Ex-Bundespräsident Wulff zieht Kraft aus dem Glauben und der Empathie

"Es gibt etwas Größeres und Höheres"

In der Fastenpredigt-Reihe in Maria Laach hat der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff über Empathie und Demut gesprochen. Im Interview erzählt er, wie ihn diese Werte geprägt und im Glauben durch das Leben getragen haben.

Autor/in:
Bernd Knopp
Christian Wulff / © Moritz Frankenberg (dpa)
Christian Wulff / © Moritz Frankenberg ( dpa )

DOMRADIO.DE: Sie haben die fünfte von sieben Fastenpredigten in der Basilika der Benediktinerabtei Maria Laach gehalten. Welche Bedeutung hat für Sie die Fastenpredigt?

Christian Wulff (Bundespräsident a.D.): Maria Laach ist ein besonderer Ort. Als Kind wurde mir hier die Kirche gezeigt. Ich hätte mir nie träumen lassen, hier einmal predigen zu dürfen. Zwar gibt es eine große Distanz zur Gemeinde, aber es überwiegt die Erinnerung daran, was hier über die Jahrhunderte alles stattgefunden hat. Wer hier alles gebetet, sich versammelt und diesen Ort geprägt hat. 

Es ist ein besonderer Ort, eine besondere Aufregung und eine seltene Gelegenheit, hier sprechen zu dürfen. Deswegen habe ich die Einladung gerne angenommen und hoffe, dass es bei dem einen oder anderen Impulse zum Nachdenken hinterlässt.

Christian Wulff

"Hannah Arendt hat dazu gesagt, dass der Tod der Empathie, ein Zeichen dafür ist, dass eine Gesellschaft in die Barbarei verfällt und das wollen wir alle nicht."

DOMRADIO.DE: In Ihrer Predigt haben zwei Werte eine ganz besondere Rolle gespielt: die Empathie und die Demut. Welche Bedeutung haben für Sie diese beiden Werte in dieser Zeit?

Wulff: Ich habe den Eindruck, dass es gerade immer mehr Politikerinnen, aber vor allem Politiker zu geben scheint, die nur die eigenen Interessen in den Vordergrund stellen: nationalistisch zu überhöhen, besser als die anderen zu sein und sich abzugrenzen – wir und "die Anderen". Das ist ein Boden, auf dem Unheil gedeiht. 

Die glücklichen Jahrzehnte nach den Weltkriegen hatten wir dadurch, dass man nicht nur die eigenen Interessen verfochten hat, sondern auch die der anderen mitberücksichtigt hat. Das nennt man Einfühlungsvermögen oder Empathie, das heißt, sich auch in den anderen hineinzuversetzen. 

Wenn die verloren geht und belächelt wird, wenn gesagt wird "Schwächere sind selber schuld", dann setzt sich das "Recht des Stärkeren" durch und nicht mehr die "Stärke des Rechts". Dann sind wir auf einer abschüssigen Bahn. Hannah Arendt hat dazu gesagt, dass der Verlust, der Tod der Empathie ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass eine Gesellschaft in die Barbarei verfällt, und das wollen wir alle nicht. 

DOMRADIO.DE: Sie waren früher Bundespräsident und haben als solcher sowohl schöne als auch unschöne Zeiten erlebt. Welche Kraft haben und ziehen Sie weiterhin aus dem Glauben?

Wulff: Ich hatte das große Glück, dass mich eine Ordensschwester begleitet, die mir immer wieder versichert: "Ich stehe hinter dir, egal was dir vorgeworfen wird. Am Ende wird nichts dran sein. Auch in schwierigen Zeiten, wenn jemand am Boden liegt, stehe ich an deiner Seite." 

Es gab viele, hauptsächlich kritische und verurteilende Briefe, die mich erreicht haben. Deswegen war es besonders auffällig, dass die Briefe, die mir Mut machten – die sagten "Du bist ein Mensch, trotz allem, was dir vorgeworfen wird" – fast immer Briefe von Christinnen und Christen waren oder von Menschen, die christlich inspiriert waren und die in einer Zeit, in der alle zuschlagen, das Gefühl hatten, Trost zu spenden und nicht mit zuzuschlagen. 

Das war eine ganz wichtige Erfahrung. Ich wusste, da gibt es was Größeres und Höheres. Mir hat auch dieser Satz geholfen, dass man sich selbst nicht zu wichtig nehmen soll. Wie es mal Frau Käßmann gesagt hat: "Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand". 

DOMRADIO.DE: Sie haben gesagt, Sie waren in Ihrer Kindheit hier und von der Schönheit beeindruckt. Wie reizvoll ist der Ort Maria Laach für Sie heute? 

Wulff: Für mich sind Bücher und Bibliotheken wichtig, weil mein Großvater Bücher sammelte. Er war selbst Heimatdichter und Leiter einer Hauptschule in einem Dorf und hat nebenher die Heimatgeschichte geschrieben. 

Wenn man als kleines Kind bei seinem Großvater zwischen Büchern von Wilhelm Busch und anderen aufwächst und da drin blättert, dann baut man eine Beziehung dazu auf – eine Beziehung zu Bibliotheken, in denen man sich einfach wohlfühlt und weiß, dass die Zeiten, in denen viel gelesen wurde, auch gute Zeiten waren.

Das Interview führte Bernd Knopp.

Maria Laach

Abtei Maria Laach / © Elena Kharichkina (shutterstock)

Die Abtei Maria Laach ist eine hochmittelalterliche Klosteranlage. Sie liegt an der Südwestseite des Laacher Sees, ein paar Kilometer nördlich von Mendig in der Eifel, und gehört zu der Ortsgemeinde Glees. Sie wurde als Abbatia ad Lacum (lateinisch für "Abtei am See") zwischen 1093 und 1216 als Stiftung Heinrichs II. von Laach und seiner Frau Adelheid erbaut. Ihren heutigen Namen erhielt sie im Jahre 1863. 

Quelle:
DR

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