Coronavirus verlagert religiöses Leben in den USA ins Netz

Gottesdienste digital

Das Coronavirus verändert das Kirchenleben in den USA radikal. Katholiken und andere schließen ihre Gotteshäuser und feiern die Messe im Internet. Teilweise erreichen sie damit mehr Gläubige als vor der Krise.

Coronavirus verlagert religiöses Leben in den USA ins Netz / © Harald Oppitz (KNA)
Coronavirus verlagert religiöses Leben in den USA ins Netz / © Harald Oppitz ( KNA )

Priester Brook Schurman tut sich schwer mit dem Gedanken, die Sonntagsmesse nicht mehr persönlich mit anderen Gläubigen zu feiern.

"Es ist traurig, aber verständlich, dass sich die Menschen zurückziehen", beschrieb er seine Empfindung nach der vorerst vielleicht letzten Sonntagsmesse in der "Erzengel Sankt Michael"-Kirche von Glen Allen im US-Bundesstaat Virginia. Dort versammelten sich am Sonntag zur 9.15-Uhr-Messe gerade einmal 150 Gemeindemitglieder. Normalerweise sind es deutlich mehr.

Auch Alexander Sample, der Erzbischof von Portland im US-Bundesstaat Oregon, leidet unter der Situation. Für ihn bleibt die persönliche Feier der heiligen Eucharistie unverzichtbar. Sie sei der Höhepunkt des christlichen Lebens. Sample glaubte zunächst, das Verbot des Gouverneurs von Oregon für alle Versammlungen mit mehr als 250 Personen lasse wenigstens die Feier von "Mini-Messen" zu. Alles sei nur eine Frage "kreativer" Priester.

Keine gemeinsame Messfeier

Doch auch diese Idee hat sich erledigt, seit Präsident Donald Trump am Dienstag von Treffen mit mehr als zehn Menschen abriet. Damit dürfte am kommenden Sonntag auch die Messe im kleinen Kreis ausfallen. Allein Beerdigungen und Hochzeiten werden USA-weit noch ausgerichtet - im engsten Familienkreis. Der Verzicht auf die gemeinsame Messfeier aber trifft das katholische Glaubensleben im Kern.

Als erste US-Erzdiözese sagte Seattle am 12. März alle Messen in ihren Pfarreien ab. Es dauerte nicht lange, bis fast alle anderen Diözesen in den USA nachzogen. In ihrer Not experimentieren sie nun als Alternative mit Gottesdiensten im Netz oder im lokalen Fernsehen.

Die ersten Erfahrungen sind ermutigend. In Baltimore, der Wiege des Katholizismus in den USA, verfolgten vergangenen Sonntag nach den Kirchenschließungen mit 1.800 Zuschauern mehr Menschen den Gottesdienst im Fernsehen, als jemals in die Kathedrale der Erzdiözese gepasst hätten.

Erstaunliche Einschaltquoten

Die "Messen für die Eingeschlossenen" erzielen auch anderswo erstaunliche Einschaltquoten. Die erste YouTube-Messe in New Jersey erlebten schätzungsweise 3.000 Zuschauer live über den eigenen Kanal der Erzdiözese Newark mit - ohne Musik und Weihrauch, dafür auf Englisch und Spanisch. YouTube als Medium der Kirche entdecken derzeit auch die Erzdiözese San Francisco und die Diözese Phoenix.

Eine Rekordteilnahme vermeldet auch die Erzdiözese Detroit. Ihr Livestream der Sonntagsmesse aus der "Blessed Sacrament Cathedral" vor leeren Kirchenbänken verfolgten rund 6.000 Gläubige, bestätigt der Programmdirektor des Katholischen Fernsehens der Stadt, Bing Eberhart.

Nicht nur live, sondern auch als "Konserve", erreichen die katholischen Gemeinden ihre Mitglieder. So stellt die Erzdiözese Denver Gottesdienste als Aufzeichnung auf ihre Webseite.

Auch kleinere Gemeinden müssen in Corona-Zeiten nicht gänzlich auf ihre Gottesdienste verzichten. Der Sender "Heart of the Nation" überträgt die Sonntagsmessen ab sofort über ein Netzwerk von lokalen TV-Anstalten, auf das landesweit mehr als 150 TV-Stationen Zugriff haben.

Andere Glaubensgemeinschaften machen aus der Not der "sozialen Distanzierung" ebenfalls eine Tugend. Allen voran die jüdischen Gemeinden, die in die Online-Offensive gehen. Die "Islamische Gesellschaft Nordamerikas", die größte und älteste muslimische Dachorganisation, bietet ihre Gebete und Kurse für Menschen in Quarantäne im Netz an.

Evangelikale mit reichlich digitaler Erfahrung

Auf reichlich Erfahrung in der digitalen Mission können vor allem die evangelikalen US-Megakirchen zurückgreifen, die schon seit langem ihre Großgottesdienste vor Zehntausenden live in die Wohnstuben übertragen. Die Lakewood-Kirche in Houston im Bundesstaat Florida werde "beobachten", wie sich die Corona-Pandemie entwickelt, bevor eine Entscheidung falle, wann die religiösen Massenevents wieder abgehalten werden können, teilte ihr Gründer Joel Osteen mit.

Weil die Gesundheitsbehörden einen zunehmend engen Rahmen für das öffentliche Glaubensleben stecken, erweisen sich Fernsehen und soziale Netzwerke in Corona-Zeiten als Segen für die Religionsgemeinschaften. Alles was benötigt wird, ist ein wenig Kreativität und digitale Technik, um die Gläubigen zu erreichen.

Autor/in:
Thomas Spang
Quelle:
KNA
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