Evangelischer Pfarrer hinterfragt Sonntagsgottesdienst

"Wir müssen deutlich flexibler werden"

Auch die evangelische Kirche hat mit Austritten und schlecht besuchten Gottesdiensten zu kämpfen. Soll man in Zukunft nicht mehr auf den klassischen Sonntagsgottesdienst um 10 Uhr setzen? Joachim Gerhardt fordert mehr Flexibilität.

Leere Sitzplätze in einer Kirche / © Jens Schulze (epd)
Leere Sitzplätze in einer Kirche / © Jens Schulze ( epd )

DOMRADIO.DE: Wie sieht es denn in Ihrem Kirchenkreis aus, was Austrittszahlen und Gottesdienstbesuche angeht?

Pfarrer Joachim Gerhardt / © U. Pueschmann (Evang. Kirchenkreis Bonn)

Pfarrer Joachim Gerhardt (Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen Kirchenkreis Bonn): Bei den Austrittszahlen sitzen wir am Ende alle in einem Boot. Jeder Austritt hat seine eigene Geschichte. Wenn man sie hört, kann man auch manches nachvollziehen, muss man auch als Protestant ehrlicherweise sagen, auch wenn es sehr unterschiedlich ist und wir ein Stück weit auch im katholischen Fahrwasser da gerade mit ein wenig Schiffbruch erleiden.

Pfarrer Joachim Gerhardt, Evangelischer Kirchenkreis Bonn

"Bei uns haben sich die Kirchenaustritte im letzten Jahr auch verdoppelt, zum Teil verdreifacht. Das ist auch sehr traurig."

Es gibt auch evangelische Gründe, dass die Bindungskraft unserer Kirche nicht so stark ist wie lange Zeit die der katholischen Kirche. Bei uns haben sich die Kirchenaustritte im letzten Jahr auch verdoppelt, zum Teil verdreifacht. Das ist auch sehr traurig.

Umfrage untersucht Einstellung junger Menschen zur Kirche

Junge Menschen wünschen sich eine deutlichere Positionierung der Kirchen bei gesellschaftlichen und politischen Themen. Das gaben 56 Prozent der Befragten zwischen 18 und 29 Jahren in einer Umfrage an.

Die Managementberatung Horvath ermittelte in ihrer Umfrage, dass unter der Gesamtbevölkerung dieser Anteil demnach bei 52 lag, unter Kirchenmitgliedern bei 61 Prozent.

Symbolbild Umfrage / © Tero Vesalainen (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Nun gibt es Diskussionen, ob der klassische Gottesdienstbesuch morgens um 10 Uhr noch wirklich zeitgemäß ist. Wenn in mancher Kirche nur noch eine Handvoll von Gläubigen sitzt, sollte man den Sonntagsgottesdienst streichen und andere Formate der Verkündigung vorziehen?

Gerhardt: Das eine tun und das andere nicht lassen. Aber wir müssen deutlich flexibler werden, auch was diese klassischen Angebote anbetrifft. Wir freuen uns immer noch über guten Besuch hier in Bonn und in der Region, das darf ich sagen. So richtig leere Kirchen haben wir nicht. Es sind viele Menschen, die auch Sonntagmorgen kommen. Ein normaler Gottesdienst hat auch seine 50 bis 100 Leute bei mir in meiner eigenen Gemeinde, in der Lutherkirche in der Bonner Südstadt.

Aber wir haben uns entschieden, dass wir sehr bewusst übers Jahr gesehen auch Abendgottesdienst anbieten und manchmal auch – vielleicht einmal in zwei Monaten – bewusst am Sonntagmorgen nicht, sondern abends um 18 Uhr den Gottesdienst zu machen und haben die spannende Erfahrung, dass wir da noch einmal ganz andere und neue Menschen mit diesem Angebot erreichen.

DOMRADIO.DE: Gibt es einen Unterschied zwischen städtischen und ländlichen Gemeinden, was die Bedürfnisse der Gläubigen hinsichtlich des Gottesdienstes und der Seelsorge angeht?

Pfarrer Joachim Gerhardt, Evangelischer Kirchenkreis Bonn

"Ich glaube, dass wir deutlich besser hingucken müssen, was die Menschen vor Ort brauchen."

Gerhardt: Das glaube ich nicht. Es wird immer schnell gesagt, dass das Milieu in der Stadt ganz anders als auf dem Land. Überall sind Menschen, die ihre Sehnsüchte, Hoffnungen, auch Ängste teilen. Ich glaube, dass wir deutlich besser hingucken müssen, was die Menschen vor Ort brauchen.

Ich würde auch nicht einfach das Gottesdienstprogramm ändern. Ich würde mich mit meiner Gemeinde mal beschäftigen, auch nicht nur mit den Kerngemeinde-Leuten, die ich immer erreiche, meine 10, 20, 30, die man ja immer irgendwie bekommt. Sondern ich würde mal so hören, wie die Stimmung in der Gemeinde ist.

Wie wäre da ein Angebot, einmal im Vierteljahr sonntags um 18 Uhr einen Gottesdienst zu machen oder vielleicht auch einmal im Vierteljahr an einen anderen Ort zu gehen, draußen ganz bewusst ein Open Air-Gottesdienst zu machen?

Wir machen in Bonn – das ist vielleicht ein bisschen städtisch – auch gute Erfahrungen, dass wir bei Großevents Gottesdienste machen. Jetzt zum Bonn Marathon im April werden wir für die Läuferinnen und Läufer einen Gottesdienst machen.

Ich mache selbst ein, zwei Mal im Jahr einen Gottesdienst im Bonner Kunstmuseum. Das ist auch eine ganz besondere Veranstaltung, die ganz besondere Menschen und andere Menschen anspricht, als so die ganz klassische Gemeinde.

DOMRADIO.DE: Sie haben auch einige Projekte angestoßen, die ökumenisch organisiert sind. Was für Erfolge konnten Sie da in der Vergangenheit verzeichnen?

Pfarrer Joachim Gerhardt, Evangelischer Kirchenkreis Bonn

"Da geht es um Segen, um Zuspruch und um Seelsorge. Da spielen die Konfessionsgrenzen gar keine Rolle."

Gerhardt: Die allermeisten Menschen unterscheiden gar nicht evangelisch oder katholisch. Das ist auch ein Grund für diese Austrittswelle, die uns auf irgendeine Art und Weise ja genauso trifft. Dieser geistliche Startschuss zum Bonn Marathon zum Beispiel ist eine ökumenische Andacht. Es gibt sogar zwei, die wir machen, weil es den Hauptlauf und dann noch einen Halbmarathon gibt. Da muss man schon ein bisschen die Zeiten anpassen.

Das machen wir natürlich gemeinsam, weil wer Marathon mitläuft, da spielt es keine Rolle, ob der evangelisch oder katholisch ist. Die Menschen wünschen sich einen Segen, einen geistlichen Impuls am Vormittag für diesen Tag, für diesen Lauf. Das ist eine Andacht sowohl für Mitwirkende, aber auch für alle, die im Umfeld an diesem Marathon teilnehmen. Da spielt Konfession gar keine Rolle. Da geht es um Segen, um Zuspruch und um Seelsorge. Da spielen die Konfessionsgrenzen gar keine Rolle.

Das Interview führte Elena Hong.

Quelle:
DR