Anselm Grün zur Kirche in Corona-Krise

"Habe Fantasie vermisst"

Der Münsterschwarzacher Benediktinerpater und Beststellerautor Anselm Grün ist unzufrieden mit dem Agieren der Kirche in der Corona-Krise. Seinem Eindruck nach "hat die Kirche doch nicht sehr kreativ und nicht sehr aktiv reagiert", so Grün.

Pater Anselm Grün / © Harald Oppitz (KNA)
Pater Anselm Grün / © Harald Oppitz ( KNA )

"Sie hat viele Gottesdienste über Livestream gemacht. Das war durchaus eine gute Leistung. Sie ist in die digitale Werbung hineingegangen. Aber gute Anregungen, Fantasie habe ich schon teilweise vermisst", sagte Grün am Freitag im Deutschlandfunk.

Grün plädierte für direkte Ratschläge: "Wie gehe ich mit meinem Alltag um? Da braucht es eben nicht nur fromme Worte, sondern auch konkrete Weisungen. Wie gehe ich damit um, wenn die Enge zu groß wird in der Familie, wenn man sich auf die Nerven geht? Wie gehe ich mit meinen Emotionen um, mit meinen Aggressionen um?"

Begegnungen nötig

Zudem könne die Kirche neue Formen von Volksfrömmigkeit lernen. "Die Volksfrömmigkeit war eigentlich das, was den Glauben über die Zeiten hinweggetragen hat. Die Theologen allein haben den Glauben nicht gerettet, sondern die Formen, wo das Volk sich verstanden fühlte." 

Grün ergänzte: "Wir brauchen auch Fantasie. Wir müssen nicht alles nur in der Kirche machen über die Eucharistiefeier, sondern wir brauchen auch Formen für das Haus, für den Alltag. Wie kann ich den Glauben mitten in meinem beruflichen Leben leben? Welche Formen finde ich, den Glauben auszudrücken?" Virtuelle Glaubensangebote könnten eine gute Ergänzung sein, so der Mönch weiter. "Aber das ist nicht die Lösung. Wir brauchen wirklich wieder Begegnungen", etwa über Hausgemeinden.

Gesellschaft darf Leid nicht verdrängen

Der Benediktiner fügte hinzu, vielen Leuten sei in der Corona-Zeit "der Tod sehr nahe gerückt". Dieses Thema verdrängten die Menschen gern. "Aber an den Tod zu denken, gehört auch zur Spiritualität und auch zur Lebenskultur. An Tod zu denken soll ja keine Angst machen, sondern soll mich einladen, jetzt intensiv zu leben und zu spüren: Mein Leben ist begrenzt; und weil es begrenzt ist, lebe ich jetzt bewusst und lebe ganz im Augenblick."

Grün kritisierte die Neigung, Sterbende alleinzulassen, und den Trend zu anonymen Beerdigungen. "Man will einfach mit Trauer nichts zu tun haben. Das sind falsche Entwicklungen." Eine Gesellschaft, die Leid verdränge, werde immer härter und kälter.

Quelle:
KNA
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