In Benin ist die Kirche wichtiger Treffpunkt für Gehörlose

Singen, ohne die Lippen zu bewegen

Am Sonntag findet erstmals der Welttag der Gebärdensprache statt. Mehr Interesse für die Belange Gehörloser wünschen sich auch Betroffene im westafrikanischen Benin. Wie etwa in einer Kirchengemeinde von Cotonou.

Lied in Gebärdensprache / © Harald Oppitz (KNA)
Lied in Gebärdensprache / © Harald Oppitz ( KNA )

Sonntagsgottesdienst in Cotonou: In der kleinen Kirche mit der Schiefertafel hinter der Kanzel machen 50 Männer und Frauen Kirchenmusik. Zu vernehmen sind jedoch nur die Klänge des Keyboards. Die Gottesdienstbesucher "singen" mit den Händen - denn sie sind gehörlos. Einige wurden so geboren, andere erkrankten; etwa an Meningitis, eine häufige Ursache für den Verlust des Gehörs.

Die Kirche "Evangelische Mission für Gehörlose" in Benin ist ein wichtiger Treffpunkt, an dem nicht nur Gottesdienst gefeiert wird.

"Die Hörenden haben sich lustig gemacht"

Pastor Virgile Cossou (53) hält die Predigt. Gestenreich geht es um die Apokalypse, falsche Propheten und Moral. Seit 35 Jahren gehört er zur Gemeinde und erinnert sich gut an seine Kindheit und Jugend als Gehörloser. "Die Eltern haben ihre Kinder zwar zur Schule geschickt. Aber sie haben dort nichts gelernt." Mehr noch: Cossou, der heute in der US-amerikanischen Botschaft arbeitet, hat auch die Hänseleien seiner Mitschüler nicht vergessen. "Die Hörenden haben sich lustig gemacht und gesagt, wir seien Tiere."

Dass Spott und Diskriminierung langsam aufhörten, daran war in Westafrika Andrew Foster maßgeblich beteiligt. Der afro-amerikanische Missionar, der 1987 starb, verlor durch eine Meningitis sein Gehör, studierte dennoch an verschiedenen US-Universitäten und besuchte ab

1957 zahlreiche afrikanische Länder. Dort fing er an, Schulen für Gehörlose zu gründen. Den Anfang machte Ghana, dann Nigeria. Nach Benin kam Foster 1977 und legte den Grundstein für die Kirche, in der Cossou nun jeden Sonntag predigt. Anfangs zählte sie 14 Mitglieder. Parallel dazu entstand auch die Schule auf dem Nachbargrundstück.

Alltag bleibt für viele eine Herausforderung

Gut 40 Jahre später gibt es in Benin, wo rund elf Millionen Menschen leben, immerhin zwei staatliche und mehrere private Schulen für Gehörlose. Dort ist es auch möglich, das Abitur zu machen. Da Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Land am Unterricht teilnehmen, gibt es auch Internate. Auch auf politischer Ebene hat sich das Bewusstsein verändert. Die Afrikanische Union (AU) versucht laut einem Strategiepapier, seit 1999 vermehrt auf Menschen mit Behinderungen aufmerksam zu machen.

Bis 2019 sollen sie auf dem ganzen Kontinent volle Teilhabe am öffentlichen Leben erhalten und gleichberechtigt sein. Auch die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) kündigte 2012 an, die Diskriminierung von Behinderten verbieten zu wollen. Seit mehreren Jahren hat das staatliche Fernsehen eine wöchentliche Sendung in Gebärdensprache.

Trotzdem bleibt der Alltag für viele eine Herausforderung. Martine Noukponhi, die im Zentrum für Gehörlose in Agla arbeitet und dort die Internatskinder betreut, erlebt oft: "Eltern kümmern sich mehr um hörende als um gehörlose Kinder." Umso wichtiger sei es für sie, eine passende Schule zu besuchen.

"Gehörlose finden trotz Ausbildung häufig keine Arbeit"

Allerdings ist ein Schulabschluss längst kein Garant für Arbeit. In Benin, wo die Bevölkerung jährlich um 2,7 Prozent wächst, klagen auch junge Menschen ohne Behinderung über mangelnde Arbeitsplätze und Perspektiven. "Doch Gehörlose finden trotz Ausbildung häufig keine Arbeit", sagt Virgile Cossou. Deshalb blieben sie zu Hause oder müssten sich als Hilfsarbeiter durchschlagen. Jobs gibt es beispielsweise im Hafen, etwa beim Schleppen von Fisch.

Auf diese Schwierigkeiten aufmerksam machen sollen nun gleich zwei Tage. Am Sonntag (23. September) wird weltweit erstmals der Tag der Gebärdensprache gefeiert. Diesen hatten die Vereinten Nationen erst Ende 2017 beschlossen. Er erinnert an die Gründung des Weltbundes der Gehörlosen (WFD) am 23. September 1951. Veranstaltungen gibt es aber auch am letzten Sonntag im September, an dem bisher auf Gehörlose und Gebärdensprache aufmerksam gemacht wurde.

Mehr Bewusstsein zu schaffen, das wünscht sich in Cotonou auch Virgile Cossou. In den vergangenen Jahren hat er bereits Veranstaltungen in Benin rund um den Tag der Gebärdensprache organisiert. Menschen mit anderen Behinderungen gelinge es eher, Aufmerksamkeit zu erhalten, meint der Pastor. In der Verantwortung sei deshalb vor allem der Staat. Er muss sich mehr um die Belange der Gehörlosen kümmert, fordert Cossou.

Von Katrin Gänsler

Quelle:
KNA