Was sagt Merkels Musikauswahl beim Großen Zapfenstreich aus?

"Großer Gott, wir loben dich" steht für Demut

Angela Merkels Musikauswahl für den Großen Zapfenstreich sei überraschend und originell, sagt der Merkel-Biograf Volker Resing. Das Kirchenlied "Großer Gott, wir loben dich" stehe für ihren Gottesbezug als Kanzlerin.

Soldaten nehmen an dem Großen Zapfenstreich in Berlin teil / © Christophe Gateau (dpa)
Soldaten nehmen an dem Großen Zapfenstreich in Berlin teil / © Christophe Gateau ( dpa )

DOMRADIO.DE: Traditionell dürfen beim Zapfenstreich die Geehrten sich drei Lieder aussuchen. Angela Merkel hat dem Stabsmusikkorps der Bundeswehr eine ganz spezielle Playlist geschickt: Mit dabei ist "Für mich soll's rote Rosen regnen" von Hildegard Knef aus den 60ern. Warum passt das zum Leben von Angela Merkel?

Volker Resing (Chefredakteur "Herder Korrespondenz" und Merkel-Biograf): Ihre Musikauswahl ist wirklich originell und überraschend. Viele haben sich damit schon beschäftigt. Ich glaube, Hildegard Knef steht für sie symbolisch für die Frauen, die ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und im öffentlichen Leben und in der Politik ihren Platz erkämpft und auch eingenommen haben.

DOMRADIO.DE: Überraschend war für viele der zweite Musikwunsch: "Du hast den Farbfilm vergessen" von Nina Hagen. Was steckt dahinter?

Resing: Ein wunderschönes Bild. Diesen Song sollten sich vor allem Westdeutsche unbedingt noch mal anhören, weil es ja, wenn man so will, eine Hymne der DDR-Jugend ist. Auch den Text sollte man genau lesen. Es ist eine Klage über das Schwarz-Weiß-Leben der DDR, dem durch das diktatorische Regime sozusagen die Farbe entzogen war und zugleich eine Lebensfreude der DDR-Jugend ausdrückt - immer zwischen Anpassung und Protest. Ein Lied, wo man zwischen den Zeilen lesen konnte, was sozusagen typisch für dieses Leben in dieser Zeit war.

DOMRADIO.DE: Ihre Biografie heißt "Angela Merkel - die Protestantin". Sie ist überzeugte Christin, deshalb auch "Großer Gott, wir loben dich"?

Resing: Auf jeden Fall ist ihr Christsein immer wieder im Zusammenhang mit ihrer Karriere diskutiert worden, weil es sich vielleicht von dem Christsein eines westdeutschen Politikers unterscheidet. Als Tochter eines Pfarrers war ihr Glauben und ihre Zugehörigkeit zur Kirche schon von Anfang an politisiert. Schon in ihrer Schule wurde sie von den Lehrern dafür gemobbt. Für sie war es ein Freiheitsgewinn nach der Maueröffnung, dass Glaube etwas Privates wurde.

Das ist in der westdeutschen Gesellschaft häufig als eine Zurückhaltung in diesen Dingen falsch verstanden worden, dass sie ihren Glauben im Privaten lässt. Aber ich glaube, sie ist festverwurzelt in ihrem evangelischen Glauben und wünscht sich deswegen "Großer Gott, wir loben dich".

Auch dieser Gottesbezug, den sie für ihr eigenes persönliches Handeln immer wichtig fand, zu wissen, dass sie nicht die letzte Instanz ist, das auch an der Spitze eines Staates man sich nicht überhebt und demütig bleiben muss - dafür steht "Großer Gott, wir loben dich".

Im Übrigen steht es auch dafür, dass sie eine leidenschaftliche Sängerin ist und auch in der Kirche gerne singt. Die Kirchenmusik, das hat sie immer wieder gesagt, schätzt sie sehr. Es gibt dazu auch die schöne Anekdote, dass die Sternsinger, wenn sie zu ihr ins Kanzleramt kamen, immer überrascht waren, dass Angela Merkel, sobald Lieder gesungen wurden, auch in den Adventsliedern textsicher ist.

Das Interview führte Martin Mölder.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 30. November 2021 / © Danny Gohlke (dpa)
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 30. November 2021 / © Danny Gohlke ( dpa )
Volker Resing, Chefredakteur der Herder Korrespondenz / © Harald Neumann (HERDER)
Volker Resing, Chefredakteur der Herder Korrespondenz / © Harald Neumann ( HERDER )
Quelle:
DR
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