Fußwaschung auf der Hamburger Reeperbahn

"Ein Zeichen der Liebe"

Die Fußwaschung ist ein Ritual aus den Gründonnerstagsgottesdiensten. Zehn evangelische Pastoren und Pastorinnen wollen am Gründonnerstag nach dem Vorbild Jesu auf der Reeperbahn Füße waschen. Was hat es damit auf sich?

Fußwaschung an Gründonnerstag / © Corinne Simon (KNA)
Fußwaschung an Gründonnerstag / © Corinne Simon ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sie sind heute Abend im Talar gekleidet sichtbar als Pfarrer und Pfarrerinnen auf der Reeperbahn unterwegs, einem ungewöhnlichen Ort für eine Fußwaschung. Warum ausgerechnet dort?

Emilia Handke (Initiatorin und Leiterin von "Kirche im Dialog"): Weil die Leute dort sind. Es kommen immer weniger in unsere Gottesdienste und wir wollen dort Kirche sein, wo die Menschen sind, also auf der Straße.

 © Thomas Hirsch-Hüffell (Nordkirche)

DOMRADIO.DE: Stellen Sie sich dann mit Spülbecken auf die Straße und sprechen die Leute an?

Handke: Ja, ganz genau. Wir stellen uns auf der Hamburger Reeperbahn in die Nähe der Davidwache, auf den Spielbudenplatz. Wir werden unsere Talare tragen und einige werden sich vor vorbereitete kleine Becken hinknien. In den Becken ist warmes Wasser und ein bisschen Schaum, damit es auch angenehm ist. Und dann werden wir Leute einladen, sich die Füße von uns waschen zu lassen.

An dieser großen Geste drückt sich für uns eine ganze Weltsicht aus, an die wir erinnern wollen. Dahinter steht die Aussage die Welt nicht mit Füßen zu treten, andere Menschen nicht mit Füßen zu treten, sondern sie zu waschen; nicht Krieg zu führen, sondern einander zu dienen. Es ist ein Zeichen der Liebe, dass wir in diesen Zeiten in die Welt bringen, in denen diese Welt Liebe nötiger hat denn je.

 © Thomas Hirsch-Hüffell (Nordkirche)

Eine Fußwaschung ist eine sehr intime Geste. Deswegen rechnen wir nicht damit, dass sich Massen von uns die Füße waschen lassen wollen. Wir haben auch andere Zeichen der Liebe vorbereitet, um mit den Leuten über die Aktion ins Gespräch zu bringen und mit uns darüber nachzudenken, warum dieser Tag ein besonderer Tag im Kalender ist.

DOMRADIO.DE: Was haben Sie noch dabei?

Handke: Ich traue mich gar nicht, es zu verraten. Dann wäre es ja keine Überraschung mehr, aber wir haben Bonbons mit Herzchen drauf und kleine Tattoos mit Herzen und Anker Symbolen. Die möchten wir als Symbol der Liebe weitergeben. Das ist für die Menschen ein bisschen einfacher als eine Fußwaschung.

Es wird auch Menschen geben, die sagen: "Das ist mir zu krass. Ich zieh mir auf keinen Fall die Schuhe aus und lass mir von wildfremden Menschen die Füße waschen. Was bildet ihr euch eigentlich ein?" Da entgegnen wir: "Das ist gar nicht schlimm. Uns geht es um dieses Zeichen der Liebe, das wir weitergeben wollen".

Christliche Fußwaschungen auf der Reeperbahn

Die evangelische "Pop-up Church" bietet am Gründonnerstag (14. April) biblische Fußwaschungen auf der Hamburger Reeperbahn an. Neun Geistliche im Talar seien ab 20 Uhr auf dem Kiez vor der Davidwache dabei, teilte die "Pop-up Church" am Sonntag in Hamburg mit. Unterstützt würden sie von Pastorin Sandra Starfinger und Pastor Sieghard Wilm von der örtlichen Kirchengemeinde.

Reeperbahn: Erleuchtung im Rotlicht? / © P. Qvist (shutterstock)

Später denken diese Menschen dann vielleicht über diese ungewöhnliche Aktion nach, über die Geste, die sie vielleicht irgendwie berührt hat, und über Jesus, der genau das an Gründonnerstag getan hat.

Dafür haben wir über uns ein großes Banner aufgestellt. Darauf steht: "Jesus spricht: Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt". Das ist zwar kein Zitat aus der Bibel, sondern von Marlene Dietrich, aber wir glauben, dass sich darin gut ausdrückt, was Jesus gemeint hat.

DOMRADIO.DE: Ist ihre Aktion mit diesem starken Bild der Fußwaschung auch ein Versuch, das Wissen über Gründonnerstag wieder aufzufrischen?

Handke: Ganz genau. Unsere Beobachtung ist, dass die staatlichen Feiertage, die einen christlichen Hintergrund haben, immer unbekannter werden. Die Leute können vielleicht noch sagen, was ungefähr an Weihnachten oder ungefähr an Karfreitag oder Ostersonntag passiert ist. Bei anderen Feiertagen wird es schon viel, viel schwieriger – Pfingsten, Himmelfahrt und eben Gründonnerstag. Damit können Leute oft gar nichts mehr anfangen.

Als Kirche sind wir es schuldig zu erklären, warum diese Tage besondere Tage sind, welchen Hintergrund und welchen hohen Wert sie für uns haben. Nicht nur für uns selbst als Kirche, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Durch die Feiertage drücken sich unsere Haltungen und Weltsichten aus, nach denen wir leben. Diese Gesten werden immer nötiger und wir wollen diese weitergeben. Das ist unsere Aufgabe.

DOMRADIO.DE: Ist ihre Aktion eine Reaktion auf die Kirchenaustritte und Nachwuchsmangel in der Kirche?

Handke: Ja, auch unabhängig von jedem Kirchenaustritt sind wir gerufen, Kirche immer wieder neu in die Welt zu bringen; immer wieder neu ins Gespräch zu bringen; immer wieder neu Kontakt zu unterschiedlichen Menschen aufzunehmen. Dafür entstehen einige Initiativen.

Wir sind da, um mit den Menschen zu Glaubensfragen ins Gespräch zu kommen und ansprechbar zu sein. Wir sind nicht hinter Mauern versteckt, sondern wir sind eine lebendige Kirche, die immer wieder junge Menschen findet, die sich in diesen Dienst stellen, bewahren was uns heilig ist und und für den Glauben einstehen. Das tun wir heute auf der Straße.

Das Interview führte Michelle Olion.

Quelle:
DR