Forscher Schellnhuber zum Handlungsdruck beim Klimawandel

"Es wäre schäbig zu verzweifeln"

Der nächste Klimagipfel in Kattowitz muss deutliche Folgen haben. Darin sind sich Experten einig. Doch wo setzt man den Anfang? Es braucht die richtigen Verbündeten, meint Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber.

Autor/in:
Roland Juchem
 (DR)

KNA: Herr Schellnhuber, bei dieser Tagung war oft zu hören, die Politik reagiere zu langsam oder gar nicht auf die Warnungen der Klimaforscher. Was müssen und können Sie als Wissenschaftler denn zusätzlich tun?

Hans Joachim Schellnhuber (Früherer Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung): Die Gemeinschaft der Wissenschaftler tut fast alles, was sie kann. Sie hat sich nur noch nicht die richtigen Verbündeten gesucht. Das ist das Entscheidende. Vor zehn Jahren dachten wir: Wir forschen, publizieren die Ergebnisse, informieren die Politik und die wird das umsetzen. Aber selbst für die große Koalition in Deutschland ist das Thema Klimawandel derzeit überhaupt nicht existent. Das ist verrückt. Dabei sind die Warnzeichen unübersehbar.

KNA: Ist von der Energiewende nicht viel über?

Schellnhuber: Das schon, die wird wohl gelingen. Aber im Bereich Mobilität und Transport passiert derzeit nichts; da steigen die Emissionen an. Die Wissenschaft muss sich stärker verbünden - untereinander, wie wir das hier tun, mit der Zivilgesellschaft und auch Glaubensgemeinschaften. Das ist das Schöne bei der Wissenschaftsakademie, wo Glaube und Wissenschaft aufeinander prallen und einen sehr fruchtbaren Dialog führen. Die Politik wird sich erst bewegen, wenn Zivilgesellschaft, Glaubensgemeinschaften und Wissenschaft mit einer Stimme sprechen. Und ich spüre, dass dies in diesem Jahr geschieht, da die vielen Naturkatastrophen hinzukommen. Erst so langsam wird es der Politik ungemütlich.

KNA: Wenn man an Trump in den USA und Bolsonaro in Brasilien denkt, könnte man meinen, Ökologie und nachhaltige Wirtschaft sei eher ein Thema für linke, liberale Politiker als für konservative oder rechte. Ist dem so?

Schellnhuber: Nein, ich glaube nicht. Manche versuchen, solch einen Gegensatz zu konstruieren. Aber die Trennlinie liegt nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen Wahrheit und Betrug. Es gibt jene, die in ihrem eigenen Interesse Menschen für dumm verkaufen wollen.

Die plündern dann den Regenwald oder verfeuern noch mehr Kohle, weil sich das Klima doch nicht ändere oder der Mensch keinen Einfluss habe. Unter konservativen Menschen, ob in Bayern oder im Vatikan, habe ich viele gefunden, die die Wahrheit anerkennen, dass wir nicht weitermachen können wie bisher. Natürlich gibt es eine Partei wie die AfD, die sagt: Diese Wahrheit der Wissenschaft existiert nicht. Wir dürfen uns davon aber nicht dominieren lassen.

KNA: Wollte man zynisch argumentieren, könnte man eine bessere Politik zum Klimaschutz doch mit erwarteten Migrationsströmen motivieren.

Schellnhuber: Dazu muss man nicht zynisch sein. Zudem sehen Sie bei der AfD da den Widerspruch. Die hetzen am schlimmsten gegen Migration und leugnen den Klimawandel. Das passt hinten und vorne nicht. Wenn man wirklich keinen Migrationsdruck auf Deutschland will, auch wenn unsere Gesellschaft dann wohl vergreisen würde, muss man helfen, Migrationsursachen zu beseitigen, etwa dass Menschen in Nahost oder Afrika wegen des Klimawandels ihre Existenzgrundlage verlieren.

KNA: Die Szenarien, die man hier hört, klingen teilweise sehr beängstigend oder resigniert. Aus Ihren Worten klingt trotzdem Optimismus. Woher schöpfen Sie ihn?

Schellnhuber: Weil ich die Möglichkeiten sehe. Das ist reiner Realismus. Natürlich weiß ich: Wenn wir die Möglichkeiten, die wir haben, nicht nutzen, gehen wir in eine vier bis fünf Grad wärmere Welt und dann würde etwa der Nahe Osten so nicht mehr weiter existieren können. Wirklich verzweifelt wäre ich, wenn wir keine Möglichkeiten hätten. Aber derzeit liegen noch alle wichtigen Instrumente neben uns, um eine lebensrettende Operation durchzuführen. Da wäre es doch schäbig, zu verzweifeln.


Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) / © Harald Oppitz (KNA)
Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) / © Harald Oppitz ( KNA )
Quelle:
KNA