Europäische Wirtschaftsethik hat christliche Wurzel

Die Verbindung von Kirche und Wirtschaft

Neues Lesematerial zu einem abstrakten Thema: Ein neues Handbuch bringt jetzt die europäische Wirtschaftsethik näher und ermöglicht es, verschiedene Fragen der Wirtschaftsethik und die christliche Soziallehre in neuen Zusammenhängen zu sehen.

Alexander N. Krylov: Handbuch zur Europäischen Wirtschaftsethik / © Ulrike Oberliesen (Erzbistum Köln)
Alexander N. Krylov: Handbuch zur Europäischen Wirtschaftsethik / © Ulrike Oberliesen ( Erzbistum Köln )

In einem Norddeutschen Gespräch zur Wirtschaftsethik wurde in der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen ein erstes Handbuch zur europäischen Wirtschaftsethik präsentiert. Das Buch ist gleichzeitig in zweit Hauptstadt-Verlage – BWV - Berliner Wissenschafts-Verlag (Berlin) und Verlag Österreich (Wien) erschienen. Über fünfzig Wissenschaftler und fast siebzig Universitäten sowie Forschungseinrichtungen aus zwölf Ländern Europas und aus den USA stellen ihre neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse vor. Die neue Veröffentlichung ermöglicht es, verschiedene Fragen der Wirtschaftsethik und die christliche Soziallehre in neuen Zusammenhängen zu sehen.

Es gibt fünf interdisziplinäre Buchteile

Der rote Faden führt über fünf interdisziplinäre Buchteile. Ausgegangen wird von der Theorie (Teil 1) und Analysen der Wirtschaftspraxis (Teil 2). Im Mittelpunkt steht dann die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Anforderungen an die Wirtschaft (Teil 3). Dazu werden regionale und nationale Spezifika der Wirtschaftsethik in verschiedenen Ländern und Regionen Europas analysiert (Teil 4) sowie Beispiele aus der Praxis der Wirtschaftsethik (Teil 5) vorgestellt.

In vielen Beiträgen wenden sich die Autoren der christlichen Soziallehre zu. Zu diesen gehören auch hochkompetente Repräsentanten der Kirchen. Der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Peter Turkson, hat in seinem Beitrag die Verantwortung der Unternehmer und Wirtschaftsakteure hervorgehoben. Der Leiter des Außenamtes der Russisch-Orthodoxen Kirche, Metropolit Hilarion Alfeyev, beschreibt die moderne Wirtschaft im Hinblick auf den Wertekanon und ihre geistliche Dimension. Die Rolle des freien Marktes kritisiert der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Erzbischof von München-Freising, Reinhard Kardinal Marx. Er fordert eine regulierende Wirtschaftsethik für Staat und Unternehmen und "nicht zuletzt als eine Option für die Armen". Bischof Anton Losinger, ehemaliges Mitglied des deutschen Ethikrates, entwickelt die Sicht auf eine "soziale Marktwirtschaft in Europa", die zentral im christlichen Menschenbild verankert ist.

Kirche gibt keine Modelle und Lösungen vor, weist nur auf Probleme

"Die Kirchen wären natürlich überfordert, wollten sie für die Wirtschaft selbst bestimmte konkrete Modelle oder Lösungen vorlegen. Aber wir können versuchen auf dringende Probleme hinzuweisen, die moralische Sensibilität der Menschen wachzuhalten und zu schärfen"- schreibt Kardinal Reinhard Marx.

Der Herausgeber des Handbuches ist der deutsche Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler und zugleich Theologe, Prof. Dr. Alexander N. Krylov. Er ist ausgewiesen durch Forschungsarbeiten und mehrere Studien zu gesellschaftlichem Wandel, religiöser Identität und den Beziehungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Mehrere Jahre leitete Alexander N. Krylov das West-Ost-Institut in Berlin. Im Juni 2016 empfing er die Priesterweihe und ist gegenwärtig im Erzbistum Köln tätig.

Papst Franziskus las es als einer der Ersten

"In ähnlichen europäischen Handbüchern wird oft vergessen, dass Europa christliche Wurzeln hat. Zu den Autoren dieses Buches gehören Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen und Disziplinen. Das sind neben dem Wirtschaftswissenschaftler und dem Ethikforscher auch der Philosoph, der Europaforscher, der Kulturwissenschaftler und sogar der Neurowissenschaftler. Die europäische Wirtschaftsethik zu behandeln ohne dabei die christlichen Soziallehre zu berücksichtigen wäre - meiner Meinung nach - einfach nicht kompetent. Deswegen war es für mich wichtig, in diesem Buch der Stimme der Kirche eine wissenschaftliche Plattform zu bieten." – so Krylov. 

Zu den ersten Lesern dieser neuen Publikation gehört Papst Franziskus, dem im Juli das Handbuch zur europäischen Wirtschaftsethik bei einer Audienz übereicht wurde. Dies sehen die Verlage als Zeichen des besonderen Respekts und der Hochachtung gegenüber seiner nicht nachlassenden Anmahnung einer gerechteren Wirtschaft und diesbezüglichen Ordnung.

Kardinal Peter Turkson (KNA)
Kardinal Peter Turkson / ( KNA )
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