Frauen im Iran und der Türkei sind im Kampf gegen Gewalt

"Man darf sich nicht ducken"

Am Freitag ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Weltweit protestieren Frauen gegen diktatorische Systeme und zahlen dafür oft mit ihrem Leben. Doch ihre Wut birgt die Chance auf einen fundamentalen Wandel.

Junge Frauen demonstrieren mit Plakaten mit der Aufschrift "Mahsa Amini" und "Woman Life Freedom" (dt. Frau, Leben, Freiheit) während einer Demonstration zur Unterstützung der iranischen Frauen, am 2. Oktober 2022 auf dem Place de la Republique in Paris, Frankreich.
 / © Corinne Simon (KNA)
Junge Frauen demonstrieren mit Plakaten mit der Aufschrift "Mahsa Amini" und "Woman Life Freedom" (dt. Frau, Leben, Freiheit) während einer Demonstration zur Unterstützung der iranischen Frauen, am 2. Oktober 2022 auf dem Place de la Republique in Paris, Frankreich. / © Corinne Simon ( KNA )

"Jin, Jiyan, Azadi" rufen tausende Menschen seit Wochen auf den Straßen der Islamischen Republik Iran. Die Parole "Frau, Leben, Freiheit" ist auch in Deutschland zu hören oder in der Türkei.

Eine Demonstrantin hält ein Plakat mit dem Bild der gestorbenen 22-jährigen Mahsa Amini in den Händen / © Boris Roessler (dpa)
Eine Demonstrantin hält ein Plakat mit dem Bild der gestorbenen 22-jährigen Mahsa Amini in den Händen / © Boris Roessler ( dpa )

Grund dafür ist der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini. Sie wurde im September dieses Jahres von der iranischen "Sittenpolizei" festgenommen, weil sie ihr Kopftuch nicht nach den Vorschriften der Regierung getragen hatte. Drei Tage später starb Amini im Gefängnis.

Seitdem brennen im Iran Autos. Auf TV-Bildern und Fotos sind schreiende und weinende Frauen zu sehen. Ihr Einsatz gegen Gewalt an Frauen im Nahen und Mittleren Osten war am Dienstagabend Thema einer Veranstaltung in der Katholischen Akademie in Berlin.

Eine "logische Konsequenz" 

Die Wut der Iranerinnen, so die Politologin Azadeh Zamirirad, sei das Ergebnis jahrzehntelanger Unterdrückung. "Die Aufstände sind die logische Konsequenz des Widerstands, den sie seit der Revolution 1979 leisten", erklärte Zamirirad. Stück für Stück hätten Irans Frauen in den vergangenen 40 Jahren das Kopftuch zurückgedrängt und ihre Haare immer mehr enthüllt.

Orange the World 2022 - Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Geschlechtsspezifische Gewalt fängt bei Alltagssexismus an und endet mit Femiziden. Diese Gewalt ist allgegenwärtig und fest in unseren patriarchalen Strukturen verankert. In Deutschland ist jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen, das sind mehr als 12 Millionen Frauen. Alle 45 Minuten wird eine Frau in Deutschland durch ihren Partner gefährlich körperlich verletzt. Jeden dritten Tag tötet ein Mann seine (Ex-)Partnerin.

Gewalt gegen Frauen / © Maurizio Gambarini (dpa)
Gewalt gegen Frauen / © Maurizio Gambarini ( dpa )

"Es geht den Frauen mittlerweile nicht mehr darum, einzelne Rechtsnormen zu verändern", sagte die Iran-Expertin. Vielmehr forderten sie einen radikalen Wandel und ein Ende der bestehenden Ordnung. "Im Zentrum all dieser Protestbewegung steht ein feministischer Aufstand", erklärte Zamirirad. Das sei neu und zeige auch, dass es ohne die Befreiung der Frau keine Befreiung der Gesellschaft geben könne.

Unabhängig von Nationalität, Kulturkreis und Schicht

Gewalt gegen Frauen meint nicht nur Vergewaltigungen und Missbrauch, sondern alle körperlichen und psychischen Übergriffe. Sie geschehen täglich, auch in Deutschland und Europa. Einer Auswertung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zufolge ist jede dritte Frau ab dem 15. Lebensjahr von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen. Eine von zwanzig Frauen wird vergewaltigt.

Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein Problem, das Frauen unabhängig von Nationalität, Kulturkreis und Schicht betrifft. Sie berühre "die Wurzeln der Gesellschaft", erklärte Orientalist Udo Steinbach. Dort, wo Frauen diskriminiert würden, werde auch staatliche Gewalt gegen Minderheiten ausgeübt. Zwar seien Frauen keine Minderheit, doch sie zählten in patriarchalen Systemen noch immer zu den Schwächeren.

Die traditionelle türkische Familie

Bis Männer und Frauen weltweit gleichgestellt sind, vergehen laut dem "Global Gender Gap Report 2022" noch 132 Jahre. Der Bericht untersucht Faktoren wie Bildung, Gesundheit und politische Teilhabe. Während Deutschland auf Platz 10 liegt, ist die Türkei auf Platz 124 zu finden. Der Iran belegt Rang 143 von 146 ausgewerteten Staaten.

In der "Istanbul-Konvention" wurde 2011 festgeschrieben, dass Frauen vor jeglichen Übergriffen besonders geschützt werden müssen. Alle beteiligten Staaten verpflichten sich in dem Übereinkommen des Europarats gegen Gewalt an Frauen vorzugehen. Im Juli beschloss die Türkei per Dekret ihren Austritt. Die Übereinkunft bedrohe die traditionelle türkische Familie, erklärte Präsident Recep Tayyip Erdogan die Entscheidung.

Femizide in der Türkei

An einer Mauer steht u.a. "Femizid, der: Ermordung von FLINTA aufgrund ihres Geschlechts", am 8. August 2022 in Wien. / © Annika Schmitz (KNA)
An einer Mauer steht u.a. "Femizid, der: Ermordung von FLINTA aufgrund ihres Geschlechts", am 8. August 2022 in Wien. / © Annika Schmitz ( KNA )

Nach Angaben des Bündnisses "We will stop Femicide" wird in der Türkei täglich mindestens eine Frau ermordet. Die Zahl der Femizide sei zwischen 2015 und 2021 um knapp die Hälfte auf 425 gestiegen. Ermittlungen würden oft gar nicht erst aufgenommen, die Todesursache laute Suizid.

Die stellvertretende Leiterin des Berliner Centrums für angewandte Türkeistudien (CATS), Hürcan Asli Aksoy, machte in der Akademie deutlich: "Der Kampf der Geschlechter wird auf den Körpern der Frauen ausgetragen." Dabei sei die Gleichstellung der Frau eigentlich in der Verfassung verankert. "Die Kluft zwischen der gesetzlichen und faktischen Situation in der Türkei ist bemerkenswert", stellte die Expertin fest.

"Laut und lebendig"

Deshalb schlössen sich Frauen in Bündnissen zusammen und demonstrierten etwa vor Gerichten. Auf diese Weise würden diskriminierende Gesetzesvorschläge skandalisiert. "Diese Frauen sind laut und lebendig", sagte die Politikwissenschaftlerin. Aber sie kämpften auch gegen die dominant-patriarchale Politik der Regierung, die sich von den Aktivistinnen wenig beeindrucken lasse.

Die Philosophin Hannah Arendt, die als Jüdin in der NS-Zeit verfolgt wurde, prägte den Imperativ: "Man darf sich nicht ducken, man muss sich wehren". Daran glauben auch hunderttausende Menschen, die am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am Freitag wieder auf die Straße gehen werden.

Autor/in:
Beate Laurenti
Quelle:
KNA