Große Anteilnahme bei Gottesdienst in Bonner Münsterbasilika

Charismatiker und begnadeter Prediger

Mehrere hundert Menschen aller Generationen haben ihre Trauer über den Tod des Bonner Stadtdechanten Wolfgang Picken mit ihrer Teilnahme an der Sonntagsmesse zum Ausdruck gebracht. An seinem Sarg in der Krypta knieten viele nieder.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Zum Gedenken an Stadtdechant Wolfgang Picken waren 500 Menschen in die Bonner Münsterbasilika gekommen. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Zum Gedenken an Stadtdechant Wolfgang Picken waren 500 Menschen in die Bonner Münsterbasilika gekommen. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Wer Wolfgang Picken kannte, wusste, dass ihm dieser Gottesdienst gefallen hätte – und auch die volle Kirche, die an diesem Sonntagmittag rund 500 Menschen füllten. Als habe der Bonner Stadtdechant, der an diesem Tag seinen 57. Geburtstag gefeiert hätte, nichts dem Zufall überlassen wollen, selbst noch Regie geführt, dieser vorweggenommen Abschiedsfeier einen Tag nach seinem unerwartet frühen Tod die eigene Handschrift gegeben. 

Denn darauf verstand er sich: die Fäden in der Hand zu halten, bei allem der "Spiritus rector" zu sein, dabei gleichzeitig ungemein kreativ zu denken, für ein Anliegen stets die passende Sprache zu finden und immer aktiv zu gestalten in mitunter atemberaubender Schnelligkeit. 

Dr. Wolfgang Picken (Katholisches Stadtdekanat Bonn)

Doch diesmal musste er darauf vertrauen, dass es andere gut machen, die Liturgie in seinem Sinne feiern würden: mit berührenden Worten und zu Herzen gehender Musik, dem Anlass angemessen. Dass er in der Vergangenheit darin ein guter Lehrmeister gewesen war, es gerne rite et recte mochte, aber dabei immer auch auf Ästhetik Wert legte und seine Zuhörer vor allem auf der emotionalen Schiene erreichte – das war diesem von großer Trauer geprägten Gottesdienst, den die Subsidiare Thomas Bergenthal, Bernhard Auel und Dirk Baumhof im Gedenken an ihren "Chef" gemeinschaftlich feierten, anzumerken. 

Nur dass Picken nun nicht mehr wirklich mitreden konnte, sich aber dennoch mit einem "Geistlichen Wort", datiert auf November 2023, über seinen Tod hinaus an alle Menschen wandte, mit denen er in Beziehung gestanden, für die er Verantwortung getragen, mit denen er zusammengearbeitet oder sich zum Wohl Schwächerer eingesetzt hatte. 

Von wachem Verstand und brillantem Intellekt

Von daher war er auch in dieser Stunde kollektiven Trauerns mit seinem Vermächtnis, das schriftlich ausgelegt war, sehr präsent. Denn auch das war Wolfgang Picken: selbst angesichts des eigenen nahenden Todes um Worte nicht verlegen – wie auch nicht in allen 30 Jahren seines seelsorglichen Wirkens zuvor. Er war ein Ausnahmetalent unter seinen Mitbrüdern, ein Macher und Charismatiker, ein begnadeter Prediger, von wachem Verstand und brillantem Intellekt. Vor allem aber war er ein Menschenfischer.

Viele Gläubige begaben sich nach dem Gottesdienst in die Krypta (Katholisches Stadtdekanat Bonn)

Doch von nun an wird seine unverkennbar klare Stimme, sein Ruf an die vielen, die er in der Münsterbasilika, im Stadtdekanat und an vielen anderen Orten an einen Tisch bringen konnte, schweigen. Das zu verstehen fällt schwer. Und so bleibt, ihm für seine Lebensleistung Respekt zu zollen, die letzte Ehre zu erweisen: an seinem schlichten hellbraunen Sarg in der Krypta, an dem nur die Auferstehungskerze brennt und die, die kommen, stille Gebete sprechen oder niederknien und ergriffen Abschied nehmen. Schlicht hat er es sich offenbar gewünscht. Und so soll es sein: keine Fotos, keine Neugierigen, kein Presserummel, kein Kondolenzbuch – auch wenn er ein Mensch des öffentlichen Lebens war und in vielen Kontexten, auch politischen, mitmischte. 

Offizielle Sprachregelung zu schwerer Krebserkrankung

Dafür, dass seine Vorstellungen bis zum Schluss umgesetzt werden, sorgen jetzt die vielen, die ihm im Leben wie im Tod treu zur Seite standen und stehen. Die ihm nun allerletzte Wünsche erfüllen, die offizielle Sprachregelung zu seiner schweren Krebserkrankung wahren, darüber hinaus keine persönlichen Nachrichten, die die Würde des Verstorbenen tangieren könnten, herausgeben und selbst 24 Stunden nach der Todesnachricht noch immer sichtlich unter Schock stehen, das Unbegreifliche nicht fassen können.

Auffallend sind die vielen jungen Menschen, die diesen Gottesdienst mitfeiern. Ihre Mienen sind ernst. Manche wischen sich verstohlen eine Träne weg, verharren schweigend in gegenseitiger Umarmung. Jeder hier trägt seine persönliche Geschichte mit dem Menschen Wolfgang Picken im Herzen. Es scheint unwirklich, dass er in dieser seiner Kirche nun fehlt.

Slawische Lautenmusik

Basilika-Organist Markus Karas sorgt für die musikalische Hintergrundfolie, die Raum für eine ganz eigene konzentrierte Atmosphäre schafft. "Ruhig, getragen und emotional" – so hat er, wie er sagt, die Literatur ausgewählt und das bestehende Programm, das an diesem Sonntag eigentlich eine heitere Note hätte haben sollen, kurzerhand komplett umgestellt. Ohnehin war für diesen Mittag das ukrainische Duo Olena und Raisa Gorschenko an der Kobza, einer Art Lauteninstrument, geplant. 

Der Gottesdienst im Bonner Münster war gut besucht (Katholisches Stadtdekanat Bonn)

Mit ihren slawischen Kompositionen, an der Orgel von Karas begleitet, spielen sie nun "Musik, die einen mitnimmt", wie der Kirchenmusiker erklärt – und das in einem doppelten Wortsinn. "Wem nach Weinen zumute ist, darf weinen. Zugleich aber spenden diese Stücke auch Trost", findet er. Nichts anderes beabsichtigt er auch mit dem Psalm 23, den er zuvor angestimmt hat und in dem es heißt: Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen…

Solidarische Gebetsgemeinschaft

Nach dem Schlusssegen in dieser sehr bewegenden Sonntagsmesse bittet Pfarrer Bergenthal, während die Geistlichen und die Messdiener in die Krypta gehen, darum, einen "Moment in solidarischer Gebetsgemeinschaft" am Platz zu verharren, bevor sich die Menschenmenge dann nach und nach selbst in die Krypta begibt für eine letzte Begegnung mit dem beliebten Seelsorger. 

Es hätte dieses Aufrufs nicht bedurft. Niemand drängelt. Der Wunsch, als Gemeinde noch ein Weilchen zusammenzubleiben, sich nicht sofort zu trennen, sich der gegenseitigen Anteilnahme zu versichern und im Schmerz über den Verlust zu stützen, ist spürbar groß.

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Später bilden sich draußen Menschentrauben. In Gruppen stehen sie über den Münsterplatz verteilt und lassen "ihren" Pastor in den Gesprächen noch einmal lebendig werden. Eine von ihnen ist Katarzyna Schlotter-Malinowski, Mutter eines der drei Kommunionkinder, die in diesem Jahr bei Pfarrer Picken zur Erstkommunion gehen sollten. In der ersten Bank – wie an jedem Sonntag – hatten sie bei der Feier gesessen. 

"Wir Eltern sind immer gerne sonntags zur Messe gekommen, weil uns Pfarrer Picken mit seinen Predigten jedes Mal sehr berührt hat", sagt die junge Frau. "Er hat uns das Gefühl gegeben, dass man aus der Kirche etwas für seinen Alltag mitnehmen kann. Und er hat den Glauben aus tiefstem Herzen gelebt." Wenn er bei seiner Predigt mitten durch die Kirche gegangen sei, habe er einen mitgerissen. Dass er ernsthaft krank gewesen ist, wusste sie nicht. Von daher habe sie die Nachricht seines Todes völlig unvorbereitet getroffen.

Sabine Buchsbaum

"Immer hat er alles gegeben und geradezu gebrannt. Er war ein Magnet, der die Menschen magisch anzog."

"Seine Predigten konnten so eindringlich sein", formuliert es Sabine Buchsbaum aus Poppelsdorf, für die das Münster ihre Wahl-Gemeinde ist. "Immer hat er alles gegeben und geradezu gebrannt. Er war ein Magnet, der die Menschen magisch anzog", stellt die 58-Jährige fest. "Wer in die Münster-Basilika zum Gottesdienst kam, wollte im Innersten angesprochen werden, nicht nur ein wöchentliches Ritual erleben. Pfarrer Picken hat uns mit dem, was er sagte, aus der Komfortzone geholt und immer tief berührt. Die Gemeinde wurde durch ihn inspiriert und immer lebendiger. Er war ein Mensch, der von innen heraus gestrahlt hat."

 Unglaublich engagiert sei er gewesen und er habe die Menschen begeistert, ergänzt ihre Begleitung, die schon zur Bad Godesberger Zeit von Picken in der dortigen Gemeinde an Diskussionsabenden mit ihm teilgenommen hat. "Er hatte die Gabe, Menschen zusammenzuführen Hier sind auch Freundschaften entstanden", betont sie. "Die Basis dafür war der Glaube."

Ulrike Hartwig

"Als er mir damals das Kreuz auf die Stirn zeichnete, dachte ich bei mir: Der schreibt mit Feuer."

"In mir wirken die Gespräche mit ihm immer noch nach – auch das, was er nicht gesagt hat und was man dann aushalten musste", berichtet Ulrike Hartwig. Erst im Oktober ist sie nach ihrer Konversion von Pfarrer Picken gefirmt worden. "In ihm war ein ganz spezielles Glühen und Brennen." So schildert auch sie ihre Beobachtungen. "Als er mir damals das Kreuz auf die Stirn zeichnete, dachte ich bei mir: Der schreibt mit Feuer."

Der von ihm gesegnete Rosenkranz sei ihr heilig. Sichtlich bewegt erinnert sie sich: "Er war so vieles: von wunderbar bis schwierig – er verkörperte die ganze Bandbreite. Dazu gehörte, dass er nun mal das Sagen hatte und ganz klar bestimmte, wie der Laden läuft. Dass es ihm nicht gut ging, war spätestens nach seinem Zusammenbruch am Altar ein offenes Geheimnis." Trotzdem habe niemand darüber gesprochen. Nun sei sie von seinem viel zu frühen Tod sehr berührt. "Ja, ich bin traurig", sagt sie. Dann bricht ihr die Stimme. Sie tröste die Gemeinschaft in dieser Kirche. "Nur in der Geborgenheit dieser Gemeinde lässt sich ein solcher Verlust aushalten." Dreimal schon sei sie an seinem Sarg vorbeigegangen, um sich zu verabschieden. Und auch in den nächsten Tagen werde sie noch manches Mal wiederkommen.

Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken gestorben

Der auch bundesweit bekannte Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken ist tot. Das teilte das Katholische Stadtdekanat Bonn am
Samstag mit. Picken, Jahrgang 1967, sei am selben Tag "nach einer kurzen, aber hochaggressiven onkologischen Erkrankung" gestorben, hieß es. Picken war auch Mitglied der bundesweiten Synodalversammlung zur Zukunft der katholischen Kirche. Vor knapp einem Jahr hatte er allerdings sein Mandat niedergelegt.

Wolfgang Picken (KNA)
Wolfgang Picken / ( KNA )
Quelle:
DR