern - Haiti ein Jahr nach dem Erdbeben
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