Bündnis für "Nordisches Modell" bei Prostitutionsgesetzgebung

"Furchtbare Zustände in Deutschland"

Ein Bündnis von Hilfs- und Frauenorganisationen will sich gemeinsam für das sogenannte "Nordische Modell" bei der Prostitution einsetzen. Die Freiwilligkeit in der Prostitution habe sich in den meisten Fällen als Fiktion erwiesen.

Prostitution / © Caro Bastian (epd)
Prostitution / © Caro Bastian ( epd )

Das seit drei Jahren in Deutschland geltende Prostituiertenschutzgesetz sei gescheitert und habe die Situation der Prostituierten nicht grundlegend verbessert, sagte Inge Bell von Terre des Femmes am Montag in Berlin. An dem Bündnis beteiligen sich neben Terre des Femmes unter anderem die Hilfsorganisationen Solwodi und Sisters.

Das Bündnis äußerte sich zum Internationalen Tag gegen Prostitution. Das Nordische Modell sieht ein generelles "Sexkaufverbot" vor und bestraft Freier, während Prostituierte entkriminalisiert werden. Es wurde 1999 in Schweden eingeführt und gilt inzwischen in mehreren EU-Ländern wie etwa in Frankreich.

Der schwedische Botschafter in Deutschland, Per Thöresson, wies den Vorwurf zurück, die Regelung dränge die Prostitution in den Untergrund und befördere so Gewalt gegen Frauen. Nach wissenschaftlichen Evaluationen sei das Gegenteil der Fall. Die Prostitution sei zurückgegangen, und Schweden sei für Menschenhändler uninteressant geworden.

Junge Prostituierte aus Osteuropa in Deutschland

Annika Kleist von Sisters verweis darauf, dass über 80 Prozent der Prostituierten in Deutschland aus osteuropäischen Ländern stammten. Sie kämen oft sehr jung unter falschen Versprechungen hierher. Für sie habe es "katastrophale Folgen, wenn an ihnen sexuelle Handlungen gegen ihren Willen ausgeführt werden". Auch Maria Decker von Solwodi berichtete von "gravierenden psychischen Problemen" bei Prostituierten. Die meisten lebten weiter in Bordellen und hätten keinen Kontakt zur Außenwelt.

Kleist übte scharfe Kritik an der Umsetzung des Gesetzes in Berlin. Von den rund 400 Bordellen hätte bis Februar gerade 220 einen Antrag auf Anerkennung gestellt, davon seien bislang 33 bearbeitet worden. Nun werde in der Politik sogar darüber debattiert, ob die Polizei zur Kontrolle weiter ungehinderten Zugang zu Bordellen haben solle.

Unions-Fraktionsvize Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU) unterstütze das Anliegen. Das Prostituiertenschutzgesetz habe zwar das richtige Anliegen verfolgt, sei aber gescheitert. Sie beklagte "furchtbare Zustände" in Deutschland. Angesichts der Debatten um "Nein heißt Nein" und "MeToo" sei es unverständlich, dass Frauen durch das herrschende Machtgefüge weiter ungewollten sexuellen übergriffen ausgesetzt seien. Die CDU-Politikerin beklagte auch das Frauenbild, das durch käuflichen Sex vermittelt werde.

Diakonie gegen "Nordisches Modell"

Die Diakonie sprach sich in einer Pressemitteilung gegen das Modell aus. Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, sagte: "Verbote verhindern weder Prostitution, noch dämmen sie ihre negativen Auswirkungen ein". Für die Wirksamkeit des Nordischen Modells gebe es keine sicheren Belege. Ein Sexkaufverbot erhöhe vielmehr das Risiko, ausgebeutet zu werden. Die Arbeitsbedingungen würden sich verschlechtern und die Stigmatisierung zunehmen.

Quelle:
KNA
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