Georgien vor dem Besuch von Papst Franziskus

Funkstille über Tiflis

​Ab Feitag besucht Papst Franziskus Georgien. Es ist in diesem Jahr bereits seine zweite Reise in den Kaukasus. Von Vorfreude ist dort allerdings wenig zu spüren. Die Stimmung im Vorfeld ist eher unterkühlt.

Kämpferisch: Papst Franziskus / © Jacek Turczyk (dpa)
Kämpferisch: Papst Franziskus / © Jacek Turczyk ( dpa )

Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt trägt eine Straße den Namen des früheren US-Präsidenten George Bush. "Sollte auch Angela Merkel uns besuchen, werden wir sie ebenfalls besonders würdigen und angemessen in Erinnerung behalten", sagt Chatuna Oniaschwili. Die Mittdreißigerin arbeitet unter anderem als Tourguide für deutsche Touristen. Wie andere liberal denkende Georgier hofft sie, dass Prominente, Investoren und vor allem Reisende das 4,4-Millionen-Einwohner-Land ein Vierteljahrhundert nach dem Zerfall der Sowjetunion weiter voranbringen.

Über den Papstbesuch am Freitag und Samstag verliert die Reiseführerin, anders als über Bush und Merkel, kaum Worte. Das mag daran liegen, dass der katholische Glaube, zu dem sich gerade mal ein Prozent der Georgier bekennen, eher eine Randerscheinung ist. Seit der nationalen Unabhängigkeit 1991 prägt die georgisch-orthodoxe Kirche mit neuem Selbstbewusstsein das Bild vom Christentum.

Patriarch ging auf Distanz zu Franziskus

So ging auch der orthodoxe Patriarch Elias II. trotz des vom Papst gewählten Reise-Mottos "Pax vobis" ("Friede mit euch") und der damit verbundenen Botschaft für die von Konflikten geprägte Kaukasus-Region zuletzt auf Distanz zum gemeinsamen Gebet mit Franziskus. Dem stünden, betonte Elias II., dogmatische Verschiedenheiten entgegen. Ein solches Gebet, etwa beim Besuch von Franziskus in der großen Nationalkirche von Mzcheta, wird es in der spannungsgeladenen Region zwischen Russland, dem Iran und der Türkei nicht geben.

Stattdessen ließ das orthodoxe Patriarchat mitteilen, man werde Franziskus "in der Tradition der georgischen Gastfreundschaft empfangen, und zwar wie einen Staatsführer", also als Souverän des Vatikanstaates. Religiös geprägte Vorfreude auf den Besuch, das folgt daraus, ist öffentlich in Georgien nicht sichtbar. Keine Bücher über den Papst, keine Zeitungsberichte, keine Souvenirs in den Auslagen der Geschäfte auf der seit Ende der 90er Jahre prachtvoll renovierten Tifliser Einkaufsmeile Rustaveli-Prospekt.

Plakate gegen Franziskus

Ein Gang durch die georgische Hauptstadt relativiert dieses Bild ein wenig. Die "Funkstille" vor dem Besuch von Franziskus liegt wohl weniger an der Zurückhaltung der orthodoxen Georgier als an der Linie ihrer Führung gegenüber dem katholischen Kirchenoberhaupt. Neugierig blicken viele Passanten auf das Plakat mit dem Besuchsprogramm, das sie nur im Vorraum der katholischen Kirche unweit des Gudiaschwili-Platzes finden.

Manch einer schätzt den volksnahen Argentinier. "Zumindest haben wir von seinem Wirken gehört", sagen zwei junge Männer, die extra an der bekannten katholischen Stadtkirche vorbeischlendern. Vielleicht werden sie zu jenen Menschen gehören, die andere Botschaften übermitteln als die unlängst von orthodoxen Priestern angeführten Demonstranten. Die Kaukasus-Republik, so war da landesweit zu hören, brauche weder Franziskus noch den Segen der katholischen Kirche. Auf Plakaten bezeichneten die Demonstranten den Vatikan als "geistigen Aggressor".

Soziales Engagement bitter nötig

Dabei genießen die Katholiken trotz ihrer geringen Zahl von 112.000 eigentlich das Image einer sozial engagierten Gemeinschaft. Und soziales Engagement ist bitter nötig in Georgien. Die meisten Rentner müssen mit umgerechnet 70 Euro im Monat auskommen. Bedenklich ist auch, dass das Land zwar offiziell "nur" 15 Prozent Arbeitslose hat; doch unter den 85 Prozent Menschen mit Job kann fast jeder zweite als landwirtschaftlicher Selbstversorger kaum Geld für das Alter zurücklegen. Die georgische Caritas, deren Vertreter den Papst ebenfalls treffen werden, versucht, diesen Problemen mit Programmen für mobile Pflege, aber auch für sozial schwache Familien oder Straßenkinder zu begegnen.

Für die orthodoxe Christin Lela Charkvani, ebenfalls im Tourismus aktiv, zählen die konfessionellen Unterschiede wenig. "Wir alle, ob Orthodoxe oder Katholiken, lieben und leben mit unserem Gott." Sie freue sich auf den Papst, der "allen vieles zu sagen hat", meint sie. "Ich hoffe sehr, dass ich ihn persönlich erleben kann."

Autor/in:
Ulrich Wilmes
Quelle:
KNA