Finnische Katholiken befürworten NATO-Beitritt

"Neutralität war lange unser Zauberwort"

Schweden und Finnland haben nun auch offiziell die Aufnahme in die NATO beantragt. Auch die Katholiken in Finnland begrüßen diesen Schritt. Die Kirche stehe zwar für den Frieden, das müsse aber auch ein gerechter Frieden sein.

Nato-Flagge vor dem finnischen Parlament in Helsinki / © Antti Aimo-Koivisto (dpa)
Nato-Flagge vor dem finnischen Parlament in Helsinki / © Antti Aimo-Koivisto ( dpa )

DOMRADIO.DE: Finnland hat gemeinsam mit Schweden am Mittwochmorgen offiziell den Antrag zur Aufnahme in die NATO gestellt und bricht damit mit Jahrzehnten der politischen Neutralität. Was denken die Menschen in Finnland über diesen Schritt?

Marko Tervaportti / © privat
Marko Tervaportti / © privat

Marko Tervaportti (Pressesprecher Bistum Helsinki): Die Finnen sind sich da sehr einig. Schon im Winterkrieg 1939/1940 haben wir eine russische Invasion verhindern können. Das war damals ein wichtiger Moment. Bei Russlands Angriff auf die Ukraine erkennen wir unsere eigene Geschichte an vielen Stellen wieder. Das Gefühl ist das gleiche, da erinnern sich noch unsere Eltern und Großeltern. Die letzten Jahrzehnte, nach dem Zweiten Weltkrieg, war das allerdings kein großes Thema mehr für uns. Aber nun haben sich die Zeiten wirklich geändert. Nun erlauben wir uns, offen anzusprechen, dass es auch viele Probleme gab in den Nachkriegszeiten, als die Sowjetunion großen Einfluss auf Finnland hatte.

DOMRADIO.DE: Dabei hat Finnland ja lange Zeit großen Wert auf Neutralität gelegt. Was hat sich da im Denken verändert? Warum gab es diesen Schritt nicht schon früher?

Tervaportti: Neutralität war für uns lange Zeit eine Art Zauberwort, das es uns ermöglicht hat mit der Sowjetunion, beziehungsweise Russland, im Gespräch zu bleiben. Das war die einzig mögliche Option für Finnland in den 60er und 70er Jahren. Später ist das einfach so geblieben, das war etabliert in der Politik und auch im Volk. Nach dem Fall der Mauer haben wir allerdings schon einige Schritte in Richtung EU, Eurozone und NATO gemacht. Da haben wir gut zusammengearbeitet.

DOMRADIO.DE: Wie stehen Sie denn als katholische Kirche zum nun beantragten NATO-Beitritt Finnlands? Müsste die Kirche nicht eher für den Frieden plädieren?

Marko Tervaportti, Bistum Helsinki

"Sicher wollen wir Frieden, aber wir wollen einen gerechten Frieden."

Tervaportti: Sicher wollen wir Frieden, aber wir wollen einen gerechten Frieden. Im Moment passiert ein großes Unrecht. Und ich glaube, dass ich auch für die Katholiken in Finnland sprechen kann, wenn ich sage, dass ein gerechter Frieden in dieser Situation nicht möglich ist, ohne einen klaren Sieg der Ukraine. Wenn Russland neue Territorien einnehmen will, ist das nicht möglich. Ein gerechter Friede ist anscheinend von der russischen Regierung nicht gewollt. Die Ukraine hat also alle Rechte, auch moralisch, ihr Land zu verteidigen. Da sehen wir keinen Widerspruch.

DOMRADIO.DE: Was tun Sie denn als Kirche in Finnland? Gibt es Gebete? Spirituelle Aktionen?

Tervaportti: Schon zum Kriegsausbruch haben wir Gebetsaktionen veranstaltet. Anbetungen mit besonderen Gebeten für den Frieden, für die Ukraine und für alle Opfer des Krieges. Zehn Prozent der Ukrainer sind katholisch. Die haben wir versucht ausfindig zu machen, um ihnen zu helfen. Seitdem versuchen wir zu helfen – materiell und spirituell. Zum Beispiel den Ukrainern, die auch jetzt zu uns ins Land gekommen sind.

Dabei muss man eingestehen, dass die katholische Kirche in Finnland sehr klein ist. Wir haben 16.000 registrierte Mitglieder. Deshalb arbeiten wir auch mit anderen Kirchen und christlichen Organisationen zusammen. Es gab zum Beispiel eine große ökumenische Aktion mit den Lutheranern und Orthodoxen. Die Orthodoxe Kirche in Finnland, die Konstantinopel nahe steht, spielt da auch eine große Rolle.

Wir hatten zwei große Veranstaltungen. Eine bei der lutherischen Kathedrale, wo auch zwei unserer Priester gesprochen haben. Vor kurzem gab es eine Andacht im Hof unserer katholischen Kathedrale in Helsinki, direkt gegenüber der russischen Botschaft. Da haben vier lutherische Bischöfe, der orthodoxe Erzbischof und unser emeritierter Bischof gemeinsam gebetet und sich für den Frieden ausgesprochen. Da haben wir ganz eindeutig den Krieg verurteilt und für den Frieden gebetet.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Schweden und Finnland beantragen NATO-Beitritt

Schweden und Finnland haben offiziell die Mitgliedschaft in der Nato beantragt. Botschafter der beiden Staaten übergaben Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in der Brüsseler Bündniszentrale die entsprechenden Dokumente. Dieser sprach von einem «historischen Schritt». «Dies ist ein guter Tag zu einem kritischen Zeitpunkt für unsere Sicherheit», sagte Stoltenberg mit Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Jens Stoltenberg, Generalsekretär der Nato / © Hannibal Hanschke/Reuters/Pool/ (dpa)
Quelle:
DR