Neues Buch über den "Schutzheiligen" Hennes des 1. FC Köln

Glücksbringer und kein Sündenbock

In Köln ist der Geißbock Kult. Hennes habe dort den "Status eines heiligen Tieres", meint Autor Johannes Schröer über das Maskottchen des 1. FC Köln. In einem Buch spürt er dem Phänomen nach.

Autor Johannes Schröer bei der Vorstellung des Buches "Patron Hennes" mit Hennes IX im Kölner Zoo / © Henning Kaiser (dpa)
Autor Johannes Schröer bei der Vorstellung des Buches "Patron Hennes" mit Hennes IX im Kölner Zoo / © Henning Kaiser ( dpa )

Andere Vereine haben kraftstrotzende Tiere wie Löwe oder Adler als Maskottchen - der 1. FC Köln begnügt sich mit einer Ziege.

Seit mehr als sieben Jahrzehnten begleitet ein lebender Geißbock mit Namen Hennes den 1. FC Köln. Die Geschichte vom ersten Wappentier in den 1950er- und 1960er-Jahren über seine Nachfolger bis hin zum amtierenden Hennes IX. hat der Journalist Johannes Schröer aufgeschrieben. In "Patron Hennes" geht er der Frage nach, was es auf sich hat mit diesem "Schutzheiligen des FC".

Wahre Begebenheiten, Anekdoten und Mythen

In Hennes' Geschichte stecke viel von der kölnischen Seele, so der Autor. Wie um jeden Heiligen rankten sich auch um ihn viele Begebenheiten, "die historisch verbürgt sind, aber auch Anekdoten und Mythen". All das hat der stellvertretende Chefredakteur des Kölner Multimedia-Senders DOMRADIO.DE zu einer Biografie oder besser Hagiografie - also einer Heiligengeschichte - zusammengefügt und ergänzt. Und die umfasst viel Nachkriegsgeschichte von Köln, seinen Kickern und natürlich auch dem Karneval.

Keine Frage: Auch Hennes - benannt nach Kölns zweitem Trainer Hennes Weisweiler - kann nicht verhindern, dass die Geißbock-Elf sich fortwährend zwischen sportlichen Höhenflügen und Tabellenkeller bewegt. So wurde schon Hennes VII. als "Fahrstuhl-Hennes" etikettiert, wie Schröer festhält, weil der Bock in seiner Amtszeit gleich vier Auf- und Abstiege erlebte. Und nach dem letzten Bundesligaspiel dieser Saison am kommenden Pfingstwochenende gegen Schalke wird man sehen, ob sich der Club in der ersten Liga halten kann oder nicht.

Vielleicht wird der Vereins-Ziegenbock seiner Rolle als Glücksbringer und Fürsprecher beim Fußballgott gerecht. Und wenn nicht? Kommt Hennes dann auf den Grill? Für Schröer ist das eine geradezu blasphemische Vorstellung. Zum Sündenbock eigene sich das Wappentier nicht. Vielmehr leide es doch mit den Fans und nehme deren Sorgen und Nöte auf.

Lebender Talisman

Es war 1950 bei einer Karnevalssitzung zwei Jahre nach Vereinsgründung, als der Zirkus Williams dem FC den lebenden Talisman schenkte - auch aus eigennützigem Kalkül, weil für einen vierten Ziegenbock einfach kein Platz mehr da war. Die Begeisterung über die Gabe hielt sich in Grenzen. "Einen Geißbock als Glückstier, das wollten viele Fans nicht akzeptieren", schreibt Schröer über den damaligen Shitstorm.

Kein stolzer Löwe wie bei 1860 München, kein Königsvogel mit Adleraugen wie bei Eintracht Frankfurt, keine wilden Fohlen wie in Mönchengladbach, sondern nur eine meckernde Geiß. Zu lächerlich, so der Tenor. Mit Hennes I. wurde der Verein aber zweimal Deutscher Meister, bevor das altersschwache Tier nach 16 Jahren sein Amt aufgeben musste und bald danach in die "ewigen Jagdgründe" einging.

Der "wiederauferstandene" Hennes, also der II., hatte dann keine Akzeptanzprobleme mehr, auch wenn der FC bei seinem Debüt gegen Lokalrivale Mönchengladbach verlor. Die Fans waren enttäuscht. "Aber den Kopf von Hennes forderten sie nicht", schreibt Schröer. "In Köln schmeißt keiner einen Talisman über Bord. Dafür sind die katholischen Domstädter viel zu gläubig - und eben auch abergläubisch." Immerhin verzeichnete der Club als deutscher Pokalsieger auch unter Hennes II. einen Erfolg. Dem Tier ereilte nach neunmonatiger Amtszeit ein plötzliches Ende. Die Kölner schoben es den Gladbachern in die Schuhe. Doch Schröer stellt klar: Es war ein streunender Schäferhund und nicht der Konkurrent.

Ein eigenes Gehege im Kölner Zoo

Heute hat der Geißbock ein eigenes Gehege im Kölner Zoo, "seinen eigenen kleinen Palast", wie Schröer schreibt. "Das ist schon eine nahezu religiöse Verehrung." Das eigentümliche Verhältnis zwischen dem Vierbeiner und dem Verein versucht der Journalist auch zu ergründen, indem er den Kölner Psychologen und Buchautoren Stephan Grünewald ("Köln auf der Couch") zu Wort kommen lässt.

Die Ziege passt aus seiner Sicht auch deshalb besonders gut zum 1. FC Köln, weil sie so ein "schwankendes Tier" sei, das sich zwischen den Polen "Ich bin so satt, ich mag kein Blatt" und "fand kein einzig Blättelein" bewegt. "Wir lieben nicht die Gestalten, die rund und perfekt sind", so Grünewald, sondern jene Geschöpfe, die mit ihrer Unzulänglichkeit versöhnen. "Und das hat der Geißbock über viele Generationen gut gemacht".

Hennes IX, Maskottchen des Fußball Bundesligisten 1. FC Köln, in einem Gehege im Zoo / © Alexander Foxius (DR)
Hennes IX, Maskottchen des Fußball Bundesligisten 1. FC Köln, in einem Gehege im Zoo / © Alexander Foxius ( DR )
Autor Johannes Schröer (l.) bei der Vorstellung des Buches "Patron Hennes" im Kölner Zoo / © Alexander Foxius (DR)
Autor Johannes Schröer (l.) bei der Vorstellung des Buches "Patron Hennes" im Kölner Zoo / © Alexander Foxius ( DR )
Autor/in:
Andreas Otto
Quelle:
KNA
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