Experte sieht "Protestantisierung" der katholischen Kirche

"Unter der Hand"

Wird die katholische Kirche zu einer zweiten protestantischen? Der Vorwurf kommt nicht nur aus dem Vatikan. Gerade das neuste Statement facht die Debatte an. Ulrich Ruh sieht einen klaren Trend, nicht erst seit dem Synodalen Weg.

 Dritte Synodalversammlung
 / © Julia Steinbrecht (KNA)
Dritte Synodalversammlung / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: In welcher Beziehung steht der Synodalen Weg grundsätzlich zur den evangelischen Landeskirche?

Ulrich Ruh (Honorarprofessor an der Uni Freiburg, katholischer Theologe und Publizist)Das Verständnis und die Praxis von Kirchenleitung sind in der evangelischen und katholischen Kirche so verschieden, dass mögliche Kontakte von vornherein beschränkt sind. Beide Kirchen haben jeweils ihr System der Kirchenleitung und möchten auch, wenn ich es recht sehe, daran festhalten. Deswegen muss Ökumene auf anderen Feldern weitergehen.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet das jetzt für den Synodalen Weg und die Ökumene?

Ruh: Der Synodale Weg ist wie damals die Würzburger Synode eine katholische Angelegenheit. Es ist der Versuch, auf der Grundlage des katholischen Kirchenverständnisses, das offiziell auch im Zweiten Vatikanum voll und ganz festgehalten wird, Wege zu finden, wie man bestimmte Krisen und Probleme in der deutschen Kirche oder Zukunftsfragen möglichst gemeinsam behandeln kann. Aber das ist kein Vergleich mit einer evangelischen Synode.

Ökumene

Der Begriff "Ökumene" stammt aus dem Griechischen und heißt wörtlich übersetzt "die ganze bewohnte Erde". Gemeint sind die Bemühungen um die Einheit aller getrennten Christen. Die Ökumenische Bewegung ging zunächst von evangelischer Seite aus; als Beginn gilt die Weltmissionskonferenz von Edinburgh im Jahr 1910. Sie führte 1948 zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (Weltkirchenrat, ÖRK) mit Sitz in Genf. Ihm gehören heute 349 reformatorische, anglikanische und orthodoxe Kirchen mit 560 Millionen Christen in 110 Ländern an.

Bewegung in der Ökumene / © Paul Sklorz (KNA)
Bewegung in der Ökumene / © Paul Sklorz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Das Statement aus dem Vatikan hat verschiedene Reaktionen hervorgerufen. Die Kritiker des Synodalen Wegs haben gejubelt. Die Gremien, die jahrelang am Tisch zusammensaßen, diskutiert haben, Texte formuliert haben, waren natürlich enttäuscht. Wie haben Sie denn die Stellungnahme gelesen?

Ruh: Ich finde sie insofern nicht dramatisch, als dass sie einfach an Grundprinzipien des katholischen Kirchenverständnis erinnert, die sozusagen nicht die Geschäftsgrundlage sein müssen. Sie erinnern daran, dass es eine höchste Autorität des Papstes gibt und der einzelnen Bischöfe für ihre Diözesen. Daran ist ja nicht zu rütteln.

Es ist eher ein Problem, dass es offensichtlich eine Kommunikationsschwierigkeit zwischen den Verantwortlichen des Synodalen Wegs einerseits und dem Heiligen Stuhl andererseits gibt. Man hat es nicht geschafft, die gegenseitigen Positionen wirklich zu verdeutlichen und darüber ins Gespräch zu kommen.

DOMRADIO.DE: Die neue badische evangelische Landesbischöfin, Heike Springer, hat gesagt, sie würde die ökumenische Gemeinschaft gerne pflegen, auch wenn die jüngsten Entwicklungen durch die Stellungnahme des Vatikans eine große Herausforderung sind. Was bedeutet diese Stellungnahme jetzt für die Ökumene in Deutschland? Hat man da tatsächlich auf mehr Spielräume in der Zusammenarbeit gehofft?

Ruh: Nein, die Ökumene funktioniert ja auf vielen Gebieten flächendeckend sozusagen problemlos. Ich denke da an den sozialen Sektor, ökumenische Sozialstationen. Ich denke an die Bildungsarbeit, die viel von ökumenischen Bildungswerk geleistet wird. Ich denke an die Zusammenarbeit im diakonisch karitativen Bereich. Das funktioniert ja auch bei bleibend verschiedenen Leitungsstrukturen in beiden Kirchen.

Es hat mich schon etwas gestört, dass die Reformprozesse in den beiden Kirchen sozusagen mit dem Rücken gegeneinander durchgeführt wurden und experimentiert worden ist. Da hätte man durch rechtzeitige Kontaktaufnahme und Information wahrscheinlich besser vorgehen können.

DOMRADIO.DE: Es gab ja immer wieder die Befürchtung einer Protestantisierung der katholischen Kirche, auch durch den Synodalen Weg. Ist das denn berechtigt aus Ihrer Sicht?

Ruh: Ja, die katholische Kirche wird sozusagen unter der Hand durch die schnöde Wirklichkeit ein Stück "protestantischer". Zum Beispiel, wenn es auf katholischer Seite praktisch keine Priester mehr gibt, das ist jetzt überspitzt formuliert, aber das ist nicht ganz falsch, dann wird der ganze Streit um das kirchliche Amt und sein Profil und seine Rechte letztlich obsolet.

Genauso, wenn es in der katholischen Kirche immer weniger Eucharistiefeiern als Frühform des Gottesdienstes am Sonntag gibt, dann wird die Frage nach der Abendmahlsgemeinschaft zumindest entspannter. Die katholische Kirche wird auch dadurch ein Stück weit "protestantischer", da sie sich überhaupt auf einen synodalen Weg auch auf Weltebene jetzt einlässt.

Das Interview führte Michelle Olion.

Synodaler Weg

Der Begriff "Synodaler Weg" verweist auf das griechische Wort Synode. Es bedeutet wörtlich "Weggemeinschaft"; im kirchlichen Sprachgebrauch bezeichnet Synode eine Versammlung von Bischöfen oder von Geistlichen und Laien.

In ihrem Reformdialog auf dem Synodalen Weg wollen die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland beraten.

Ausgangspunkt ist eine jahrelangen Kirchenkrise, die der Missbrauchs-Skandal verschärft hat.

Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht (KNA)
Logo Synodaler Weg / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Quelle:
DR