Evangelischer Theologie Leppin kritisiert Trumps Papst-Kritik

"Die Macht der leisen Worte"

US-Präsident Donald Trump hat Papst Leo XIV. wegen dessen Friedensaussagen scharf angegriffen. Für den Theologen Volker Leppin war dieser Ausbruch nur eine Frage der Zeit. Stehen sich hier "zwei Welten" gegenüber? Ein Gastkommentar.

Donald Trump / © Joshua Sukoff (shutterstock)

Dass es nicht gut gehen würde zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem Papst aus Amerika, hätte man gleich ahnen können. Noch als Kardinal hatte Robert Prevost deutlich gemacht, dass die Vorstellungen des betont katholischen amerikanischen Vizepräsidenten von einem ordo amoris mit der aktuellen katholischen Lehre wenig zu tun haben. Zu Vance’ Äußerung, man solle zunächst die Familie, dann den Nächsten und dann das eigene Land lieben – und erst danach auch den "Rest der Welt" – teilte Prevost auf X rasch die knappe Antwort eines Reporters: "JD Vance is wrong." Das schien den Frieden aber erstmal nicht zu trüben. Trump begrüßte die Wahl Leos enthusiastisch als "great honor for our country".

Der neu gewählte Papst Leo XIV. (r), der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan (dpa)
Der neu gewählte Papst Leo XIV. (r), der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan / ( dpa )

Nun gewinnen seine Äußerungen einen anderen Zungenschlag – in einem seiner berüchtigten Posts erklärte er am vergangenen Sonntag den Papst auf "Truth Social" nicht nur für schwach, sondern behauptete auch noch, dieser habe seine Wahl Trump zu verdanken. Denn nur seinetwegen sei überhaupt ein Amerikaner zum Papst gewählt worden. Das ist nun eine eher besondere Perspektive auf das Konklave. Die Mühlen des Vatikans mahlen anders. Sie mahlen gewiss nicht immer so, wie man sich das als Protestant aus Deutschland vorstellen würde. Aber ihre Logik ist auch eine andere, als sie sich der US-Präsident ausmalt.

Und doch berührt er mit seinem Post etwas Wesentliches. Auf ganz eigene Weise haben sich die Dinge so entwickelt, dass sich in den beiden Amerikanern nun zwei denkbar unterschiedliche Weisen von Macht in dieser Welt gegenüberstehen. Die Macht der Drohungen, des Militärs, der wirtschaftlichen Maßnahmen liegt offenkundig auf Seiten des Präsidenten, wenn auch vielleicht, wie schon die Schwierigkeiten des Irankrieges zeigen, nur für eine überschaubare Zeit. Die Macht des Wortes liegt dagegen auf Seiten des Papstes. Noch dazu die des leisen Wortes.

Papst Leo hat mit seinen kritischen Bemerkungen zum Irankrieg die Scheinwerfer nicht gesucht, aber geschickt genutzt, dass sie ohnehin schon auf ihn gerichtet waren. In aller Ruhe hat er an die christliche Botschaft erinnert, so wie er seit Jahren und Jahrzehnten auch im Blick auf den Umgang mit Immigration christliche Werte ins Bewusstsein rückt. Es ist seine lange Erfahrung in Lateinamerika, die sich etwa in seiner oben angeführten Kritik an J.D. Vance zeigt. Trump hat wohl auch diese Abweichung von seinen eigenen politischen Grundvorstellungen im Blick, wenn er dem Papst vorwirft, "schwach im Blick auf Kriminalität" zu sein. Leo XIV. sieht die Frage der Wanderungsbewegungen von Süd- nach Nordamerika nicht in erster Linie unter der von Trumps Regierung propagierten Annahme, sie sei verantwortlich für die Kriminalität in den USA, sondern für ihn ist sie vor allem Ausdruck der Ungleichverteilung des Reichtums in der Welt und der sich darin niederschlagenden Ungerechtigkeit der Weltordnung. Der Mann, der in den wohlhabenden USA aufgewachsen ist, hat als Bischof in Peru die Probleme der Armut vor Ort kennengelernt – und war gerade dafür bekannt, nah bei den Menschen zu sein, die unter Armut und Naturkatastrophen litten.

Diese Haltung, die an seinen Vorgänger Franziskus anknüpft, dürfte wichtiger für seine Wahl gewesen sein als der amerikanische Pass. So wie es gewiss nützt, dass er sich eloquent auf Englisch verständigen kann, aber er mehr dadurch glänzen kann, dass und wie er Spanisch und Italienisch spricht.  Seine Aussage, dass der Friedefürst Jesus nicht auf der Seite derer ist, die das Schwert führen oder Bomben werfen, zeigt ebenso wie sein Hinweis, die Drohung mit der Auslöschung einer ganzen Zivilisation sei schlicht nicht hinnehmbar, in der Abstufung der Äußerungen interessante Nuancen. Aber die Botschaft ist klar: Gerade in von religiöser Rhetorik aufgeladenen Situationen steht die biblische Botschaft auf Seiten des Friedens – eines gerechten Friedens, wie Leo im Blick auf den Ukrainekonflikt immer wieder betont, aber eben des Friedens. Das ist auch in Zeiten, in denen neu über die Lehre vom gerechten Krieg nachgedacht wird und werden muss, eine eindeutige, nachhaltige und wichtige Mahnung.

Und an dieser Stelle geschieht dann auch ökumenisch etwas Bemerkenswertes mit dem Amt, das Leo innehat. Mittlerweile sind viele Vorschläge, auch von evangelischer Seite, das Papstamt als Amt der Einheit zu akzeptieren, diskutiert und abgewiesen worden. Aus evangelischer Sicht muss ein solches Amt nicht notwendigerweise mit dem Bischofssitz in Rom verbunden sein und kann schon gar nicht in irgendeiner Weise von dem Gedanken einer Unfehlbarkeit geleitet sein. Leo aber gelingt es durch seinen Stil, vor allem durch seine Nachdenklichkeit, in seiner Amtsführung spirituell und faktisch zu einer Stimme der Christenheit zu werden und so die christliche Botschaft für alle Christinnen und Christen vernehmbar zu machen. 

Es war ein Papst Leo, der die Exkommunikation Martin Luthers unterzeichnet hat. Der jetzige Leo gibt auch Protestanten das Gefühl, in einer Welt, in der immer mehr Gewalt und brachialer Durchsetzungswille herrschen, die Stimme Jesu Christi zu Gehör zu bringen. Der Prophet Elia vernahm die Stimme Gottes in einem stillen, sanften Sausen. In diesem leisen Rauschen hat sie ihre Macht gezeigt, die größer ist als jede Macht auf Erden.

Volker Leppin / © Harald Oppitz (KNA)
Volker Leppin / © Harald Oppitz ( KNA )

Zum Autor: Volker Leppin ist ein deutscher evangelischer Theologe und Professor of Historical Theology an der Yale University.

Quelle:
DR

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