Hochschulpfarrer über Teilen in Zeiten der Corona-Krise

"Es geht wahrscheinlich gerade nicht ohne Zwang"

Der Hochschulpfarrer Burkhard Hose hat ein Buch geschrieben, in dem er für eine neue Kultur des Teilens plädiert. Im Interview spricht er über die Ängste der Menschen und was er von sich und seiner Kirche erwartet.

Leere Supermarktregale: Hamsterkäufe wegen des Coronavirus / © Florent Rols/SOPA Images via ZUMA Wire (dpa)
Leere Supermarktregale: Hamsterkäufe wegen des Coronavirus / © Florent Rols/SOPA Images via ZUMA Wire ( dpa )

KNA: Warum fällt Menschen Teilen so schwer? Pfarrer Burkhard Hose (Hochschulpfarrer in Würzburg): Es gibt eine verständliche Angst vor dem Teilen. Sie kann auf konkreten Erfahrungen beruhen: Es könnte nicht reichen. Die Angst sitzt sehr tief, wie ich es bei einer Tante von mir erlebt habe. Sie ist aus Oberschlesien geflüchtet und die Familie hatte einfach zu wenig dabei.

Es gibt aber auch eine diffuse unbegründete Angst, dass die Vorräte ausgehen könnten. Da frage ich dann immer, wo es denn konkret schon mal nicht gereicht hat. Dann löst sich das häufig auf. KNA: Aber diese diffuse Angst erleben wir gerade jetzt, Stichwort Toilettenpapier und Hefe. Es gibt Höchstmengen pro Kunde - geteilt wird nur unter Zwang. Hose: Es geht wahrscheinlich gerade nicht ohne Zwang. Besser wäre, bei unseren Privilegien anzusetzen. Klar, nicht jeder, der derzeit Klopapier hortet, ist privilegiert. Aber sehr viele Menschen kommen von einem sehr hohen Niveau und haben Angst vor dem Teilen. Da nehme ich mich gar nicht aus. Wenn ich vor so einem leeren Regal stehe, will ich mich erst einmal selbst versorgen. Mir ist wichtig, dass man die Ängste benennt und sich mit den eigenen Privilegien auseinandersetzt. KNA: Was heißt das konkret? Hose: Ich nenne mal ein Beispiel aus der Rassismus-Kritik. Man kann Menschen verbieten, dies und jenes zu sagen. Man kann aber auch mit dem Blick auf die eigene privilegierte Position beginnen: Überlege mal, wie geht es Dir als weißer deutscher Mann? Würdest Du auch eine Wohnung nicht bekommen, weil Du die falsche Hautfarbe und den falschen Namen hast? KNA: Trotzdem raffen wir - muss man Teilen nicht von früh auf lernen? Hose: Karl-Heinz Brodbeck, der früher Volkswirtschaftler an der Fachhochschule Würzburg war, hat einmal gesagt: Unser marktwirtschaftliches Prinzip wird letztlich genährt durch die Gier. Da werden etwa Aktien gekauft, um aus Nichts Geld zu machen.

Ich stelle dem einen franziskanischen, ja biblischen Ansatz entgegen: Im Grunde ist uns alles gemeinsam in ausreichendem Maß von Gott geschenkt. Es ist keine Frage der Großzügigkeit der Reichen, sondern eine Frage der Gerechtigkeit, dass die Armen bekommen, was ihnen zusteht. Es reicht für alle. KNA: Aber auch auf internationaler Ebene ist es gerade jetzt mit dem Teilen nicht so weit her... Hose: In der Krise wird wieder deutlich, dass die alte Weltordnung ungerecht ist. Corona trifft im Augenblick vor allem die reichen Staaten, weil die Menschen dort mobiler waren und daher anfälliger. In Afrika spricht man sogar von der Krankheit der Reichen. Aber sie wird letztlich die Armen das Leben kosten, weil sie nicht ausreichend Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Befremdlich ist auch das starke nationalstaatliche Denken. Es findet eine Entsolidarisierung in der Not statt. KNA: Teilen hat auch was mit Verteilung zu tun. Sind denn die Lasten der Krise hierzulande wenigstens gleich verteilt? Hose: Konzerne, die in den letzten Jahren noch hohe Gewinne eingefahren haben, wollten jetzt keine Mieten mehr zahlen oder rufen sofort nach Kurzarbeit. Wenn ich aber mein Umfeld anschaue, dann trifft die Krise zuerst die, die schon prekär beschäftigt sind - oder die Selbstständigen, bei denen es gerade so gereicht hat.

Menschen aus der Pflege sagen mir zur augenblicklichen Heldenverehrung: Schön, wenn man uns dankt. Aber wie schnell ist es nachher wieder vergessen. Am Ende werden wir erleben, dass Konzerne wieder ihre Schäfchen ins Trockene bringen. KNA: Was heißt denn Teilen für die Kirche und deren Vertreter - zu denen Sie ja auch gehören? Hose: Ich hätte etwa wenig Verständnis, wenn nun auch die Kirche allzu schnell zu Kurzarbeit einführen würde. Dann eher manche Immobilien abstoßen - auch um Menschen zu unterstützen, die wirklich nichts haben. Wir Priester könnten jetzt zu einem Teil auf unser Gehalt verzichten. Das kann ganz unspektakulär sein. Viele von uns gehen viel Essen, auch ich. Gaststätten, die uns immer toll bewirtet haben, sind nun in einer schwierigen Situation. Konkret diese Menschen durch Bestellung zu unterstützen, das ist leicht umsetzbar. KNA: Und wie sieht es derzeit mit der Generationengerechtigkeit aus? Hose: "Fridays for future" haben vor Wochen auf der Straße zu Recht den Alten vorgeworfen, sie verunmöglichten der jungen Generation eine lebenswerte Zukunft, wenn sie nichts änderten. Jetzt haben wir den umgekehrten Fall: Die Alten müssen die Jungen darum bitten, Verantwortung zu zeigen, damit sie Corona überleben können. Wir sind verwiesen aufeinander, das zeigt sich hier deutlich.

Von Christian Wölfel

Burkhard Hose im Portrait / © Angela Krumpen (ak)
Burkhard Hose im Portrait / © Angela Krumpen ( ak )
Quelle:
KNA
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