ESC-Mönch findet religiöse Spuren in Eurovision-Liedern

"Der Vatikan könnte am ESC teilnehmen"

Der Eurovision Song Contest wird 70 Jahre alt. Bruder Benedikt Müller ist vielen als ESC-Mönch bekannt. Im Interview verrät er, in welchen Liedern Religion eine Rolle spielt und warum der Vatikan beim ESC dabei sein könnte.

Autor/in:
Roland Müller
Eurovision Song Concert / © railway fx (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Dieses Jahr wird der Eurovision Song Contest (ESC) 70 Jahre alt. Welche religiösen Spuren finden sich über diese Zeit in dem Wettbewerb?

Bruder Benedikt Müller OSB (Mönch der Benediktiner-Abtei Königsmünster in Meschede): Von Anfang an findet man religiöse Spuren in vielen verschiedenen Beiträgen beim ESC. Das sind dann oft spirituelle Themen oder bestimmte Bilder, die in den Liedern verwendet werden. Es gibt aber auch explizit religiöse Songs: 1976 war zum Beispiel der griechische Beitrag ein Lied an die Muttergottes, um das Gebet ging es 1995, ebenfalls beim griechischen Beitrag. Dann ist da aber auch Eimear Quinn, die Gewinnerin von 1996, mit dem Titel "The Voice". Darin beschreibt sie die Erfahrung, Gott in der Stille und der Natur wahrzunehmen. Das Lied enthält auch Anspielungen auf die Schöpfungstheologie. 

Außerdem denke ich da auch an den isländischen Beitrag 2022 in Turin. Darin ging es um die Sonne, die das Dunkel erhellt – ein sehr österliches Lied. Beim ersten russischen Beitrag 1994, "Ewiger Wanderer", spielt das Pilgern eine große Rolle. Das sind nur einige wenige Beispiele, denn es gibt in der Geschichte des ESC immer wieder Beiträge, die das Thema Religion behandeln – und das aus sehr vielen Ländern.

Bruder Benedikt Müller aus der Abtei Königsmünster in Meschede ist leidenschaftlicher Fan des Eurovision Song Contest. / © privat (privat)
Bruder Benedikt Müller aus der Abtei Königsmünster in Meschede ist leidenschaftlicher Fan des Eurovision Song Contest. / © privat ( privat )

DOMRADIO.DE: Kirche und Glaube werden in Europa für viele Menschen immer weniger bedeutsam. Ist es da nicht verwunderlich, dass in einem Wettbewerb wie dem ESC immer wieder auch Religion thematisiert wird?

Bruder Benedikt: Wenn wir Religion auf Kirche reduzieren, würde ich Ihnen recht geben, dass sie immer weniger wichtig wird. Wenn wir den Religionsbegriff aber weiter fassen, dann bin ich überzeugt, dass es auch heute noch sehr viele religiöse Menschen gibt, die an Gott glauben oder spirituell in unterschiedlichen Formen leben. Daher ist es mehr als verständlich, dass diese Seite des menschlichen Lebens, also die Religion, in der Seele zum Schwingen kommt und sich auch in der Musik ausdrückt. Gerade die Lieder beim ESC wollen Emotionen ansprechen. Was gibt es Emotionaleres als spirituelle Momente?! 

Bruder Benedikt Müller

"Was gibt es emotionaleres als spirituelle Momente?!"

DOMRADIO.DE: Gleichzeitig sorgt Religion im weitesten Sinn beim ESC auch für Skandale. Ich denke da an den irischen Beitrag beim ESC 2024, dem Satanismus vorgeworfen wurde.

Bruder Benedikt: Das war in der Tat kein Glanzstück aus dem einstmals sehr katholischen Irland. Die Sängerin Bambie Thug spielte in ihrem Lied auf den Jüngsten Tag, Hexerei und Satanismus an. Ich fand das wirklich sehr grenzwertig, schrecklich, und habe beim Schauen des ESC sogar den Fernseher abgeschaltet. Das ging mir eindeutig zu weit, bei aller Toleranz – besonders das Pentagramm auf der Bühne in Malmö. Ein Bekannter hat mir erzählt, dass der christliche Geflüchtete aus Eritrea, den er hier in Deutschland begleitet, nicht verstehen konnte, warum man so etwas im Fernsehen zeigt.  

DOMRADIO.DE: Wie schlägt sich Religion denn in diesem Jahr beim ESC in Wien nieder?

Bruder Benedikt: Am eindeutigsten sicher im Beitrag "Pray" aus Polen. Darin geht es um das Gebet, wie auch der Titel vermuten lässt. Aber in einigen anderen Liedern gibt es ebenso religiöse Spuren. Die Eröffnung des 70. ESC durch den ORF Anfang der Woche war übrigens eine spektakuläre Show, die mir sehr gut gefallen hat. Wirklich grandios. Mit Vicky Leandros auf der Bühne wurde eine Erinnerung an den alten Grand Prix geschaffen, der für Fans berührend war. Ich habe mich an die frühere sprachliche Vielfalt beim ESC erinnert gefühlt. Das war wirklich toll und völkerverbindend. 

Die Musikerin Sarah Engels freut sich bei dem Vorentscheid zum Eurovision Song Contest über ihren Sieg / © Britta Pedersen (dpa)
Die Musikerin Sarah Engels freut sich bei dem Vorentscheid zum Eurovision Song Contest über ihren Sieg / © Britta Pedersen ( dpa )

DOMRADIO.DE: Sie sind nicht nur leidenschaftlicher Fan von Eurovision, sondern haben vor einigen Jahren sogar in der Jury des ESC mitgewirkt. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Bruder Benedikt: Das war 2019 in der Jury zur deutschen Vorentscheidung. Ich habe dort im Habit teilgenommen, war also als Mönch erkennbar. Im Fernsehen wurde dann sogar gesagt, dass der ESC in jenem Jahr himmlischen Beistand habe. Insgesamt hat es mir aber gut gefallen, und es war eine interessante Zeit. Auch wenn es wirklich viel Arbeit war, so viele Lieder zu hören und zu bewerten. Ich würde aber auf jeden Fall wieder in der Jury mitmachen. 

DOMRADIO.DE: Stimmt eigentlich das Gerücht, dass auch der Vatikan am ESC teilnehmen könnte?

Bruder Benedikt: Ja, das wäre tatsächlich möglich. Denn der Vatikan ist Mitglied der Union der Europäischen Rundfunkanstalten und damit teilnahmeberechtigt. Soweit ich weiß, gibt es aber keine Pläne, dass der Vatikan beim ESC dabei ist. Ich denke, es wäre aber schön, die Fahne des Vatikan bei Eurovision zu sehen. Wer weiß: Vielleicht gibt es eines Tages einen Papst, der sich für die Teilnahme des Vatikan entscheidet?

Das Interview führte Roland Müller.

Quelle:
DR

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