Europa steht im Zentrum des Jahrestreffens von ND-Christsein.heute

"Europa ist ein Geschenk und unsere Verantwortung"

Greif nach den Sternen Europas! Unter diesem Motto treffen sich die "Bundesgeschwister" des katholischen Verbandes ND zu ihrer Jahrestagung. "Welcher Spirit hält Europa zusammen?" heißt nur eines der prominent besetzten Podien.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Podium mit Dr. Basil Kerski, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen, Dr. Christoph Driessen, Historiker und Autor, Dr. Karlies Abmeier, Mitglied des Zentralkomitees der  
deutschen Katholiken (ZdK) und deutsche Vertreterin im Europäischen Laienforum (ELF), Berlin, sowie Moderator Dr. Markus Nievelstein. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Podium mit Dr. Basil Kerski, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen, Dr. Christoph Driessen, Historiker und Autor, Dr. Karlies Abmeier, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und deutsche Vertreterin im Europäischen Laienforum (ELF), Berlin, sowie Moderator Dr. Markus Nievelstein. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Als sie das Europa-Thema vor etwa einem Jahr gewählt hätten, erklärt Dr. Hermann-Josef Tebroke, habe sich diese inzwischen virulente Bedrohung von außen und von innen in diesem Maße noch nicht abgezeichnet. Doch inzwischen sei die Europafrage angesichts der jüngsten politischen Zuspitzungen aktueller denn je. Von daher sei wichtig, ihre kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Facetten auf die Agenda eines katholischen Bildungsverbandes zu setzen, argumentiert der Leiter des ND. 

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Hermann-Josef Tebroke leitet den ND seit 2020. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Hermann-Josef Tebroke leitet den ND seit 2020. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

"Im Spiel der globalen Kräfte drohen wir zerrieben zu werden, wenn wir Europäer uns nicht auf unsere gemeinsamen Wurzeln und Werte besinnen", ergänzt Dr. Klaus Wilsberg, verantwortlich für die Programmgestaltung der diesjährigen Jahrestagung des ND im Bensberger Kardinal Schulte Haus. Und Dr. Regina Laufkötter, stellvertretende ND-Leiterin, meint: "Wir verstehen Europa als Aufgabe, indem wir die Gesellschaft als Christen in dem einen Geist mitgestalten." Schließlich gehe es darum, "Verantwortung in meiner Welt" zu übernehmen. Und um diese Aufgabe zu erfüllen, aber auch neue Impulse aufzunehmen, diene der ND als das geistige und geistliche Rückgrat.

Impulse – das ist überhaupt ein entscheidendes Stichwort in diesem über 100-jährigen Verband, dem knapp 3000 Mitglieder aller Generationen angehören. "Der ND ist ein Raum, geprägt von jesuitischem Geist, in dem ich als Christin gut aufgehoben bin, um zu denken, zu lernen und zu reflektieren - in gegenseitiger Wertschätzung und generationenübergreifend", bringt Laufkötter das Profil des Verbandes auf den Punkt. "Der ND ist für mich eine Alternative, katholisch zu sein." 

Dr. Regina Laufkötter ist stellvertretende Leiterin des ND. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Dr. Regina Laufkötter ist stellvertretende Leiterin des ND. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Die Juristin, die schon zu Studienzeiten einer ND-Hochschulgruppe angehörte, führt aus: "'Greif nach den Sternen Europas' bedeutet in diesem Kontext: Europa ist eine Chance." Während der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Tebroke - bis 2025 saß er für zwei Legislaturen im Berliner Parlament - betont: "Europa ist unsere Zukunft, wenn wir etwas dafür tun. Denn sein Erhalt ist keine Selbstverständlichkeit. Europa ist ein Geschenk und unsere Verantwortung als Christen."

Podien mit Experten aus Politik, Kirche und Wirtschaft

Europa sei mehr als nur ein Kontinent und mehr als die Europäische Union, heißt es in der Ausschreibung zu dieser Tagung. Aber was hält Europäerinnen und Europäer zusammen? Die trockenen Rechtsvorschriften der EU? Hat das gemeinsame Fundament des europäischen Hauses heute noch dieselben Dimensionen wie 800, 1648 oder 1955? Ist der europäische Zusammenhalt als selbstverständlich zu nehmen? Welchen Risiken von innen und von außen muss Europa begegnen? Welche Chancen eröffnen sich, wenn Europa weitergedacht wird? 

Das sind Fragen, die auf den drei Podien aufgegriffen werden, die mit namhaften Experten aus Politik, Kirche, Wirtschaft und Gesellschaft besetzt sind, darunter unter anderem Dr. Tobias Hentze vom Institut der Deutschen Wirtschaft, Pfarrer Peter Kossen, der sich für die Rechte von Arbeitsmigranten in der Fleischindustrie einsetzt, Dr. Basil Kerski, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen, der Historiker und Autor Dr. Christoph Driessen, Dr. Karlies Abmeier, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und deutsche Vertreterin im Europäischen Laienforum (ELF), Berlin, sowie Dr. Nicole Grünewald, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Köln, und Dr. Milan Wehnert, Leiter des Europakollegs im Cusanuswerk.

Hermann-Josef Tebroke

"Die Pfeiler unseres Verbandes sind Spiritualität und Bildung."

Nicht umsonst stecke die Europaflagge voller christlicher Symbolik mit ihren zwölf Sternen auf blauem Grund – ein Zeichen für den Himmel – und die Sternenzahl als Abbild von Vollkommenheit, erklärt ND-Leiter Tebroke, der in dieser Funktion 2020 auf Claudia Lücking-Michel, ehemals ZDK-Vorstandsmitglied und ebenfalls einst Bundestagsabgeordnete, gefolgt ist. 

Es gehe um Frieden, Stabilität und Einheit in den zur EU gehörenden Mitgliedstaaten, um Zusammenhalt, Solidarität und Gleichheit, unterstreicht der 62-Jährige. Und auch er bekräftigt, dass ein Verband wie der ND die Gesellschaft aus einem christlichen Geist heraus mitgestalten wolle. "Die Pfeiler unseres Verbandes sind Spiritualität und Bildung. Wir reflektieren die drängenden Themen unserer Zeit in einem christlichen Grundkontext und fragen uns: Welche Konsequenzen hat das am Ende für mich persönlich?" Christsein in der Welt von heute – jeder auf seine Weise und an dem Ort, an dem er stehe – darin liege das Selbstverständnis des Verbandes. Und das werde allumfassend gelebt.

Dr. Hermann-Josef Tebroke bei der Begrüßung in Bensberg. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Dr. Hermann-Josef Tebroke bei der Begrüßung in Bensberg. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

In seiner aktiven Zeit als Politiker habe er eine gewisse Kurzatmigkeit und wachsende Unsicherheit bis hin zur Verzweiflung, die sich in der Gesellschaft breit gemacht hätten, beobachtet. "Dabei haben wir aus unserem Glauben heraus doch eine Antwort auf die Sinnfrage. Nur gelingt es uns als Kirche nicht hinreichend, diese Antwort - nämlich die Frohe Botschaft des Evangeliums - auch zu vermitteln, obwohl eine große Sehnsucht danach besteht", mahnt Tebroke und macht aus der konstruktiv-kritischen Haltung des ND gegenüber der verfassten Kirche keinen Hehl. Eine große Stärke des Verbandes sieht er darin, dass er eine Personalgemeinde sei - in fruchtbarer Ergänzung zur kirchlichen Ortsgemeinde.

Regina Laufkötter

"Selbst mit beiden Beinen in der katholischen Kirche erlauben wir uns, frei zu denken und freier als anderswo unseren Glauben zu leben."

Nach seinem Ausscheiden aus der Politik widmet sich der promovierte Betriebswirt aus Lindlar verstärkt dem ehrenamtlichen Engagement in der Kirche, ist aber erst vor wenigen Jahren zum ND dazugestoßen, während andere in diesem Verband groß geworden sind, an seiner Geschichte mitgeschrieben und sich als heranreifende Persönlichkeit bei vielen Bildungsangeboten "ausprobiert" haben, wie seine Leitungskollegin Laufkötter das nennt und worin sie ein großes Plus dieses Verbandslebens sieht. 

"Hier ist niemand festgelegt auf nur die eine Meinung, nur die eine Wahrheit. Selbst mit beiden Beinen in der katholischen Kirche erlauben wir uns, frei zu denken und freier als anderswo unseren Glauben zu leben", sagt die 57-Jährige. "Wir müssen keine liturgische Gestaltung von einem bestimmten Geistlichen vorher genehmigen lassen, sehen uns in diesem Sinne nicht in einer Hierarchie. Trotzdem haben wir über das ZDK, in dem unsere Interessen mitvertreten werden, den Synodalen Weg konstruktiv begleitet."

Hermann-Josef Tebroke

"Der im Grundgesetz verfasste Grundrechtskatalog ist vulnerabel, wenn es in unserer Gesellschaft an einem Minimalkonsens über Grundwerte mangelt."

Das sei ja gerade das Proprium des ND, "dass bei uns unterschiedliche Positionierungen möglich sind, solange sie mit dem christlichen Menschenbild in Einklang stehen". Manchmal entstünden ja gerade erst durch Zuhören, Austausch und engagierte Debatten Positionen, die alle nebeneinander Gültigkeit haben dürften und für andere - gerade auch die jungen Leute im ND - meinungsbildend sein könnten. "Wir sprechen über unseren Glauben, hinterfragen aber auch und dürfen zweifeln." Das schaffe eine große Freiheit. 

"Unser Bildungsbegriff bedeutet, Wissen zu reflektieren und dieses Wissen auf das Leben anzuwenden", so Laufkötter. Jeder dürfe in Freiheit die Botschaft Jesu anders hören und umsetzen, pflichtet Tebroke bei. "Und wer das Evangelium tanzen will, tut auch das. Entscheidend ist, dass wir uns auf gemeinsame Grundwerte verständigen. Denn der im Grundgesetz verfasste Grundrechtskatalog ist vulnerabel, wenn es in unserer Gesellschaft an einem Minimalkonsens über Grundwerte mangelt." Der ND sei da ein zusätzliches Angebot, als Christ zu diesem Minimalkonsens zu finden.

ND will Glaube und Welt zusammenbringen

Neu denken, nah dran, niveauvoll diskutieren, neugierig dabei - das alles sind denkbare Assoziationen zu den beiden Großbuchstaben ND, mit denen sich der katholische Bildungsverband ND "Christsein.Heute" schon immer definiert hat. Ehemals als "Bund Neudeutschland" und Verband der katholischen Jugendbewegung nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, ist der ND heute ein generationenübergreifender Verband von knapp 3.000 engagierten Christinnen und Christen, und offen für alle, die kritisch-intellektuell, aber auch durchaus kreativ ihre Stimme in Kirche und Gesellschaft erheben und angesichts der aktuellen Herausforderungen ihren Beitrag zu einem verantwortungsvollen und lösungsorientierten Diskurs leisten wollen. 

250 NDer nehmen an der Jahrestagung zum Thema "Greif nach den Sternen Europas" teil. / © Beatrice Tomasetti (DR)
250 NDer nehmen an der Jahrestagung zum Thema "Greif nach den Sternen Europas" teil. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Ziel ist es, Glaube und Leben, Kirche und Welt zusammenzubringen und gemeinsam zeitgemäße Antworten auf die gegenwärtigen Fragestellungen beispielsweise bei den drängenden Themen Familie und Bewahrung der Schöpfung, Globalisierung und Sterbehilfe oder Demokratie, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz zu finden. Das in diesen Tagen stattfindende Jahrestreffen sowie thematische Arbeitskreise bieten hierzu die entsprechende Plattform. Aber auch lokale Gesprächsforen, Familienferien, musische Werkwochen, Gottesdienste und Besinnungstage sind gefragte Begegnungsformate.

Auf Anregung von Felix Kardinal Hartmann entstanden

Mittlerweile nennt sich der einstige "Bund Neudeutschland", der sich 1923 auf Schloss Hirschberg im Altmühltal das sogenannte Hirschberg-Programm mit dem Leitsatz "Neue Lebensgestaltung in Christus" gab, abgekürzt ND "Christsein.Heute". Er wurde 1919 auf Anregung des Kölner Erzbischofs Felix Kardinal von Hartmann von Jesuiten als Schülerverband gegründet. Im Namen "Neudeutschland" sollte zum Ausdruck kommen, dass man angesichts der Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg an einem neuen, besseren, christlichen Deutschland mitwirken wollte. 

Erzbischof Jean-Claude Kardinal Hollerich kam eigens zur Firmfeier der Jugendlichen des ND aus Luxemburg nach Bensberg – hier mit den Firmkatecheten. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Erzbischof Jean-Claude Kardinal Hollerich kam eigens zur Firmfeier der Jugendlichen des ND aus Luxemburg nach Bensberg – hier mit den Firmkatecheten. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Die katholische Kirche strebte in der jungen Weimarer Republik einen Jugendverband für Gymnasiasten an, selbstverständlich nach ihren Vorstellungen von Erziehung, Leitung, Autorität. Die Jugendlichen atmeten aber den Zeitgeist: In der "Jugendbewegung" begehrten sie gegen alte Autoritäten auf, tauschten die Uniformen gegen die bequeme "Kluft", brachen aus geschlossenen Schul-"Anstalten" auf in die "freie" Natur, und: Sie setzten nicht länger auf bewährte lehrende, militärische oder geistliche Herren; sie wählten ihre Leiter selbst.

Ein prominenter NDer ist Pater Alfred Delp

So wuchs der einstige Schülerverband zu einer Gemeinschaft, in der Christsein und Welt keinen Widerspruch darstellten. Kennzeichen des "Bundes" waren und sind bis heute: Demokratische Verbandsstrukturen und Gesprächskreise, in denen über Glaubens- und Weltfragen offen gesprochen wird. Er versteht sich als engagierte Stimme für ein zeitgemäßes verantwortliches Christsein in Kirche und Gesellschaft. NDer wie der Jesuit Alfred Delp haben dieses Selbstverständnis konsequent bis zu ihrem Tod gelebt, zumal der Schülerverband Bund Neudeutschland im Dritten Reich massiven Einschüchterungsversuchen durch die Hitlerjugend ausgeliefert war.

Bereits zum 107. Mal trifft sich der katholische Bildungsverband ND-Christsein.heute – in diesem Jahr im Bensberger Kardinal Schulte Haus. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Bereits zum 107. Mal trifft sich der katholische Bildungsverband ND-Christsein.heute – in diesem Jahr im Bensberger Kardinal Schulte Haus. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Heute setzt sich der Verband innerkirchlich besonders für mehr Mitbestimmung der Gläubigen und eine starke Betonung der Rolle von Frauen in der Kirche, inklusive der Forderung nach mehr Gleichstellung, ein sowie für eine Kirche, die sich dialogbereit gegenüber unterschiedlichen Lebensrealitäten, zum Beispiel wiederverheirateten Geschiedenen oder LGBTQ+-Personen, zeigt. Politisch gilt das Hauptengagement des Verbandes dem Schutz von Demokratie und Freiheit, Frieden, Völkerverständigung – und der Einheit Europas.

Quelle:
DR

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