Forscher Mbembe über Afrika und die Zukunft der Menschheit

"Das Denken hat noch seinen Platz in unserer Welt"

Achille Mbembe ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Denker Afrikas. Im Interview spricht er über die Zukunft Afrikas, fordert eine Reform der Entwicklungshilfe und eine Debatte über europäische Kolonialverbrechen. 

Politikwissenschaftler Joseph Achille Mbembe / © Joachim Heinz (KNA)
Politikwissenschaftler Joseph Achille Mbembe / © Joachim Heinz ( KNA )

Achille Mbembe ist einer, der nachdenkt, bevor er spricht. Eine Eigenschaft, die sich in öffentlichen Debatten unserer Zeit, so scheint es zumindest, auf dem Rückzug befindet. Der in Südafrika lehrende Politikwissenschaftler aus Kamerun möchte das ändern. Weil die Menschheit, so sagt er, dabei ist, die Zukunft des Planeten aufs Spiel zu setzen. Im Gespräch geht es deswegen um die ganz großen Fragen, denen sich der 60-Jährige mit gedanklicher Präsenz und Präzision annimmt. Mbembe hat am Montag in Düsseldorf den mit 100.0000 Euro dotierten Gerda-Henkel-Preis entgegengenommen, eine der wichtigsten Auszeichnungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften.

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA): Monsieur Mbembe, sie werden als einer der bedeutendsten Denker Afrikas und als "Popstar" der postkolonialen Debatte bezeichnet. Wie stellen Sie sich den Leuten vor, die Sie und Ihre Arbeit noch nicht kennen?

Achille Mbembe (Politikwissenschaftler): Ich bin zuerst einmal Hochschullehrer. Aber darüber hinaus versuche ich, zusammen mit anderen Intellektuellen über die Zukunft unserer Welt nachzudenken - aus afrikanischer Perspektive.

KNA: Warum liegt Ihnen diese afrikanische Perspektive so sehr am Herzen - abgesehen davon, dass sie aus Kamerun stammen und in Südafrika lehren?

Mbembe: Die Zukunft der Welt wird sich zu einem großen Teil auf dem afrikanischen Kontinent entscheiden. Diese These mag erstaunlich klingen, weil viele Menschen der Auffassung sind, dass Afrika eigentlich nicht so recht Teil dieser Welt ist.

KNA: Aber?

Mbembe: Das stimmt nicht. Nehmen Sie zum Beispiel die Demographie: Bis Ende des Jahrhunderts werden die Afrikaner einen Großteil der Weltbevölkerung stellen. Oder der Umweltschutz. Der äquatoriale Regenwald, der von Kamerun bis in den Osten des Kongo reicht, ist der zweite grüne Lungenflügel unsere Erde nach dem Amazonas in Südamerika. Afrika verfügt darüber hinaus über immense Bodenschätze und einen großen Reichtum an Tier- und Pflanzenarten.

KNA: Das heißt unterm Strich?

Mbembe: Was sich in Afrika ereignet, hat zwangsläufig enorme Auswirkungen auf den Rest des Planeten. Und deswegen glaube ich, dass das 21. Jahrhundert ein afrikanisches Jahrhundert werden wird.

KNA: Sehen das Europas Politiker auch so?

Mbembe: Paradoxerweise bleiben die immensen Kenntnisse, die man seit dem 19. Jahrhundert über Afrika gesammelt hat, in der politischen Debatte in Europa immer noch außen vor. Sobald es um Afrika geht, herrscht so etwas wie eine wohl kultivierte Ignoranz vor. Stattdessen hängt Europa jahrhundertealten Vorurteilen an, die es daran hindern, Afrika von seinen eigenen Stärken her zu sehen. Diese Blindheit führt leider zu Verzerrungen. China ist da schon weiter.

KNA: Immerhin fließen Abermillionen Euro an Entwicklungsgeld von Europa nach Afrika.

Mbembe: Das ganze Konzept der Entwicklungshilfe ist falsch und hat mit der Realität nichts zu tun. Was in Wirklichkeit existiert, ist ein Transfer an Rohstoffen und Geld von Afrika in den Rest der Welt.

Davon einmal abgesehen: Was afrikanische Migranten aus den USA, aus Europa, China oder anderen Teilen der Welt in ihre Herkunftsländer überweisen, übersteigt bei weitem das, was den betreffenden Staaten im Rahmen der offiziellen Entwicklungshilfe zuerkannt wird. Das gleiche gilt für die Investitionen der privaten Wirtschaft im Laufe der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre.

KNA: Also weg mit der klassischen Entwicklungshilfe?

Mbembe: Man sollte sie einstellen, zumal es mehr und mehr darum geht, diese Zahlungen an bestimmte Bedingungen zu knüpfen. Das jüngste Beispiel sind jene Formen von Zusammenarbeit, die darauf abzielen, die Mobilität der Afrikaner einzuschränken, weil die Europäer von ihrer Anti-Migrationspolitik besessen sind. Eine perverse Form von Politik, unter der die Afrikaner unglaublich leiden und die sie schon allein deswegen zurückzuweisen sollten.

KNA: In Ihren Forschungen setzen Sie sich immer wieder auch mit der kolonialen Vergangenheit auseinander. Inwiefern wirkt sich diese Vergangenheit auf Politik und Gesellschaft im heutigen Afrika aus - zum Beispiel in Ihrer Heimat Kamerun?

Mbembe: Kamerun ist ein besonders tragischer Fall. Dort hat die Regierung jahrelang versucht, die französische Sprache und Kultur im gesamten Land zu verankern und gleichzeitig die englischsprachige Minderheit zu unterdrücken. Dagegen setzt sich die englischsprachige Minderheit zur Wehr. Inzwischen herrscht dort regelrecht Krieg. Das alles zeigt einerseits, wie tief der koloniale Komplex sitzt - denn die Landesgrenzen stammen aus der Kolonialzeit - andererseits, dass die diktatorischen, autoritären und brutalen Regierungsformen, die wir aus der Kolonialzeit geerbt haben, uns immer noch große Schwierigkeiten bereiten.

KNA: Hat aber nicht Afrika auch ein hausgemachtes Eliteproblem? In Kamerun stellt sich der 85-jährige Paul Biya zur Wiederwahl, obwohl er seit über 30 Jahren regiert. Im Kongo klammert sich Joseph Kabila an die Macht...

Mbembe: ...und die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Aber viel interessanter ist doch, dass ein Großteil der internationalen Elite dabei ist, sich zu afrikanisieren, also räuberische Verhaltensweisen und Einstellungen an den Tag legt, die wir bisher nur aus Afrika kannten. Das sehen wir in den USA, auf den Philippinen, in der Türkei oder in Russland.

KNA: Das ist aus der Warte des Politikwissenschaftlers vielleicht interessant, vor allem aber bedrohlich.

Mbembe: Schlimmer noch: Diese Eliten haben sich internationalisiert und arbeiten losgelöst von nationalen Grenzen, genau wie das Kapital - die Finanzwelt und die auf Technologie und Algorithmen beruhenden Geschäftspraktiken. Dem müsste der Rest der Menschheit mehr Klassenbewusstsein entgegensetzen.

KNA: Wie meinen Sie das?

Mbembe: Wir müssen schleunigst unsere Fähigkeit zur Kritik wiederentdecken, angefangen bei der Gabe, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. In einer Epoche, in der man oft nicht mehr zu wissen meint, was wahr ist und was falsch. Wo immer mehr Menschen der Überzeugung sind, dass nichts von Dauer und Wert sei. Diese Fähigkeit der Kritik ist absolut notwendig, bevor wir über neue Formen der politischen Mobilisierung nachdenken und wenn wir verhindern wollen, dass negative Leidenschaften den politischen Raum beherrschen. Es geht darum, der Vernunft eine neue Chance zu geben.

KNA: Wenn uns das nicht gelingt?

Mbembe: Riskieren wir, dass das Leben, zumindest das menschliche Leben, auf diesem Planeten ausgelöscht wird.

KNA: Können Religionen dazu beitragen, das Ruder herumzureißen?

Mbembe: Das hängt stark davon ab, wer sie nutzt. Man sieht in einigen Ländern beispielsweise, wie konservative Pfingstkirchen eher zum Zerfall der Gesellschaft beitragen, anstatt sie zu einen. Wenn wir davon sprechen, wieder mehr Energie in die Fähigkeit zum kritischen Denken zu investieren, dann gehört für mich auch dazu, gewisse religiöse Einstellungen und Strategien wie Fanatismus oder Fundamentalismus zu hinterfragen.

KNA: In Deutschland, aber auch in anderen Ländern Europas gibt es zunehmend Debatten über den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit. Was halten Sie von der Rückgabe von Kunstgegenständen oder Wiedergutmachungszahlungen für begangenes Unrecht, wie das etwa Herero und Nama von Deutschland fordern?

Mbembe: Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Aber es gibt eine Pflicht zur Wahrheit, die darin besteht, anzuerkennen, dass da etwas geschehen ist, das niemals hätte geschehen dürfen. Es bringt nichts, die Vergangenheit zu leugnen. Die Wahrheit ist die Lehrmeisterin für Verantwortung und Gerechtigkeit. Diese Offenheit halte ich für unabdingbar, um seriös über Fragen von Restitution und Reparation zu diskutieren.

KNA: Wie aber könnte Wiedergutmachung vor diesem Hintergrund aussehen?

Mbembe: Erstens: Die Wahrheit annehmen und zweitens: das Antlitz einer Erde wiederherstellen, die wir zerstört haben, was mit einschließt, die Lebensräume der betroffenen Bevölkerung wiederherzustellen. Und wenn Letzteres eine finanzielle Wiedergutmachung nötig macht, sollte man diese leisten.

KNA: Sind Sie Optimist oder Pessimist?

Mbembe: Ich bin Realist. Ich will mir nichts vormachen. Und gleichzeitig liegt mir daran, zu einem Wandel beizutragen. Das Denken hat noch seinen Platz in unserer Welt.

Autor/in:
Joachim Heinz
Quelle:
KNA
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